«Paranoia» vor Vergiftung

12. März 2018 17:06; Akt: 12.03.2018 17:06 Print

Putin stockt Vorkoster-Team auf

Nach der Gift-Attacke auf einen russischen Ex-Spion soll Russlands Präsident Wladimir Putin um seine Sicherheit fürchten. Aus Grossbritannien drohen harte Reaktionen.

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Erst Test, dann Prost: Bevor der russische Präsident Wladimir Putin isst oder trinkt, kostet jeweils ein Angestellter vor. (Dezember 2017) Nun soll Putin sein Vorkoster-Team einem Insider zufolge aufgestockt haben. Aus Angst, nach der Vergiftung des Ex-Spions Sergej Skripal selber Opfer einer Gift-Attacke zu werden. (Archivbild) Der 66-jährige Ex-Spion Skripal und seine 33-jährige Tochter Julia waren am 4. März in Salisbury südwestlich von London bewusstlos auf einer Bank aufgefunden worden. Anschliessend fand man auch in einem Pub Spuren von Nervengift. Spezialkräfte der englischen Armee verhüllen nach dem Giftanschlag einen Krankenwagen. Dazu tragen sie spezielle Schutzbekleidung. Die Polizei untersucht über 200 Beweisstücke. Hier werden die beiden Vergifteten behandelt: Spital von Salisbury. (Archivbild) Der britische Aussenminister Boris Johnson sprach von einem «beunruhigenden» Vorfall. Ein mutmassliches Bild der ebenfalls im Koma liegenden Julia Skripal. (6. März 2018) Ermittler in Schutzanzügen bei der Spurensicherung am Tatort in Salisbury. (6. März 2018) Augenmerk legten die Ermittler auch auf das Zizzi-Restaurant, das neben dem Tatort liegt. Wurde geschlossen und untersucht: Die Pizzeria Zizzi in der Nähe, die mit dem Fall zu tun haben könnte. Überwachungskameras haben eine Frau und einen Mann festgehalten, die vor dem Vorfall in Richtung der Parkbank unterwegs waren. Der Ex-Spion Sergej Skripal wurde kurz vor dem Anschlag von einer Überwachungskamera gefilmt. Abgesperrter Tatort: Skripal wurde auf einer Parkbank vor einem Einkaufszentrum gefunden. Vorsichtsmassnahme: Die Polizei sperrte das Gebiet um den Tatort für die Öffentlichkeit ab. 2006 vor einem russischen Militärgericht: Sergej Skripal bespricht sich mit seiner Anwältin. Liudmila Skripal, die Frau des Ex-Spions, ist im London Road Friedhof in Salisbury begraben. (7. März 2018) Daneben befindet sich auch die Ruhestätte von Alexander Skripal, dem Sohn des angegriffenen Ex-Spions. Der russische Oligarch und Putin-Kritiker Boris Beresowski wurde im März 2013 tot auf dem Boden des Badezimmers seines Hauses in Südengland aufgefunden. (London, 31. August 2012) Der russische Atomphysiker Igor Sutjagin wurde wegen Spionage zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilt, das Urteil wird von Menschenrechtlern kritisiert. Sutjagin war neben Skripal einer der vier Häftlinge des Gefangenenaustauschs von 2010. (Moskau, 7. April 2004) Ähnlicher Fall: Der ehemalige KGB- und MI6-Spion Alexander Litwinenko starb im November 2006, drei Wochen nachdem er in einem Hotel in London einen Eistee getrunken hatte, der mit grossen Mengen des radioaktiven Polonium-Isotops versetzt war. (London, 10. Mai 2002) Der bulgarische Schriftsteller und Dissident Georgi Markow starb im September 1978, vier Tage nachdem er mit einem mit Gift präparierten Schirm in in die rechte Wade gestochen wurde. Der als «Regenschirmattentat» bekannt gewordene Anschlag geschah, als Markow auf der Waterloo Bridge in London auf den Bus wartete. (Undatiertes Archivbild)

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Ein Vorkoster allein wird seinem Sicherheitsbedürfnis nicht mehr gerecht: Der russische Präsident Wladimir Putin hat sein Team von Lebensmittel-Vorkostern auf die Grösse einer «kleinen Armee» verstärkt – aus Angst, er könnte nach dem Fall um den russischen Ex-Spion Sergej Skripal selber Ziel einer Vergiftungsattacke werden. Das berichtet die Zeitung «The Daily Star» unter Berufung auf gut unterrichtete Quellen aus Sicherheitskreisen.

Der Kreml wehrt sich gegen Spekulationen und Vorwürfe, in die Vergiftung Skripals verstrickt zu sein. Putin soll dennoch Racheakte fürchten und lasse aktuell sämtliche Speisen nicht nur vorkosten, sondern auch von Medizinern untersuchen. Solange man auf die Testergebnisse und allfällige Vergiftungs-Symptome bei den Vorkostern warte, würde das Essen warm gehalten. Dann erst greift der 65-Jährige zur Gabel.

Putin hat schon seit einigen Jahren Angestellte, die sein Essen und Trinken testen, bevor er selber davon isst. Auf Reisen gehört ein Vorkoster zu seiner festen Entourage.

Neue Stufe der Paranoia

Weiter soll der ehemalige KGB-Agent spezielle Handschuhe bestellt haben, die seine Haut vor möglichem Kontakt mit tödlichen Chemikalien schützen. Auch das Wasser seines Pools, in dem er jeden Morgen bis zu zwei Stunden schwimmt, lasse er mehrmals täglich auf verdächtige Werte testen. Die Aufruhr um den Fall Skripal habe Putins «Paranoia» auf eine neue Stufe getrieben, sagte die Quelle dem «Daily Star».

May berät über Gift-Attacke

Die britische Premierministerin Theresa May wird am Montag mit dem Nationalen Sicherheitsrat über den Fall des vergifteten Ex-Spions beraten. May kommt mit Ministern zusammen, nachdem Nervengift auch in einem Pub und einem Restaurant entdeckt worden war.

Laut der Zeitung «Times» könnte May bald öffentlich die Verwicklung Russlands in den Vorfall verkünden – möglicherweise nach der Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats. Demnach prüft sie eine Reihe von harten Reaktionen wie die Ausweisung von Diplomaten und die Annullierung von Visa von Russen mit Verbindungen zum Kreml.

Zustand weiter lebensbedrohlich

Der 66-jährige Ex-Spion Skripal und seine 33-jährige Tochter Julia waren am 4. März in Salisbury südwestlich von London zusammengesackt und bewusstlos auf einer Sitzbank aufgefunden worden. Ihr Zustand ist weiterhin lebensbedrohlich, aber stabil. Ein Polizist ist ebenfalls schwer erkrankt, aber ansprechbar.

Nach dem Nachweis von Nervengiftspuren in einem Pub sowie einem Restaurant im englischen Salisbury riefen die Gesundheitsbehörden am Sonntag Besucher der Lokalitäten auf, ihre Kleidung und persönliche Dinge zu waschen.

Vergiftung wird als Mordversuch gewertet

Skripal, ein Oberst des russischen Militärgeheimdiensts, war 2006 in Russland wegen des Vorwurfs der Spionage für Grossbritannien zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Im Zuge eines Gefangenenaustauschs kam er 2010 nach Grossbritannien.

Die britischen Strafverfolgungsbehörden werten die Vergiftung als Mordversuch. An den Ermittlungen sind mehr als 250 Beamte beteiligt, darunter 180 Soldaten. Zu ihnen zählen auch Experten für Chemiewaffen.

(kko/sda)