Internet, Telefon & Co.

07. Juni 2013 01:58; Akt: 07.06.2013 10:16 Print

Obamas Spitzelskandal weitet sich aus

Der US-Geheimdienst zapft auch die Server der Internet-Giganten an. Mitgelesen werden die Daten von allen Grossen: Microsoft, Yahoo, Google, Facebook und Co.

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: NSA-Direktor General Keith B. Alexander und Leiter des U.S. Cyber Command musste sich in Washington den Fragen der Poltiker stellen und verteidigte die umfängliche Spionage seiner Behörde. Rechts von ihm sitzt Rand Beers vom Department of Homeland Security. Die Enthüllungen reissen nicht ab: Am Freitag, 7. Juni 2013, meldet der «Guardian», dass US-Präsident Barack Obama seine Geheimdienste angewiesen hat, eine Liste von potenziellen Zielen für Cyber-Attacken zu erstellen. Von der «Washington Post» und dem «Guardian» am Donnerstag veröffentlichte Dokumente sollen beweisen, dass der US-Geheimdienst NSA Zugang zu den Servern von Internet-Giganten wie Google, Microsoft und Apple hat. Mit dem PRISM-Programm verschaffte sich die NSA Zugriff auf gewaltige Datenmengen. Ein Grossteil der internationalen Kommunikation läuft heute über die USA ab, da ein E-Mail, Anruf oder Chat nicht den kürzesten Weg nimmt, sondern immer den billigsten. Aufgezeichnet und abgehört werden beispielsweise über Gmail und Hotmail verschickte E-Mails, über Skype geführte Chats und Videoanrufe sowie Facebook-Aktivitäten. Der Geheimdienst interessiere sich nicht für den Inhalt jeder einzelnen Nachricht, sondern für bestimmte Muster, zum Beispiel: Wer schreibt/telefoniert wann und mit wem? Microsofts soll den US-Behörden bereits seit 2007 Zugriff auf die Server gewähren. Im Überwachungsprogramm PRISM sollen sich auch Yahoo, Google, Facebook, PalTalk, YouTube, Skype, AOL und seit Ende 2012 Apple befinden. Die National Security Agency (NSA): Ihr Auftrag ist es, Signale – beispielsweise E-Mailverkehr eines Terrorverdächtigen oder Daten von Radarstationen – aus dem Ausland zu sammeln und zu interpretieren. Seit 2007 sammelt sie systematisch Daten von Ausländern, deren Mailverkehr über US-amerikanische Server laufen. Dazu hat sie zentrale Rechner zahlreicher Firmen angezapft. Yahoo gehört dazu, ... ... Google und auch ... ... Microsoft. Sie liefern gemäss des Autors einer internen Präsentation für NSA-Analysten 98 Prozent der Daten, die im Rahmen des Programms PRISM seit 2007 direkt von den Servern der «privaten Partner» gesaugt werden. Auch Youtube wird in der Präsentation als «Partner» bezeichnet, ebenso ... ... der Videotelefoniedienst Skype, mit dem sich hier der britische Thronfolger Prinz Charles anzufreunden versucht, sowie ... ... Internetprovider und Multimedia-Gigant AOL und ... ... Videochat-Community PalTalk, die zwar kleiner ist als die andern Internetfirmen, aber im arabischen Frühling eine wichtige Rolle spielte. Apple habe sich fünf Jahre lang geweigert, sei jetzt aber auch dabei, schreibt die «Washington Post». Der Konzern dementiert dies kategorisch: Daten würden nur in begründeten Einzelfällen herausgegeben. Gleich argumentiert ... ... Facebook, dem die Privatsphäre der Mitglieder heilig sei. Auch die anderen genannten Firmen dementieren, NSA und FBI Zugang zu ihren Rechnern zu gewähren. Gemäss der «Washington Post» werden die Firmen aber in der ihr zugespielten Präsentation als «private Partner» bezeichnet, die an PRISM freiwillig teilnähmen. James Clapper, nationaler Geheimdienstdirektor der USA, sieht durch die Enthüllungen der letzten Tage die nationale Sicherheit gefährdet und wirft den Zeitungen vor, Halbwahrheiten zu verbreiten.

Zum Thema
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Der US-Geheimdienst hat der «Washington Post» zufolge direkten Zugang zu den Computersystemen von neun der führenden Internet-Konzerne des Landes. Auf diese Weise greife er massenweise auf E-Mails, Fotos, Videos, Dokumente und Audio-Dateien zu.

Wie die «Washington Post» am Donnerstag berichtete, arbeiten die Unternehmen Microsoft, Yahoo, Google, Facebook, PalTalk, AOL, Skype, YouTube und Apple wissentlich als Teil des PRISM-Programms mit dem Nachrichtendienst NSA und der Bundespolizei FBI zusammen. In ersten Stellungnahmen wiesen mehrere der Konzerne den Vorwurf zurück, direkten Zugang zu ihren Servern zu gewähren.

Ein Whistleblower gelangte an die «Post»

Die «Washington Post» schreibt, die ihr vorliegenden Dokumente und PowerPoint-Vorlagen zu dem bislang streng geheimen Programm seien ihr von einem Geheimdienstmitarbeiter zugespielt worden, der über die nach seiner Sicht grobe Verletzung der Privatsphäre der Nutzer entsetzt gewesen sei.

«Die können im wahrsten Sinne des Wortes sehen, wie Sie beim Tippen Ihre Gedanken ausformulieren», wurde der Insider zitiert. Wer als Kongress-Abgeordneter von dem Programm wisse, unterliege einer Schweigepflicht.

In US-Kreisen wurde die Existenz des Programms bestätigt. Ein hochrangiger Regierungsmitarbeiter sagte der Nachrichtenagentur Reuters, erfasst würden nur die Daten von Nicht-US-Bürgern, die ausserhalb des Landes lebten. Der Kongress habe das Programm jüngst «nach ausführlichen Anhörungen und Debatten» verlängert.


Apple wehrte sich fünf Jahre lang

Microsoft habe 2007 als erster sogenannter «Partner im Privatsektor» am Programm teilgenommen, schreibt die «Washington Post» weiter. Apple verweigerte demnach fünf Jahre lang die Mitarbeit, bevor der Konzern auch beigetreten sei.

Zwar sei PalTalk ein deutlich kleinerer Dienst als die anderen. Er sei jedoch während des arabischen Frühlings und des Bürgerkriegs in Syrien rege genutzt worden. Der Online-Speicherdienst DropBox solle «in Kürze» dazustossen. Twitter war auf der Liste nicht vertreten.

Unternehmen dementieren Teilnahme

Facebook, Google, Yahoo, Apple und Microsoft teilten am Freitag mit, sie hätten keine «Hintertür» installiert, über die Behörden direkt auf ihre Server zugreifen könnten. Die Unternehmen erklärten, dass Daten an Behörden nur auf der Basis eines Gerichtsbeschlusses übergeben würden. Dieses Verfahren ist bekannt, Google etwa veröffentlicht in seinen Transparenz-Berichten regelmässig eine Statistik zu solchen Anfragen.

«Wir übergeben Daten der Regierung in Einklang mit dem Gesetz und wir prüfen alle solchen Anfragen gründlich. Von Zeit zu Zeit wird behauptet, dass wir für die Regierung eine ‹Hintertür› zu unseren Systemen geschaffen haben, aber Google hat keine Hintertür, über die die Regierung Zugriff auf private Daten der Nutzer hat», sagte jetzt Sprecher Kay Oberbeck.

Apple: «Noch nie von PRISM gehört»

Das weltgrösste Online-Netzwerk Facebook gab eine ähnliche Erklärung ab: «Wir gewähren keiner Regierungsorganisation direkten Zugang zu Facebook-Servern.» Jede Anfrage nach Daten oder Informationen zu bestimmten Personen werde gründlich nach der Gesetzeslage geprüft und nur so weit wie rechtlich nötig erfüllt.

Apple erklärte, nie von PRISM gehört zu haben. «Wir geben keiner Regierungsbehörde direkten Zugang zu unseren Rechnern. Und jede Regierungsbehörde, die Kundendaten anfordert, muss eine entsprechende Gerichtsanweisung haben», sagte ein Sprecher dem «Wall Street Journal«-Blog «All Things D».

Microsoft betonte ebenfalls, man gebe Daten von Kunden auf Grundlage von rechtlich bindenden Forderungen weiter. «Wenn die Regierung ein breiter angelegtes nationales Sicherheitsprogramm zur Sammlung von Kundendaten hat, nehmen wir nicht daran teil», hiess es in einer vom Blog «TechCrunch» veröffentlichten Erklärung.

Auch Yahoo erklärte: «wir gewähren der Regierung keinen direkten Zugang zu unseren Servern, Systemen oder Netzwerken.»

Zweite Enthüllung

Der Bericht über das PRISM-Programm wurde nur Stunden nach der Enthüllung einer grossangelegten Sammlung von Telefon-Verbindungsdaten durch die US-Geheimdienste veröffentlicht. Obama stand schon vorher in der Kritik, weil sich seine Regierung heimlich Telefon-Daten von Journalisten der Nachrichtenagentur AP und zu E-Mails eines Fox-Fernsehreporters verschaffte.

(bem/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mr. Morpheus am 07.06.2013 09:14 Report Diesen Beitrag melden

    Teil 2

    Seit dem patriot act der von unser allen etabliert wurde, ja der, der einst 2 Kriege anzettelte und jetzt Hunde mahlt, werden alle total überwacht. Wir leben nicht seit gestern in einer Totalitären Gesellschaft. Die Bürgerrechte von den Nord-Amerikanern wurden 2001 den Bach runtergespült aber auch bei uns ist nicht alles koscher! Personen welche dem Establishment nicht in den Kram passen wurden lange vor 2001 versorgt ebenfalls ohne Anklagepunkte und auf unbestimmte Zeit.

  • Arb Eiter am 07.06.2013 05:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So what?

    Allen korrekten Menschen, die sich nichts vorzuwerfen haben, ist das scheißegal.

    einklappen einklappen
  • Erik am 07.06.2013 14:34 Report Diesen Beitrag melden

    Wir alle sind schon lange gläsern

    Aber was daran stört ist, dass die Ausspionierten, also wir, kein Recht haben, an "Ihre Daten" zu kommen, um zum Beispiel an juristisch verwertbares Beweismaterial zu kommen. Und der Datenschützer sollte verhältnismässig sein, wenn es um Videobeweissicherung Privater geht: Es kann ja nicht sein, dass ein/der Staat alles darf, die Amis vielleicht sogar eine Scharfrichterdrohne losschicken aber der Private hingegen gar keine potentiellen Beweismittel sammeln darf, juristisch-beweismitteltechnisch wehrlos bleiben muss.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Xoff Pardey am 07.06.2013 21:44 Report Diesen Beitrag melden

    Innere Sicherheit

    Wer bestimmt eigentlich, was die Innere Sicherheit der USA gefährdet? Ich glaube bald, dass schlicht alles gefährdend ist, das nicht absolut auf der Linie einiger weniger selbsternannter Sicherheitsapostel liegt. Was bin ich froh, dass wir hierzulande noch ungestraft Kritik äussern und verrückte Ideen haben können!

  • Erik am 07.06.2013 14:34 Report Diesen Beitrag melden

    Wir alle sind schon lange gläsern

    Aber was daran stört ist, dass die Ausspionierten, also wir, kein Recht haben, an "Ihre Daten" zu kommen, um zum Beispiel an juristisch verwertbares Beweismaterial zu kommen. Und der Datenschützer sollte verhältnismässig sein, wenn es um Videobeweissicherung Privater geht: Es kann ja nicht sein, dass ein/der Staat alles darf, die Amis vielleicht sogar eine Scharfrichterdrohne losschicken aber der Private hingegen gar keine potentiellen Beweismittel sammeln darf, juristisch-beweismitteltechnisch wehrlos bleiben muss.

  • Jonas Schenk am 07.06.2013 10:52 Report Diesen Beitrag melden

    was ist da neu dran?

    glaubt ihr er ist der erste präsident dessen geheimdienst leute abhört und ausspioniert? es gibt sogar private firmen die sowas machen da können dann arbeitgeber ihre angestellten anschauen.

  • dkritiker am 07.06.2013 10:13 Report Diesen Beitrag melden

    Wen wundert es?

    Dass die grossen Geheim- und Sicherheitsdienste mitlesen war seit Zeiten von Hotmail bekannt und anzunehmen. Auch bekannt ist, dass die Sicherheitsdienste Verschlüsselungsalgorythmen nicht zulassen, solange die Entwickler diesen die Entschlüsselungstechnik nicht soweit eröffnen, dass sie problemlos entschlüsseln können (bsp. netscape's 128bit verschlüsselung war verboten anzuwenden in den usa). So, und jetzt die grosse Enthüllung? sicher nicht! Die USA mit ihrer Kontrollparanoia brauchen es doch, sonst könnten sie womöglich nicht so viel Kontrolle ausüben. Willkommen in der Realität!

  • Mr. Morpheus am 07.06.2013 09:14 Report Diesen Beitrag melden

    Teil 2

    Seit dem patriot act der von unser allen etabliert wurde, ja der, der einst 2 Kriege anzettelte und jetzt Hunde mahlt, werden alle total überwacht. Wir leben nicht seit gestern in einer Totalitären Gesellschaft. Die Bürgerrechte von den Nord-Amerikanern wurden 2001 den Bach runtergespült aber auch bei uns ist nicht alles koscher! Personen welche dem Establishment nicht in den Kram passen wurden lange vor 2001 versorgt ebenfalls ohne Anklagepunkte und auf unbestimmte Zeit.