Syrien-Konflikt

13. Februar 2018 08:09; Akt: 13.02.2018 08:09 Print

«Israels Strategie gegen den Iran ist gescheitert»

von Noah Knüsel - Die Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Iran in Syrien eskaliert. «Sie ist zu einem Konflikt zwischen Regional- und Grossmächten geworden», sagt ein Nahost-Kenner.

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Die Lage im kriegsgeplagten Syrien verschärft sich weiter: Am Wochenende hat Israel eine iranische Drohne zerstört und Angriffe auf mehrere syrische und iranische Ziele in Syrien geflogen. Dabei wurde auch ein israelischer F-16-Kampfjet abgeschossen. UNO-Generalsekretär António Guterres warnte vor «militärischer Eskalation», Russlands Präsident Wladimir Putin hatte dazu aufgerufen, jegliche Schritte zu vermeiden, die zu einer für alle gefährlichen Konfrontation in der Region führen würden.

Es war das massivste Eingreifen Israels in den syrischen Bürgerkrieg seit dessen Beginn 2011. Und ein Ende der Kampfhandlungen ist nicht in Sicht: «Wir werden weiter gegen jeden Versuch durchgreifen, gegen uns vorzugehen», sagte der israelische Premier Benjamin Netanyahu am Sonntag. Politologe Vicken Cheterian schätzt für 20 Minuten die aktuelle Lage ein:

Herr Cheterian, die Jerusalem Post schreibt: «Der ‹Schattenkrieg› zwischen Israel und dem Iran dauert schon Jahre und hat uns immer näher zu den aktuellsten Entwicklungen gebracht.» Der Titel des Artikels: «Der offene Krieg mit dem Iran hat begonnen.» Wie sehen Sie das?
Tatsächlich sind jüngst zwei neue Dimensionen im Konflikt zwischen Israel und dem Iran hinzugekommen: Einerseits der Fakt, dass eine iranische Drohne in israelisches Territorium eingedrungen ist. Und andererseits der Abschuss des israelischen Kampfjets am Sonntag. Wir haben im Moment eine ähnliche Situation wie 2006, als es kurz darauf zum Krieg mit der vom Iran unterstützten radikalislamischen Hizbollah-Miliz im Libanon kam.

Seit Monaten gab es Gerüchte über israelische Jets, die iranische Ziele in Syrien bombardieren. Die wurden jetzt erstmals offiziell bestätigt. Was sind die Ziele Israels?
Man will keine grosse Präsenz der Hizbollah im südlichen Syrien. Bisher hatte sich das Land aber darauf beschränkt, etwa hochrangige Anführer zu töten. Doch nun wurde ihnen klar, dass die Strategie, um den Einfluss des Irans und der Hizbollah einzudämmen, gescheitert ist.

Die Lage sei so komplex geworden, dass «ein geografisch grösserer Krieg nur eine Fehlkalkulation weit entfernt ist», heisst es in einer neuen Analyse der Denkfabrik «International Crisis Group». Wie schätzen Sie das ein?
Aus meiner Sicht ist diese Einschätzung richtig. Seit Anfang Jahr ist der Krieg in Syrien ausser Kontrolle geraten. Er wurde zu einem Konflikt zwischen verschiedenen Regional- und Grossmächten.

Wie ist die verhaltene Reaktion Moskaus zu bewerten?
Putin will keine direkte Konfrontation mit Israel. Er hat im Konflikt eine koordinierende Rolle, dazu zählt auch die türkische Militäroffensive in Afrin.

Warum befinden sich Israel und der Iran überhaupt im Konflikt?
Historisch waren die beiden Länder keine Feinde, sie waren sogar Verbündete. Doch mit der Islamischen Revolution im Iran änderte sich 1979 die ideologische Ausrichtung der Regierung. Israels Feinde sind traditionell arabische Nationalisten.

Im Moment tobt ein Konflikt zwischen mehreren Regionalmächten: Israel, der Iran, aber auch die Türkei wollen das Machtvakuum füllen, das der Kollaps des arabischen Nationalismus im Irak und in Syrien hinterlassen hat.

Welche Rolle spielt die Hizbollah?
Die Miliz ist sehr eng mit dem Iran verbunden. Sie versucht, im Süden Syriens Militärbasen aufzubauen. Dort waren bisher Truppen des Assad-Regimes stationiert, es herrschte Waffenruhe. Die Bemühungen der Hizbollah vergrössern deren Konfrontationsfläche mit Israel.