Direktiven aus Syrien

08. September 2016 05:47; Akt: 08.09.2016 08:20 Print

So plant der IS bei uns Anschläge

von Ann Guenter - Die IS-Gruppe, die für Anschläge im Ausland zuständig ist, will in Europa wohl wieder zuschlagen. Von CNN ausgewertete Dokumente zeigen, wie sie plant und agiert.

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Die Reiseroute der vier Attentäter: In Griechenland wurde das Quartett getrennt, da gefälschte Pässe dem Algerier Haddadi und dem Pakistanen Usman zum Verhängnis wurden. Sie setzten ihre Reise erst nach einem Monat fort. Adel Haddadi und sein Reisepartner ... ... Muhammad Usman, ursprünglich von der pakistanischen Terrororganisation Lashkar-e-Taiba als Bombenbauer ausgebildet, kamen einen Tag nach den November-Attacken von Paris in Österreich an. Ahmad al-Muhammad und sein ... ... Reisepartner Ahamd al-Mohammad hatten sich da bereits vor dem Stade de France in die Luft gesprengt. Auf ihn warteten der Algerier und der Pakistani im Salzburger Flüchtlingsheim: Der Marokkaner Abid Tabaouni kam im Dezember ebenfalls über Flüchtlingsrouten von Syrien nach Europa, wo er offenbar für Anschläge eingesetzt werden sollte, wie Ermittler vermuten. Er wurde diesen Juli in Brüssel verhaftet. Während auf seinem Facebook-Profil keine Verbindungen zu terroristischen Organisationen zutage treten, fanden Ermittler aus Tabaounis Mobiltelefon Fotos wie dieses. Die beunruhigende Erkenntnis nach Auswertung von 90'000 Seiten neuer Dokumente rund um die Anschläge von Paris: Der IS-Geheimdienst Emni hat seine Planung für internationale Angriffe verstärkt. Er hat ein logistisches Support-System ausgebaut. Lokale Agenten oder heimgekehrte Kämpfer warten derzeit auf Anweisungen von Führungspersonen aus Syrien. (Im Bild: Trauer auf dem Place de la Republique nach den koordinierten von Paris im November 2015)

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Sie mischten sich auf dem Weg von der Türkei nach Griechenland unter syrische Flüchtlinge. Sie kannten sich nicht beim richtigen Namen. Sie wussten nicht, was ihr Auftrag war. Und sie hatten eine Führungsperson, die ihnen von Syrien aus nur etappenweise Anweisungen und Geld gab.

Von den vier mutmasslichen Terroristen des «Islamischen Staates» (IS), die im letzten Jahr nach Europa kamen, erfüllten nur zwei ihren Auftrag, als sie sich in Paris in die Luft sprengten und 130 Menschen mit sich in den Tod rissen.

Wären die vier Männer in jenem Herbst wie geplant zusammengekommen – die November-Attacken von Paris wären verheerender ausgefallen. Im Anschluss an Paris sollte es gleich zu weiteren schweren Angriffen in Europa kommen. So hatte es der Geheimdienst des IS für Anschläge im Ausland, Amn al-Kharji oder Emni, vorgesehen.

90'000 Seiten beleuchten Vorgehen des IS-Geheimdienstes

Das französische Zentrum zur Analyse von Terrorismus und CNN International haben zusammengespannt, um 90’000 Seiten aus Ermittlungsergebnissen rund um die Attacken von Paris, aus Befragungen Verhafteter und Daten konfiszierter Telefone auszuwerten. Die beunruhigende Erkenntnis: Der IS-Geheimdienst Emni hat seine Planung für internationale Angriffe verstärkt. Er hat ein logistisches Support-System ausgebaut. Lokale Agenten oder heimgekehrte Kämpfer warten derzeit auf Anweisungen von Führungspersonen aus Syrien.

Die Handhabung der vier IS-Männer, die im Herbst 2015 von Syrien aus Kurs auf Europa nahmen, steht exemplarisch für das Vorgehen der auf Anschläge spezialisierten IS-Organisation.

Eng begleitete Terroristen auf der Flüchtlingsroute

Sie starteten vom syrischen Rakka aus: Ahamad al-Mohammad und Mahamad al-Mohmod, die beide sechs Wochen später in Paris starben, der Algerier Adel Haddadi und sein pakistanischer Reisepartner Muhammad Usman, die später in einem Flüchtlingsheim in Salzburg festgenommen wurden.

Ein Mann, der nur als Abu Ahmad in Erscheinung trat, hatte die vier Männer in Syrien rekrutiert, finanziert und trainiert. Auf ihrer Reise begleitete er sie weiterhin eng: Abu Ahmad organisierte programmierte Mobiltelefone und gefälschte syrische Pässe, sorgte für Logistik, Fahrzeuge, Kontakte zu Schmugglern.

Geld wurde durch Mittelsmänner und nur in Tranchen überwiesen, so dass es nur bis zum nächsten Stopp auf der Route reichte. Kommuniziert wurde ausschliesslich anhand verschlüsselter Apps. Die vier wussten nie, was als Nächstes kommen sollte.

Wertvolle Kontakte und viele Pornoseiten

Vom türkischen Ismir gelangten die vier mit einem Dutzend Flüchtlingen in einem Boot nach Griechenland. Hier geriet der ursprüngliche Plan stark durcheinander. Während al-Mohammad und al-Mohmod ungehindert weiterreisten, setzten die griechischen Behörden Haddadi und Usman wegen ihrer gefälschten Pässe für rund einen Monat fest. Das ursprüngliche Anschlags-Quartett für die Pariser Attacke war zerschlagen.

Ende Oktober kamen Haddadi und Usman frei und setzten sich sofort mit Abu Ahmad in Syrien in Verbindung. Er überwies ihnen 2000 Euro, damit sie ihre Reise entlang der Flüchtlingsroute nach Europa fortsetzen konnten. Die später aus ihren Mobiltelefonen extrahierten Daten zeigen, dass gerade Usman mit reichlich unislamischen Dingen beschäftigt war: Er rief Dutzende Pornoseiten ab, von «Sexx lahur» bis zu «Pakistani lahore college girls».

In Salzburg entkommen

Einen Tag nach den Pariser Attacken kamen Haddadi und Usman in Österreich an und in einem Flüchlingsheim in Salzburg unter. Hier warteten sie während Wochen auf einen neuen Mann: den Marokkaner Abid Tabaouni, der ebenfalls entlang der Flüchtlingsroute von Syrien nach Europa kam.

Er kam just an dem Tag nach Salzburg, als die österreichische Polizei zuschlug und Haddadi und Usman im Zusammenhang mit den Anschlägen von Paris verhaftete. Tabaouni gelang die Flucht, obwohl er die beiden anderen kurz zuvor getroffen haben musste: Sein Telefon hatte er zum Aufladen neben Haddanis Bett gelegt.

«Wir gehen davon aus, dass Tabaouni zum gleichen Plan gehörte und mit den beiden anderen einen Anschlag verüben sollte», sagt der französische Terrorexperte Jean-Charles Brisard zu CNN.

«Was ist mit euch geschehen?»

Haddadi bestreitet allerdings, Tabaouni zu kennen – obwohl seine Nummer auf dem Handy des Marrokaners gespeichert ist. Im Juli wurde Tabaouni in Brüssel verhaftet und an Österreich ausgeliefert, während Haddadi und Usman nach Frankreich kamen.

Das Telefon des Algerier Haddadi liessen die Ermittler absichtlich aktiviert. Abu Ahamd schrieb seinem Schützling nach dessen Verhaftung in Salzburg und Tagen der Funkstille von Syrien aus: «Wie geht es euch? Was ist mit euch geschehen?». Eine Antwort bekam er keine.

Die Telefone der Verhafteten erwiesen sich als reiche Informationsquellen für die europäischen Ermittler: Sie offenbarten Dutzende wertvoller IS-Kontakte in Europa, von Österreich bis Spanien. Wie wertvoll, zeigt allein der Umstand, dass Haddadi auf seiner Reise nach Europa auch mit einem Mann in Verbindung trat, der als Techniker «in einem der wichtigsten europäischen Kernforschungszentren Europas» arbeitete, wie CNN schreibt. Der Mann werde seither von französischen Ermittlern überwacht.