Russische Machtspiele

18. August 2012 12:21; Akt: 18.08.2012 12:44 Print

Putin und die Popen - eine unheilige Allianz

von Peter Blunschi - Der Pussy-Riot-Prozess wirft ein Schlaglicht auf die Allianz zwischen Kreml und Kirche in Russland. Es ist ein Zweckbündnis: Beide sichern sich gegenseitig Macht und Pfründe.

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Patriarch Kyrill I. (rechts) zelebriert am 22. April vor der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau ein Massengebet gegen «aggressiven Liberalismus und die Entweihung der Kirchen» - eine Reaktion unter anderem auf den Pussy-Riot-Skandal. (Bild: Keystone/Sergei Chirikov)

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Prunkvoll und mächtig steht die Christ-Erlöser-Kathedrale am Ufer der Moskwa, unweit des Kremls. Bei Sonnenschein wird man durch das von den goldenen Kuppeln reflektierte Licht regelrecht geblendet. Die Kathedrale ist das zentrale Gotteshaus der russisch-orthodoxen Kirche und ein Symbol für ihre Wiederauferstehung nach dem Ende der Sowjetunion: Im 19. Jahrhundert von den Zaren erbaut, 1931 auf Befehl von Diktator Josef Stalin gesprengt und in den 1990er Jahren durch einen Erlass von Präsident Boris Jelzin wieder aufgebaut.

Ausgerechnet in diesem orthodoxen «Petersdom» protestierten die drei Mitglieder der Punkband Pussy Riot im Februar gegen die enge Verzahnung zwischen Kirche und Staat im heutigen Russland. Eine solche Provokation konnten weder Klerus noch Kreml einfach hinnehmen. Denn für Präsident Wladimir Putin ist die orthodoxe Kirche ein Pfeiler seiner Macht. Und die Geistlichkeit profitiert von der Nähe zum Staat, die in Russland Tradition hat. Selbst zu Sowjetzeiten suchte die Kirche das Arrangement mit den Machthabern.

Putins Wahl ein «Wunder Gottes»

Viele Russen waren irritiert bis verärgert, als Patriarch Kyrill I. die erneute Wahl Putins zum Präsidenten als «Wunder Gottes» bezeichnete. Das Verhältnis der mächtigen Männer, die beide aus St. Petersburg stammen, gilt als eng und ist doch primär ein Zweckbündnis. Der Staatschef stützt sich auf den konservativen, gläubigen Teil der Bevölkerung, erst recht seit die städtische Mittelschicht den Protest gegen das System Putin entdeckt hat. Also gibt der frühere KGB-Agent sich gerne als frommer Kirchgänger, obwohl er in einem Interview ein ziemlich ambivalentes Verhältnis zu Gott erkennen liess.

Eine ambivalente Figur ist auch der seit 2009 amtierende Patriarch Kyrill. Der 65-Jährige gilt im Vergleich zu seinem Vorgänger als liberal, besonders gegenüber Andersgläubigen. Er hat Papst Benedikt XVI. bereits dreimal getroffen, und sein Besuch im katholischen Polen am Freitag kann angesichts der jahrhundertelangen Feindschaft zwischen den beiden Ländern als historisch bezeichnet werden. Gleichzeitig betont er die Bedeutung der Moral und warnt vor «westlichen» Werten wie Säkularisierung und Liberalismus.

Die retuschierte Armbanduhr

Dabei muss sich Kyrill I. in Sachen Moral selbst unangenehme Fragen gefallen lassen. Das betrifft vor allem seinen Hang zum Luxus, der regelmässig für Spott und beissende Kritik sorgt. Er besitzt eine teure Wohnung an bester Lage in Moskau. Im April veröffentlichten seine Mitarbeiter ein Foto, auf dem die teure Breguet-Armbanduhr des Patriarchen wegretuschiert worden war. Peinlich für den Oberhirten: Auf der glatt polierten Tischplatte war das Spiegelbild der Uhr deutlich zu erkennen.

Mehr als nur peinlich sind Vorwürfe russischer Journalisten, wonach Kyrill in den 90er Jahren Gelder aus der Einfuhr zollfreier Zigaretten für sich abgezweigt hatte. Damals leitete er als Metropolit das Aussenamt der russisch-orthodoxen Kirche, das vom Staat aus «humanitären Gründen» die Bewilligung zum Zigarettenimport erhalten hatte. Angeblich soll der fromme Kirchenmann dabei ein Vermögen in Milliardenhöhe angehäuft haben. Seither trägt Kyrill den Spitznamen «Tabak-Metropolit».

Ein orthodoxer Iran?

Schlagzeilen dieser Art schaden der Kirche weit mehr als der «blasphemische» Pussy-Riot-Auftritt. Beobachter interpretieren das harte Vorgehen gegen die Band als Reaktion zweier Institutionen, die sich bedrängt fühlen. Optimisten glauben, dass die liberalen Kräfte sich langfristig durchsetzen werden. Rund 70 Prozent der Russen bezeichnen sich als orthodox, aber weniger als zehn Prozent sind regelmässige Kirchgänger.

Deutlich skeptischer ist der Bürgerrechtler Lew Ponomarjow: Der Prozess zeige, dass Kirche und Macht «mit den konservativsten und ungebildeten Bevölkerungsschichten» immer enger zusammenrücken, sagte er laut der Agentur RIA Novosti. Diese Entwicklung könne dazu führen, dass «Russland sich in einen orthodoxen Iran verwandelt».

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Borya am 20.08.2012 16:16 Report Diesen Beitrag melden

    Anti Putin

    Die Anti Putin Propaganda hat im Westen voll eingeschlagen!! Amerika sei Dank

  • Igor Petar am 18.08.2012 12:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Putin und China

    Wenn es Putin und China nicht gebe dann würden die Amerikaner machen was Sie wollen.Glaubt mir.

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  • Tatjana am 20.08.2012 11:32 Report Diesen Beitrag melden

    Das passt doch perfekt zusammen

    Beide Institutionen verfolgen das gleiche. Geld, Macht und totale Kontrolle. Ich bin immer wieder beeindruckt, dass sie es immer wieder schaffen, so viele Menschen für sich zu instrumentalisieren. Im Fall von Russland praktisch ein ganzes Volk. Mann fragt sich dann nur was muss noch geschehen, damit das Volk mal endlich aufwacht und sich wehrt! Oder sind sie einfach alle zu dumm dafür?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Borya am 20.08.2012 16:16 Report Diesen Beitrag melden

    Anti Putin

    Die Anti Putin Propaganda hat im Westen voll eingeschlagen!! Amerika sei Dank

  • Patrick am 20.08.2012 14:12 Report Diesen Beitrag melden

    Papst

    Unterschätzt die grossen Kirchen-Männer an der Macht nicht. Unserem Papst kommt es natürlich sehr gelegen, da er dieselben konservativen Werte verfolgt wie die orthodoxe Kirche. Diese Typen streben alle nach Machterhalt und solange sich das Volk nicht dagegen wehrt wird daran auch kein Kirchenaustritt was bringen...

  • Tatjana am 20.08.2012 11:32 Report Diesen Beitrag melden

    Das passt doch perfekt zusammen

    Beide Institutionen verfolgen das gleiche. Geld, Macht und totale Kontrolle. Ich bin immer wieder beeindruckt, dass sie es immer wieder schaffen, so viele Menschen für sich zu instrumentalisieren. Im Fall von Russland praktisch ein ganzes Volk. Mann fragt sich dann nur was muss noch geschehen, damit das Volk mal endlich aufwacht und sich wehrt! Oder sind sie einfach alle zu dumm dafür?

  • Glaubwürdig? am 18.08.2012 15:11 Report Diesen Beitrag melden

    Kirche und Staat verkommt

    zur Seifenoper. Wenn ich das obige Bild anschaue, kann ich kaum glauben, dass die Kirche in diesem Outfit 2012 noch Menschen beeindrucken kann. Kirche und Politik ist immer nur so gut wie die Menschen, die für ihre Macht und Finanzen dahinter stehen.

    • aramäer am 18.08.2012 16:29 Report Diesen Beitrag melden

      amen

      mich beeindruckt das immer noch ;)

    • mic / mic am 20.08.2012 07:18 Report Diesen Beitrag melden

      religiöse verblendung

      kirche und religion sind opium für's volk, ... stimmt schon, vorwiegend für den bildungsresistenten teil der bevölkerung ...also für die mehrheit!

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  • Heribert am 18.08.2012 14:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke für den Artikel!

    Ich hoffe, dass durch diesen Artikel vielen Lesern hier klar wird warum der Protest in der Kirche stattfand und nicht irgendwo. Das hatte nämlich nichts mit Blasphemie zu tun. Blasphemisch und heuchlerisch verhält sich die Russisch-Orthodoxe Kirche. Ich hoffe, es kommt noch ein Ron WyattArtikel, der das, hier nur in einem Satz angedeutete, Verhältnis zwischen Kirche und Staat/KGB während der Sovietzeit beleuchtet. Vielleicht kapieren dann auch die Letzten um was es geht!