Über 300 Tote

05. Dezember 2017 08:02; Akt: 05.12.2017 08:02 Print

Rätsel um Anschlag auf ägyptische Moschee

Noch immer ist unklar, wer hinter dem Blutbad in einer ägyptischen Moschee Ende November steckt. Zwei Experten sind unterschiedlicher Meinung.

Der Anschlag auf die Al-Rawdah-Moschee war der blutigste in der Geschichte von Ägypten. (Video: Tamedia/Reuters)
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Insgesamt 305 Tote, darunter 27 Kinder, und 128 Verletzte: Das ist die traurige Bilanz des Anschlags im Norden der Sinai-Halbinsel. Am 24. November hatten rund 30 Extremisten während des Freitagsgebets vor einer Moschee einen Sprengsatz gezündet und auf die Flüchtenden geschossen. Es war der opferreichste Anschlag in der Geschichte Ägyptens. Bisher hat sich noch niemand zum Attentat bekannt.

Rätsel um Anschlag auf ägyptische Moschee

Er machte in erschreckendem Mass deutlich, dass Islamisten mittlerweile auch nicht davor zurückschrecken, Muslime in Scharen umzubringen. In den vergangenen drei Jahren hatten die Extremisten vor allem Sicherheitskräfte, Regierungsvertreter, Christen und mutmassliche Kollaborateure der Behörden ins Visier genommen.

Steckt eine ultra-extremistische Gruppe dahinter?

Die Moscheebesucher waren Anhänger der islamisch-mystischen Sufismus-Bewegung. In den Augen der Extremisten sind sie Ungläubige. «Der Horizont, wer ein Ungläubiger ist, hat sich verschoben und umfasst jetzt auch Gottesdienstbesucher. Das Töten von Muslimen in einer Moschee gilt nun als erlaubt», beschreibt der ägyptische Islamismus-Experte Ahmed Ban die neue Dimension der Gewalt. Er vermutet, dass bei der Tat eine ultra-extremistische IS-Strömung – bekannt als Hazimiyoun – eine Rolle gespielt hat.

Die Gruppe ist nach dem radikalen Geistlichen Ahmad bin Omar al-Hazimi benannt. Nach seiner Auffassung sind alle Menschen Ungläubige, die nicht der IS-Auslegung des Islams folgen, und dürften deswegen getötet werden. Diejenigen, die solche Menschen nicht als Ungläubige ansehen würden, seien selbst Ungläubige und verdienten den Tod. Es ist nicht bekannt, ob Al-Hazimi selbst IS-Mitglied ist, aber seine Ideologie findet grossen Anklang in den Reihen der Islamisten.

Fehde innerhalb des IS verschärft sich

Tore Hamming, Jihad-Forscher am Europäischen Hochschulinstitut im italienischen Fiesole, sagt, das Massaker in der Moschee hänge nicht zwangsläufig mit der Hazimiyoun-Fraktion zusammen. Kein IS-Kämpfer sehe Sufis als «wahre Muslime». Vielmehr habe der IS dringend einen symbolträchtigen Angriff führen müssen.

Die Fehde innerhalb des IS hat sich mit den militärischen Niederlagen in Syrien und dem Irak verschärft. Hazimiyoun-Geistliche machten IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi und seine «milde» Ideologie für die Rückschläge verantwortlich. Und auch auf dem Sinai sind sich die Extremisten nicht einig. Die Gruppe Jund al-Islam, die gegen die ägyptische Regierung kämpft, erklärte kürzlich in einer Audio-Botschaft, man habe eine IS-Patrouille angegriffen, um Angriffe auf Muslime zu verhindern.

Organisation der Jihad-Bewegung wird sich verändern

Wie die Jihad-Bewegung nach dem Fall des IS im Irak und Syrien in Zukunft aussehen wird, ist laut Hamming nicht klar. Der Fokus sollte aber nicht auf eine bestimmte Gruppe gelegt werden, sondern man müsse die islamistische Bewegung als Ganzes im Blick behalten. Das schreibt er in einem Artikel auf «World Politics Review».

Die Organisationsstruktur und die Ideologie des globalen Jihadismus würden sich verändern, doch nicht unbedingt sein Potenzial zur Mobilisierung von Kämpfern: «Hier ist noch ein langer Weg zu gehen», so Hamming.

(nk/ap)