«Unmenschliche Praxis»

10. Juli 2018 19:57; Akt: 10.07.2018 19:57 Print

Schwangere werden an der US-Grenze misshandelt

Schwangeren wird ärztliche Behandlung verweigert, Kleinkinder müssen allein vor Gericht: So gehen US-Behörden mit festgehaltenen Migranten um.

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US-Grenzschützer nehmen illegal ins Land kommende schwangere Frauen systematisch in Haft. Obwohl Schwangere nach den Richtlinien der US-Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) ab dem dritten Trimester nicht mehr festgehalten werden dürfen, ist dies laut Zeugenaussagen eine gängige Praxis.

Schlimmer noch: Frauen, die an der US-mexikanischen Grenze aufgegriffen und in Auffangzentren gesteckt werden, berichten, wie ihnen Ketten um den Babybauch gelegt und ihnen medizinische Betreuung verweigert wurde – sogar als sie Fehlgeburten erlitten.

Kein Arzt, kein Ultraschall

In einem Bericht, den das Portal «Buzzfeed» am Montag veröffentlichte, berichten mehrere Opfer von den Zuständen in den Einrichtungen. «Ich war im vierten Monat schwanger, als es mir eines Abends im Juli 2017 sehr schlecht wurde. Ich begann mich zu übergeben, hatte starke Blutungen und grausame Schmerzen», schildert die 24-jährige Jennye Pagoada Lopez. Erst als eine der 15 Frauen, mit denen sie den Raum teilte, vor der Überwachungskamera mit winkenden Armen auf sich aufmerksam machte, kam ein Wächter, um nach ihr zu sehen.

Pagoada verlor ihr Kind. Ein Arzt besuchte die Frau jedoch erst nach fünf Tagen, einen Ultraschall machte er nie. Für die starken Blutungen, die sie in den darauffolgenden Wochen hatte, bekam sie lediglich drei Binden pro Tag. Wolle sie mehr, könne sie diese im Laden kaufen, hiess es.

Auch die 23-jährige E., die aus Angst vor Konsequenzen für ihre Familie anonym bleiben will, verlor ihr Baby im vierten Schwangerschaftsmonat, als sie in einer Einrichtung in San Luis, Arizona, festgehalten wurde. «Ich blutete stark, aber keiner kümmerte sich um mich. Sie sagten, das sei kein Spital.» Acht Tage lang lag sie im Bett. Schliesslich gab sie ihren Traum eines besseren Lebens in den USA auf und nahm das Angebot einer freiwilligen Deportation nach El Salvador an.

Risiken für Mutter und Kind

Obwohl Fesseln um den Bauch bei Schwangeren laut ICE-Regelung nicht erlaubt sind, berichten mehrere schwangere Migrantinnen, ihnen seien sogar im zweiten Trimester Fesseln angelegt worden. «Als Ärzte mich nach der Fehlgeburt untersuchten, sagten sie, dass einer der Gründe für die Schwangerschaftsunterbrechung die grausamen Bedingungen gewesen seien, unter denen ich gehalten wurde», sagt die 28-jährige Rubia Morales Alfaro.

Als sie am 23. Dezember von Grenzschützern aufgegriffen worden sei, sei sie «hin und her gestossen und auf den Boden geworfen» worden. «Ich sagte, ich sei schwanger, aber sie glaubten mir nicht. Das sei nicht ihr Problem, sagten sie zu mir.»

«Schwangere Frauen festzuhalten, ist eine unmenschliche Praxis», sagt die Frauenärztin Anjani Kolahi zu «Buzzfeed». «Es schafft unnötige Risiken für die Frauen und ihre Kinder.» Die Einwanderungs- und Zollbehörde ICE wollte das Vorgehen gegenüber US-Medien nicht kommentieren.

Auch die Behandlung der Kinder wird zum Thema

Derweil verzögert sich die Zusammenführung getrennter Einwandererfamilien. Am Montag räumte ein US-Gericht der Regierung mehr Zeit ein, um zu bestimmen, welche Kinder im Alter von fünf Jahren oder jünger wieder mit ihren Eltern vereint würden. Die Entscheidung erfolgte nach einer Erklärung der Regierungsanwältin Sarah Fabian, wonach bis zur ursprünglich gesetzten Frist bis Dienstag nur rund die Hälfte der 102 Kinder ihren Eltern zurückgegeben werden könnten.

Die «New York Times» hatte Ende vergangener Woche berichtet, dass die Behörden Probleme hätten, bestimmte Kinder ihren Eltern zuzuordnen, nachdem Dokumente dazu verschwunden seien. In einigen Fällen sollen Unterlagen auch vernichtet worden sein, offenbar aber nicht mutwillig.

Auch sollen Minderjährige allein vor den Einwanderungsbehörden erscheinen, wie die «Süddeutsche-Zeitung» berichtet. So soll etwa der einjährige Johan aus Honduras vergangenen Freitag vor einen Richter in Phoenix gebracht worden sein. Während der Bub aus seinem Schoppen trank, entschied ein Richter auf Antrag des Baby-Anwalts auf «freiwillige Ausreise». Das Kind wird nun zurück in seine Heimat geflogen, wohin sein Vater bereits vor kurzem abgeschoben worden war.

(kle/sda)