Giftanschlag auf russischen Spion

11. März 2018 05:12; Akt: 11.03.2018 18:55 Print

Nervengift in Pub und Restaurant entdeckt

Auf den russischen Agenten Sergej Skripal und seine Tochter wurde in England ein Giftanschlag verübt. Jetzt sollen 500 Personen, die sich im kritischen Zeitraum in einem Pub aufhielten, ihre Kleidung waschen.

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Rufen den EU-Botschafter aus Moskau zurück: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, die britische Premierministerin Theresa May und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. (23. März 2018) «Russland muss unverzüglich alle Fragen beantworten», fordern die EU-Aussenminister. (19. März 2018) «Die Massnahmen sind hart, aber die Briten haben sie verdient», sagte der Vize-Chef des Auswärtigen Ausschusses im russischen Senat. Damit meinte er die Ausweisung 23 britischer Diplomaten, die Schliessung der britischen Kultur- und Bildungsorganisation und des britischen Konsulats in St. Petersburg (Bild). (17. März 2018) Russland hat den britischen Botschafter Laurie Bristow einbestellt. Bristow verlässt das Aussenministerium in Moskau. (17. März 2018) Die Polizei eskortiert einen Transporter mit dem Auto von Sergei Skripal. (16. März 2018) Die Polizei in Grossbritannien hat nach dem Mord an Nikolai Gluschkow eine Reihe von Exil-Russen kontaktiert. Die Beamten rieten ihnen laut Medienberichten zur Vorsicht. (17. März 2018) (Archivbild) Für den britischen Aussenminister Boris Johnson ist es «äusserst wahrscheinlich», dass Wladimir Putin persönlich den Giftgas-Einsatz in Salisbury angeordnet hat. «Natürlich» werde man mit der Ausweisung britischer Diplomaten reagieren: Der russische Aussenminister Lawrow in einem Meeting in Moskau. (13. März 2018) Moskau liess ihr Ultimatum verstreichen: Die britische Premierministerin Theresa May. (7. März 2018) Spuren von Nervengift: Ein Polizist bewacht ein Pub in Salisbury. Spezialkräfte der britischen Armee verhüllen nach dem Giftanschlag einen Krankenwagen. Dazu tragen sie spezielle Schutzbekleidung. Die Polizei untersucht über 200 Beweisstücke. Hier werden die beiden Vergifteten behandelt: Spital von Salisbury. (Archivbild) Der britische Aussenminister Boris Johnson sprach von einem «beunruhigenden» Vorfall. Ein mutmassliches Bild der ebenfalls im Koma liegenden Julia Skripal. (6. März 2018) Ermittler in Schutzanzügen bei der Spurensicherung am Tatort in Salisbury. (6. März 2018) Augenmerk legten die Ermittler auch auf das Zizzi Restaurant, das neben dem Tatort liegt. Wurde geschlossen und untersucht: Die Pizzeria Zizzi in der Nähe, die mit dem Fall zu tun haben könnte. Überwachungskameras haben eine Frau und einen Mann festgehalten, die vor dem Vorfall in Richtung der Parkbank unterwegs waren. Der Ex-Spion Sergei Skripal wurde kurz vor dem Anschlag von einer Überwachungskamera gefilmt. Abgesperrter Tatort: Skripal wurde auf einer Parkbank vor einem Einkaufszentrum gefunden. Vorsichtsmassnahme: Die Polizei sperrte das Gebiet um den Tatort für die Öffentlichkeit ab. 2006 vor einem russischen Militärgericht: Sergei Skripal bespricht sich mit seiner Anwältin. Liudmila Skripal, die Frau des Ex-Spions, ist im London-Road-Friedhof in Salisbury begraben. (7. März 2018) Daneben befindet sich auch die Ruhestätte von Alexander Skripal, dem Sohn des angegriffenen Ex-Spions. Der russische Oligarch und Putin-Kritiker Boris Beresowski wurde im März 2013 tot auf dem Boden des Badezimmers seines Hauses in Südengland aufgefunden. (London, 31. August 2012) Der russische Atomphysiker Igor Sutjagin wurde wegen Spionage zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilt, das Urteil wird von Menschenrechtlern kritisiert. Sutjagin war neben Skripal einer der vier Häftlinge des Gefangenenaustauschs von 2010. (Moskau, 7. April 2004) Ähnlicher Fall: Der ehemalige KGB- und MI6-Spion Alexander Litwinenko starb im November 2006, drei Wochen nachdem er in einem Hotel in London einen Eistee getrunken hatte, der mit grossen Mengen des radioaktiven Polonium-Isotops versetzt war. (London, 10. Mai 2002) Der bulgarische Schriftsteller und Dissident Georgi Markow starb im September 1978, vier Tage nachdem ihm mit einem mit Gift präparierten Schirm in die rechte Wade gestochen wurde. Der als «Regenschirmattentat» bekannt gewordene Anschlag geschah, als Markow auf der Waterloo Bridge in London auf den Bus wartete. (Undatiertes Archivbild)

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Die Vergiftung des russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal in Grossbritannien hat möglicherweise doch Auswirkungen auf die Bevölkerung: Die Ermittler entdeckten Spuren von Nervengift in einem von Skripal besuchten Pub und Restaurant im englischen Salisbury, wie die Gesundheitsbehörden am Sonntag mitteilten. Besucher der Lokalitäten wurden aufgerufen, ihre Kleidung und persönliche Dinge zu waschen.

Britische Medien berichteten unterdessen, Grossbritannien erwäge ab Montag bereits Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Öffentlich vermeldete die Regierung indes, sie würde sich zunächst auf die Ermittlungen konzentrieren. Die britischen Behörden haben Russland bislang nicht direkt beschuldigt.

«Sehr geringes Gesundheitsrisiko»

Spuren des Nervengifts – «Kontaminierungen» – wurden im Pub «The Mill» und im Restaurant «Zizzi» in Salisbury entdeckt. Es sei davon auszugehen, dass bis zu 500 Menschen die beiden Örtlichkeiten im kritischen Zeitraum zwischen dem 4. und 5. März aufgesucht hätten, sagte die Gesundheitsbeauftragte Sally Davies der BBC. Sie sei aber zuversichtlich, dass die Gesundheit der Betroffenen nicht beeinträchtigt sei. Ähnlich äusserte sich Jenny Harries von der englischen Gesundheitsbehörde.

Ein «sehr geringes Gesundheitsrisiko» durch wiederholten Kontakt mit möglicherweise kontaminierten Sachen bestehe aber. Als Vorsichtsmassnahme sollten die Betroffenen ihre Kleidung und persönlichen Sachen deshalb waschen.

Kleidung sollte demnach in der Waschmaschine gewaschen werden. Kleidung, die nur in der Reinigung gesäubert werden könne, sollte in zwei zusammengebundene Plastiktüten gelegt und «bis auf Weiteres sicher verwahrt werden». Handys und andere elektronische Geräte sowie Handtaschen sollten mit Feuchttüchern abgewischt werden, die dann im Hausmüll entsorgt werden sollten. Schmuck und Brillen sollten per Hand mit Seifenwasser gereinigt werden.

Ermittler mit Schutzanzügen auf örtlichem Friedhof

Der 66-jährige Ex-Spion Skripal und seine 33-jährige Tochter Julia waren am 4. März in Salisbury südwestlich von London zusammengesackt und bewusstlos auf einer Sitzbank aufgefunden worden. Ihr Zustand ist weiterhin lebensbedrohlich, aber stabil. Ein Polizist ist ebenfalls schwer erkrankt, aber ansprechbar. Bis Samstag liessen sich laut Polizei 21 Menschen untersuchen, darunter Privatpersonen und Rettungskräfte.

Die Strasse zu Skripals Haus in Salisbury wurde am Samstag abgeriegelt. Auf dem örtlichen Friedhof waren Beamte in Schutzanzügen zu sehen. Auf dem Friedhof ist Skripals verstorbene Frau begraben, zudem befindet sich dort ein Gedenkstein für seinen im vergangenen Jahr verstorbenen Sohn.

Skripal, ein Oberst des russischen Militärgeheimdiensts, war 2006 in Russland wegen des Vorwurfs der Spionage für Grossbritannien zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Im Zuge eines Gefangenenaustauschs kam er 2010 nach Grossbritannien.

Mehrere Theorien zum Tathergang

Die britischen Strafverfolgungsbehörden werten die Vergiftung als Mordversuch. An den Ermittlungen sind mehr als 250 Beamte beteiligt, darunter 180 Soldaten. Zu ihnen zählen auch Experten für Chemiewaffen. Inzwischen wurden mehr als 200 Beweisstücke gesichert und mehr als 240 Zeugen identifiziert.

Laut britischen Medien werden derzeit mehrere Theorien verfolgt: Demnach gehen die Ermittler den Fragen nach, ob Skripal und seine Tochter im Restaurant oder im Pub vergiftet wurden, ob sie während ihres Rundgangs durch die Stadt verfolgt wurden, ob sich das Gift in einem an ihr Haus gelieferten Paket befand oder in einem auf dem Friedhof niedergelegten Blumenstrauss. Auch wird erwogen, ob Julia das Gift bei einer Reise von Moskau nach England als «Geschenke von Freunden» mitgebracht haben könnte.

Gerüchte von ersten Sanktionen gegen Russland

Verdachtsmomente richten sich gegen Russland. Moskau weist die Vorwürfe zurück. Die britische Innenministerin Amber Rudd sagte am Samstag: «Es wird eine Zeit für eine Reaktion kommen, aber jetzt konzentrieren wir uns auf die Ermittlung.» Der britische Sicherheitsminister Ben Wallace sagte in der BBC, «jemand» sei auf britischen Boden gekommen und habe «rücksichtslos und schamlos» ein offensichtlich «sehr scheussliches Verbrechen» begangen.

Medienberichten zufolge könnte Grossbritannien ab Montag Sanktionen gegen Russland verkünden. Die «Times» berichtete, die britischen Behörden berieten bereits mit den Verbündeten in den USA und Europa über eine abgestimmte Reaktion, welche «diplomatische, wirtschaftliche und militärische Massnahmen» beinhalten könne. Wallace verwies in diesem Zusammenhang auf die «mächtigen Verbündeten» und «die mächtige Armee» seines Landes.

(mch/roy/afp)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Eplexid am 11.03.2018 09:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der arme Wirt...

    Der Wirt kann sein Restaurant nun dicht machen. Da wird nun keiner mehr was essen, zu gross ist der Image Schaden.

    einklappen einklappen
  • Vato am 11.03.2018 10:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Perplex

    Wie hat sich der Polizist verletzt?

    einklappen einklappen
  • CG am 11.03.2018 07:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zweifel

    Die Welt ist schlecht, weil jene, die sie ändern könnten, zulassen, dass sie bleibt, wie sie ist! Man nimmt einfach hin, dass solche Dinge geschehen: Regierungen, die unbequeme, mutige Leute liquideren, verschwinden lassen oder sich gegenseitig in Verbrechen unterstützen. Russland, Syrien und USA gehören dazu! Bravo, und was tun alle andern? Feige wegsehen. Wie gesagt, dann bleibt alles, wie es ist. Aufklärung wird vertuscht und Nachrichten sind überflüssig. Es ändert ja nichts. Die Welt ist schlecht? Ihre Spitzenvertreter sind einfach falsch gewählt. Bei uns ist das übrigens auch so.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Heavy Metal am 11.03.2018 16:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Real

    Zustände wie bei James Bond aber leider ist es hier die traurige Realität!

  • alfmir am 11.03.2018 12:15 Report Diesen Beitrag melden

    Waschküchen....

    Na ja, auch in vielen italienischen Pizzerien auf dem europäischen Festland spielen sich kuriose Dinge ab. Nicht auf die Art wie jetzt in Salisbury, aber in finanzieller Hinsicht..!

  • A.G.E.N.T am 11.03.2018 12:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer war es?

    Jetzt ist die Frage wares der M1 oder der Russische geheim dinst der den Spion vergiftet hat. Oder ist das eine PR aktion für einen Film der bald rauss kommt

  • Bebbi am 11.03.2018 10:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zuwenig Überwachungskameras

    Es gibt leider noch allzuviele tote Winkel in dieser Stadt die nicht von Überwachungskameras erfasst werden. Mehr Videoüberwachung gibt noch mehr Sicherheit!

  • @wir regeln alles am 11.03.2018 10:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kommt zu uns Ihr Spione

    Als Spion sollte man eben in der Schweiz leben, wie die meisten Spione dieser Welt. Hier ist gut Leben und gut Eierkuchen essen. Wenn es leichte Spannungen geben sollte, wird das mit einem CD-Ausweis erledigt. Man kennt sich und ist ungestört unter sich am Austauschen. BundesBern hat nichts dagegen, solange alle Rechnungen bezahlt werden.