Gewalt in den USA

18. Februar 2018 21:17; Akt: 18.02.2018 21:17 Print

So lebt Amerika seinen Waffenwahn aus

Auch nach dem Schulmassaker von Parkland wird das US-Waffenrecht wohl nicht verschärft. Das sind die absurdesten Auswüchse der laschen Gesetzgebung.

Bildstrecke im Grossformat »
Die Waffenindustrie versucht verstärkt, Minderjährige und Mädchen als Kunden zu gewinnen. Mit pinkfarbenen Schusswaffen ermutigt die Waffenlobby die Kinder, sich so früh wie möglich mit dem Schiessen vertraut zu machen. Seit Januar 2016 präsentiert und verkauft der Teleshopping-Sender Gun TV vollgeladene Pistolen, Gewehre und halbautomatische Waffen live im TV. Der umstrittene Sender ist täglich sechs Stunden lang auf Sendung. Der US-Staat Nevada hat eines der liberalsten Waffengesetze der USA: Jeder, der älter als 18 Jahre ist, kann eine Waffe erwerben, ohne Wartefristen, ohne Genehmigungen, ohne sich registrieren lassen zu müssen. In Nevada können Waffen auf Flohmärkten gekauft werden. Auch der Besitz halbautomatischer Gewehre mit grossen Magazinen ist uneingeschränkt erlaubt. Ausserdem dürfen in Nevada jederzeit Waffen in Bars mitgebracht werden – auch wenn man Alkohol trinkt. Bei Waffenhaltern gilt das gleiche gesetzliche Limit, das man auch beim Autofahren beachten muss. Nicht selten werden Wettbewerbe ausgeschrieben, bei denen die Preise Schusswaffen sind. In Florida dürfen Hobbyschützen in privaten Schiessanlagen trainieren. Selbst wenn Kommunalpolitiker wollten, sie dürften in ihren Gemeinden gar keine Beschränkungen für Waffen erlassen: 2011 unterzeichnete Rick Scott, der Gouverneur von Florida, ein Gesetz, mit dem er Lokalpolitiker deswegen ihres Amtes entheben kann. (Bild: Waffenmesse in Miami) Am 1. Januar 2016 trat im US-Staat Texas ein neues Gesetz in Kraft: Jeder, der eine Waffenlizenz hat, darf auch Handfeuerwaffen offen tragen. Ausserdem erlaubt ab 1. August 2016 ein neues Gesetz Studenten, Lehrenden und Besuchern, die einen Waffenschein besitzen, an öffentlichen Hochschulen in Texas Schusswaffen zu tragen. In den Wochen danach fanden zahlreiche Proteste statt. Gebracht haben die bisher nicht viel. In seinem Film «Bowling for Columbine» besucht Regisseur Michael Moore die North Country Bank im US-Staat Michigan. Dort erhalten die Kunden bei einer Kontoeröffnung gratis ein Jagdgewehr. Laut einer Statistik des Pew Research Center besitzen 41 Prozent der Amerikaner eine Schusswaffe oder leben in einem Haushalt, in dem es mindestens eine Schusswaffe gibt.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Wieder eine Bluttat mit vielen Toten in den USA, wieder eine Diskussion über schärfere Waffengesetze. Fünf zentrale Fragen im Überblick:

• Warum gibt es in den USA so viele Waffen?
Die Verfassung gesteht den Amerikanern das Recht auf Selbstverteidigung und damit auf Waffenbesitz zu. Allerdings war der zweite Verfassungszusatz für eine Zeit gemacht, in der die USA grossenteils aus unerschlossener Wildnis bestanden und ihre Bürger weit entfernt von Ortschaften lebten.

• Was sagt die Statistik?
In keinem anderen Industrieland kommen so viele Menschen durch Schusswaffen zu Tode. Nach Angaben der Organisation Gun Violence Archive sind 2018 mit Stand 15. Februar bei 6573 Vorkommnissen bereits 1827 Menschen gestorben und 3142 verletzt worden. Darunter sind 402 Kinder und Jugendliche. In den USA sind 310 Millionen Waffen im Umlauf: Laut einer Statistik des Pew Research Center besitzen 41 Prozent der Amerikaner eine Schusswaffe oder leben in einem Haushalt, in dem es mindestens eine Schusswaffe gibt.

• Was fordern die Gegner der geltenden Waffengesetzgebung?
Die Demokraten machen sich seit langem für eine Verschärfung stark. Ex-Präsident Barack Obama scheiterte mit einer Reform am Widerstand der republikanischen Mehrheit im Kongress. Die Demokraten wollen die Verfassung gar nicht ändern – sie fordern lediglich konsequentere Überprüfungen von Waffenkäufern oder Einschränkungen bestimmter Waffen.

Was sagen die Befürworter von Waffen?
Die NRA, die National Rifle Association, ist eine der mächtigsten Lobbygruppen der USA. Die Empfänger ihrer Millionenspenden im US-Kongress sind öffentlich. Gegen jede Verschärfung der Gesetze argumentieren die Republikaner mit dem Recht auf Selbstverteidigung. Dass die Verfassung nicht vom Recht auf Sturmgewehre spricht, lassen ihre Verteidiger nicht gelten. Oft wird auch gesagt, nur mehr Waffen würden gegen mehr Gewalt helfen: Mehr bewaffnete Verteidiger könnten bewaffnete Angreifer unschädlich machen, etwa in Schulen.

Wie stehen die Chancen, dass sich etwas verändert?
Nicht gut. Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass auch nach anderen Fällen nichts passierte. Die Waffengesetzgebung in den USA auf Bundesebene stammt aus dem Jahr 1968. Die letzte Änderung in der Reagan-Ära lockerte 1986 im «Waffenbesitzer-Schutzgesetz» die Regeln sogar noch. Hinzu kommen verschiedenste Regelungen der Bundesstaaten. Nach dem Massaker von Las Vegas 2017 wollte der Kongress – hier haben die Republikaner die Mehrheit – nicht einmal sogenannte Bump Stocks verbieten: Plastikaufsätze für halbautomatische Waffen, die sie fast so schnell schiessen lassen wie Maschinengewehre.

Wie besessen viele Amerikaner von ihren Waffen sind, zeigt die obige Bildstrecke.

(kle/sda)