Giftanschlag in Grossbritannien

13. März 2018 17:25; Akt: 13.03.2018 18:28 Print

Russland fordert Zugang zu Giftproben

Moskau weist das Ultimatum aus London im Zusammenhang mit dem vergifteten Ex-Doppelagenten Sergei Skripal zurück und droht mit eigenem Ultimatum.

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Rufen den EU-Botschafter aus Moskau zurück: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, die britische Premierministerin Theresa May und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. (23. März 2018) «Russland muss unverzüglich alle Fragen beantworten», fordern die EU-Aussenminister. (19. März 2018) «Die Massnahmen sind hart, aber die Briten haben sie verdient», sagte der Vize-Chef des Auswärtigen Ausschusses im russischen Senat. Damit meinte er die Ausweisung 23 britischer Diplomaten, die Schliessung der britischen Kultur- und Bildungsorganisation und des britischen Konsulats in St. Petersburg (Bild). (17. März 2018) Russland hat den britischen Botschafter Laurie Bristow einbestellt. Bristow verlässt das Aussenministerium in Moskau. (17. März 2018) Die Polizei eskortiert einen Transporter mit dem Auto von Sergei Skripal. (16. März 2018) Die Polizei in Grossbritannien hat nach dem Mord an Nikolai Gluschkow eine Reihe von Exil-Russen kontaktiert. Die Beamten rieten ihnen laut Medienberichten zur Vorsicht. (17. März 2018) (Archivbild) Für den britischen Aussenminister Boris Johnson ist es «äusserst wahrscheinlich», dass Wladimir Putin persönlich den Giftgas-Einsatz in Salisbury angeordnet hat. «Natürlich» werde man mit der Ausweisung britischer Diplomaten reagieren: Der russische Aussenminister Lawrow in einem Meeting in Moskau. (13. März 2018) Moskau liess ihr Ultimatum verstreichen: Die britische Premierministerin Theresa May. (7. März 2018) Spuren von Nervengift: Ein Polizist bewacht ein Pub in Salisbury. Spezialkräfte der britischen Armee verhüllen nach dem Giftanschlag einen Krankenwagen. Dazu tragen sie spezielle Schutzbekleidung. Die Polizei untersucht über 200 Beweisstücke. Hier werden die beiden Vergifteten behandelt: Spital von Salisbury. (Archivbild) Der britische Aussenminister Boris Johnson sprach von einem «beunruhigenden» Vorfall. Ein mutmassliches Bild der ebenfalls im Koma liegenden Julia Skripal. (6. März 2018) Ermittler in Schutzanzügen bei der Spurensicherung am Tatort in Salisbury. (6. März 2018) Augenmerk legten die Ermittler auch auf das Zizzi Restaurant, das neben dem Tatort liegt. Wurde geschlossen und untersucht: Die Pizzeria Zizzi in der Nähe, die mit dem Fall zu tun haben könnte. Überwachungskameras haben eine Frau und einen Mann festgehalten, die vor dem Vorfall in Richtung der Parkbank unterwegs waren. Der Ex-Spion Sergei Skripal wurde kurz vor dem Anschlag von einer Überwachungskamera gefilmt. Abgesperrter Tatort: Skripal wurde auf einer Parkbank vor einem Einkaufszentrum gefunden. Vorsichtsmassnahme: Die Polizei sperrte das Gebiet um den Tatort für die Öffentlichkeit ab. 2006 vor einem russischen Militärgericht: Sergei Skripal bespricht sich mit seiner Anwältin. Liudmila Skripal, die Frau des Ex-Spions, ist im London-Road-Friedhof in Salisbury begraben. (7. März 2018) Daneben befindet sich auch die Ruhestätte von Alexander Skripal, dem Sohn des angegriffenen Ex-Spions. Der russische Oligarch und Putin-Kritiker Boris Beresowski wurde im März 2013 tot auf dem Boden des Badezimmers seines Hauses in Südengland aufgefunden. (London, 31. August 2012) Der russische Atomphysiker Igor Sutjagin wurde wegen Spionage zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilt, das Urteil wird von Menschenrechtlern kritisiert. Sutjagin war neben Skripal einer der vier Häftlinge des Gefangenenaustauschs von 2010. (Moskau, 7. April 2004) Ähnlicher Fall: Der ehemalige KGB- und MI6-Spion Alexander Litwinenko starb im November 2006, drei Wochen nachdem er in einem Hotel in London einen Eistee getrunken hatte, der mit grossen Mengen des radioaktiven Polonium-Isotops versetzt war. (London, 10. Mai 2002) Der bulgarische Schriftsteller und Dissident Georgi Markow starb im September 1978, vier Tage nachdem ihm mit einem mit Gift präparierten Schirm in die rechte Wade gestochen wurde. Der als «Regenschirmattentat» bekannt gewordene Anschlag geschah, als Markow auf der Waterloo Bridge in London auf den Bus wartete. (Undatiertes Archivbild)

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Im Konflikt um den vergifteten Ex-Doppelagenten Sergei Skripal hat Russland ein britisches Ultimatum zurückgewiesen. Russland sei unschuldig und verlange Zugang zu den Nervengift-Proben, sagte Aussenminister Sergei Lawrow am Dienstag.

Lawrow warf London vor, sich nicht an die Vorgaben der Chemiewaffenkonvention zu halten. «Bevor uns jemand Ultimaten stellt, sollte er seine eigenen Verpflichtungen gemäss dem internationalen Recht erfüllen», sagte er bei einer Medienkonferenz in Moskau.

Grossbritannien soll kooperieren

Demnach hätte Grossbritannien gemäss der Chemiewaffenkonvention eine offizielle Anfrage zu dem eingesetzten Nervengift schicken und Russland Zugang zu der Substanz gewähren müssen.

«Über eine offizielle Note haben wir Zugang zu dieser Substanz» und zu weiteren Ergebnissen der britischen Ermittler gefordert, sagte Lawrow. «Unsere Anfragen wurden abgelehnt.» Russland sei im Fall Skripal «unschuldig» und zur Zusammenarbeit bereit – wenn Grossbritannien seinerseits kooperiere.

«Wie im Kolonialismus»

Zugleich warf der russische Chefdiplomat Grossbritannien ein Verhalten wie im «Kolonialismus» vor. Ausserdem wurde der britische Botschafter in Moskau, Laurie Bristow, einbestellt, wie Lawrows Sprecherin Maria Sacharowa mitteilte. Sacharowa hatte die britischen Vorwürfe zuvor als «Zirkusveranstaltung» bezeichnet.

Die britische Premierministerin Theresa May hatte am Montagabend erklärt, Russland sei «höchstwahrscheinlich» für den Nervengift-Angriff auf den russischen Ex-Agenten Skripal und seine Tochter Julia in Grossbritannien verantwortlich. Das verwendete Gift aus der Gruppe der in Russland entwickelten Nowitschok-Substanzen sei «von militärischer Qualität».

USA stehen «engstem Verbündeten» bei

Die USA, die EU und die Nato haben sich in dem sich zuspitzenden Konflikt zwischen Grossbritannien und Russland hinter London gestellt. Der Vize-Präsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, sicherte London am Dienstag die «unmissverständliche, unerschütterliche und sehr starke europäische Solidarität» zu. Die Verantwortlichen des Giftangriffs müssten bestraft werden.

US-Aussenminister Rex Tillerson bekräftigte, bevor er am Dienstag von US-Präsident Donald Trump entlassen wurde, Washington habe «volles Vertrauen» in die britischen Ermittlungen und die Einschätzung, dass Russland wahrscheinlich verantwortlich für die Nervengiftattacke sei. Die USA erklärten schon tags zuvor, die Regierung von Präsident Donald Trump stehe ihrem «engsten Verbündeten» Grossbritannien bei.

Westliche Staaten hinter London

Eine Sprecherin des französischen Aussenministeriums verurteilte eine «absolut inakzeptable Attacke» und sicherte London die Solidarität Frankreichs zu. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärte, der Einsatz eines jeden Nervenkampfstoffes sei «abscheulich» und «völlig inakzeptabel». Als «sehr besorgniserregend» bezeichnete der Leiter der Organisation für das Verbot chemischer Waffen, Ahmet Üzümcü, den Fall Skripal.

Der britische Aussenminister Boris Johnson begrüsste die internationale Unterstützung für sein Land im Streit mit Russland. Er lobte die Bereitschaft der «Freunde» Grossbritanniens, Solidarität zu zeigen.

Nervengift über Autolüftung

Der 66-jährige frühere russische Agent und seine 33-jährige Tochter Julia waren am 4. März in Salisbury südwestlich von London bewusstlos auf einer Bank aufgefunden worden. Sie wurden mit lebensgefährlichen Vergiftungserscheinungen in ein Spital eingeliefert.

Der britische Rundfunksender BBC berichtete, die Ermittler gingen inzwischen davon aus, dass das Nervengift in Pulverform über die Lüftung von Skripals Auto verteilt wurde.

(oli/sda)