Implantate-Prozess

13. November 2012 15:56; Akt: 13.11.2012 16:02 Print

Silikon-Opfer werden wohl kein Geld sehen

Frauen, die sich das minderwertige Silikon der französischen Firma PIP in die Brust einsetzen liessen, werden wohl nicht entschädigt. Die Behörden sehen keine generelle Haftung des Herstellers.

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Die Silikon-Implantate der französischen Firma Poly Implant Prothèse waren minderwertig: bei mehr als einem Viertel der gemeldeten Fälle war ein Kissen gerissen, bei jedem fünften Silikon ausgetreten. (Bild: Keystone)

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Tausende Frauen haben das Billig-Silikon des französischen Herstellers PIP in die Brust operiert bekommen. Im ersten deutschen Prozess um die gesundheitsgefährdenden Implantate machen die Richter den betroffenen Frauen jedoch wenig Hoffnung auf Schadenersatz: Eine generelle Haftung der Behörden sehen sie nicht.

Der Hersteller Poly Implant Prothèse (PIP) hatte jahrelang Brustimplantate mit billigem Industrie-Silikon verkauft. In Deutschland sind nach Behördenangaben rund 5000 Frauen betroffen. Eine Frau aus Baden-Württemberg klagte auf Schadenersatz und Schmerzensgeld. Ihr waren im Jahr 2007 PIP-Implantate in die Brust operiert worden.

Keine Pflicht zum Einschreiten

Laut Anwälten ist ihre Klage die erste derartige in Deutschland. Eine Entscheidung soll am 30. November verkündet werden, dann werde aber möglicherweise nur über einen Teil der Forderungen entschieden, sagte der Vorsitzende Richter am Landgericht Karlsruhe in der mündlichen Verhandlung am Dienstag.

Die französische Aufsichtsbehörde habe erst 2010 vor den mangelhaften PIP-Implantaten gewarnt. Das spreche dagegen, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vorher eine Pflicht zum Einschreiten gehabt habe.

Nicht ausführlich genug dokumentiert

Der Vorsitzende Richter bemängelte allerdings, dass die Kontrollen des TÜV Rheinland zumindest dem Gericht gegenüber nicht ausführlich genug dokumentiert worden seien. Die Materialprüfstelle hatte die Implantate als Medizinprodukte zertifiziert.

Die Anwälte der Klägerin hatten vorgetragen, der TÜV hätte die Firma in Frankreich auch ohne Vorankündigung kontrollieren müssen. «Wir haben da eher Zweifel», meinte dagegen der Vorsitzende Richter. Es seien keine konkreten Versäumnisse des TÜV dargelegt.

Die Richter sehen auch keine Grundlage für Ansprüche gegen die Haftpflichtversicherung von PIP. Ansprüche nach französischem Recht seien auf Schäden beschränkt, die in Frankreich auftreten, so der Richter in seiner vorläufigen Einschätzung der Rechtslage. «Die geografische Einschränkung des Deckungsschutzes ist wohl rechtmässig.»

Herstellerfirma insolvent

Die Herstellerfirma PIP ist inzwischen insolvent; der Firmengründer sass zeitweilig im Gefängnis. In Deutschland hatte das BfArM im vergangenen Januar geraten, die Kissen entfernen zu lassen. Gesundheitsrisiken seien nicht auszuschliessen.

Bis Mitte 2012 wurden rund 1000 Implantate herausoperiert; bei mehr als einem Viertel der gemeldeten Fälle war ein Kissen gerissen, bei jedem fünften Silikon ausgetreten.

In der Schweiz wurden 280 Frauen Billigprothesen von PIP implantiert. Die Heilmittelkontrollstelle Swissmedic verzichtete indes darauf, einen Aufruf zu einer vorsorglichen Entfernung der Brustimplantate zu erlassen. Den betroffenen Frauen werden eine halbjährliche Kontrolle empfohlen sowie ein sofortiger Arztbesuch, falls Probleme auftauchen.

(sda)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Alfred W. am 15.11.2012 09:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ist das die liberale Marktwirtschaft ?!

    Eine freche, politische Frauen verachtende Mogelei. Um haufenweise Geld auf ihrem Rücken zu verdienen, kein Problem. Aber wenn etwas schief läuft, heisst es: Wir (der Staat und seine Gerechtigkeit) waren nicht dabei, geht uns nichts an. Ich kann wieder nur den Kopf schütteln!

  • René am 14.11.2012 23:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sicher nicht

    Warum sollten sie entschädigt werden? War alles freiwillig und ein sinnloser Eingriff in die Natur.

  • Peter Frei am 14.11.2012 07:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Haftpflicht ausweiten

    Man kann zu den Brustimplantaten stehen wie man will, dass aber die Hersteller solcher Produkte keine Haftpflicht haben ist ein Hohn. Da muss sich gesetzlich etwas ändern.

  • Lucie M.G. am 13.11.2012 18:49 Report Diesen Beitrag melden

    Brustkrebs Patienten

    Wenn Frauen mit Brustkrebs ebenfalls davon betroffen sind, finde ich das einen riesen Skandal. Der zweite Hammerschlag, das darf doch wohl nicht wahr sein!

    • Elin am 13.11.2012 23:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Wehre dich......

      Die Herstellerfirma PIP kann infolge Insolvenz nicht mehr belangt werden. Wie sieht es aus mit den Schönheitsdocs, die den Patientinnen billig eingekaufte PIP-Implantate einsetzten. Eine solche OP wurde ganz klar zum obligaten Preis von ca. 10'000 Franken ausgeführt! Also meine Damen, Sie können ja sicher rechnen und wie sagt man so schön: ''ich wurde über den Tisch gezogen''!!!!

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