Ausblick

01. Januar 2017 20:05; Akt: 02.01.2017 14:48 Print

Terror – das könnte 2017 auf uns zukommen

von Ann Guenter - Der IS ist in Syrien und Irak enorm geschwächt, der Strom ausländischer Kämpfer dorthin versiegt. Flaut damit auch der jihadistische Terror in Europa ab?

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Leider nein. Für 2017 – und darüber hinaus – gibt es wenig Anlass zur Hoffnung, dass der jihadistische Terror in Europa abnehmen könnte. Die grösste Gefahr geht dabei weiterhin vom Islamischen Staat (IS) aus, eine der wenigen Terrororganisationen, die ganz explizit Ziele im Westen anvisiert.

Wo und von wo?
Die Polizeibehörde Europol rechnet in ihrem jüngsten Bericht entsprechend mit neuen Anschlägen in Frankreich, Belgien, Grossbritannien, Deutschland und den Niederlanden – doch grundsätzlich sind alle Länder, die sich der Anti-IS-Koalition angeschlossen haben, «legitime Ziele» in den Augen von Jihadisten.

Neu befürchten Experten, dass sich nach Syrien auch Libyen zu einem Sprungbrett für Attacken in Europa und Nordafrika entwickeln könnte. Das Land ist seit 2015 eine der wichtigsten Reisedestination für Jihadisten geworden – und ein regelrechter Hub gerade für europäische Kämpfer.

Auch wenn der IS aus seiner Hochburg Sirte vertrieben werden konnte, hat er sich anderswo im Land festgesetzt. Es wird davon ausgegangen, dass die Jihadisten für ihr Training Teile des riesigen Waffenarsenals des einstigen Machthabers Muammar Gaddafi nutzen. Anti-Terrorexperten erwarten, dass der IS von Libyen aus mit Anschlägen beginnt, sobald die aktuelle Phase – der Kampf um Terrain und Beseitigung von Gegnern – abgeschlossen ist.

Wer? Spezialisierte Teams:
Ausgeführt werden dürften die Anschläge zum einen von den «mehreren Dutzend Jihadisten, die sich derzeit in Europa aufhalten und direkt vom IS angewiesen werden». Tatsächlich gehen die europäischen Nachrichtendienste davon aus, dass der IS in Syrien auf Anschläge spezialisierte Teams zusammengestellt hat, die er bereits seit zwei Jahren nach Europa schickt.

Falsche und echte Flüchtlinge:
Diese IS-Attentäter können, müssen aber nicht als Flüchtlinge getarnt nach Europa kommen – es gebe nach wie vor keine gesicherten Anhaltspunkte, dass die Terroristen diesen Weg systematisch nutzen, so Europol. Das relativieren die Analysten Petter Nesser, Anne Stenersen und Emilie Oftedal ein Stück weit: «Die Nutzung von Flüchtlingsströmen für den Personentransfer ist ein neuer Aspekt in der Planungsdynamik» von Terroristen. Es habe zwischen 2014 und 2016 mindestens sechs Anschlagspläne gegeben, die Personen mit Flüchtlingsstatus umfassten. In vielen Fällen hätten die IS-Anschlagsplaner ausländische Kämpfer instruiert, sich bei ihrer Ankunft in Europa als Flüchtlinge auszugeben. Mindestens 19 Extremisten, darunter auch spätere Attentäter, kamen zwischen 2014 und 2016 als Flüchtlinge nach Europa – dazu kommen über drei Dutzend «Flüchtlinge», die an Anschlagsplänen beteiligt waren.

Eine weitere Gefahr besteht darin, dass echte Flüchtlinge ins Visier von IS-Rekrutierern geraten. Europol geht davon aus, dass eine «bestimmte Anzahl von Jihadisten allein für diesen Zweck durch Europa reisen». Die Flüchtlingskrise spielt den jihadistischen Netzwerken in Europa also insofern in die Hände, als dass sie deren Rekrutierungspool noch erweitern könnte – zumindest so lange, wie die Integration muslimischer Immigranten in die Gesellschaft und in den Arbeitsmarkt ausbleibt.

Lone Wolfs:
Doch die grösste Anschlagsgefahr geht nach wie vor von selbstradikalisierten Einzeltätern aus, die nie in Verbindung mit einer Terrororganisation standen – man nennt sie deswegen auch «clean skins» (in etwa: «saubere Haut»). Es sind meistens junge Männer, viele mit einer kleinkriminellen Vergangenheit, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen – und es als Muslime in Europa auch sind: In den meisten europäischen Ländern gibt es keine Religionsgruppe, die wirtschaftlich mehr benachteiligt ist als die der Muslime.

Rückkehrer:
5000 bis 6000 Europäer reisten zwischen 2011 und 2016 nach Syrien, um sich dort Extremisten wie dem IS anzuschliessen. Das gab es zuvor noch nie, zum Vergleich: Zwischen 1990 und 2010 gab es weniger als 1000 solcher Jihad-Reisender. Den Sicherheitskräften gelingt es zwar, viele dieser Gotteskrieger bei der Rückkehr zu verhaften. Dennoch geht von ihnen längerfristig eine grosse Gefahr aus: «Wenn auch nur 1 Prozent dieser Personen den Krieg überleben und weiter für den IS kämpfen, machen sie immer noch eine Gruppe von 50 bis 60 europäischer Hardcore-Jihadisten aus, die über Jahre viele andere rekrutieren können», schreiben die Sicherheitsanalysten Nesser, Stenersen und Oftedal. Von den Jihad-Reisenden sollen bis jetzt bis zu 30 Prozent wieder heim nach Europa zurückgekommen sein – mit der Schwächung des IS in Syrien und im Irak dürften es 2017 noch mehr werden.

Womit? Schusswaffen:
Der IS bevorzugt als Modus operandi automatisierte Schusswaffen. Das dürfte 2017 und darüber hinaus nicht ändern, zumal sie leicht zu handhaben, effektiv und über Kanäle der organisierten Kriminalität und das Internet relativ einfach erhältlich sind.

Sprengstoff:
Auch der Sprengstoff TATP (Triacetone Triperoxide), der etwa bei Attentaten in Paris und Brüssel eingesetzt wurde, dürfte laut Europol in Zukunft wieder zum Einsatz kommen, zumal er einfach selbst herzustellen ist und Anleitungen dafür auf den einschlägigen Websites und Propagandamagazinen erhältlich sind.

Chemische und biologische Waffen:
Der IS hat darüber hinaus reges Interesse an chemischen Waffen wie Chlor- oder Senfgas. Beides setzt er in Syrien und im Irak ein, wo er es selbst herstellt. Da Europas Terroristen das Vorgehen im Nahen Osten tendenziell kopieren, sei es möglich, dass «der IS irgendwann auch den Einsatz chemischer und/oder biologischer Waffen in Europa erwägt», schreibt Europol. Dass der IS auch mit biologischen Waffen experimentiert, zeigte sich im Februar 2016: Die Polizei hob damals eine IS-Zelle aus und stellte Behälter sicher, die eine «Substanz zur Herstellung eines tödlichen Tetanus-Toxins (ein extrem potentes Nervengift)» enthielten. Das marokkanische Innenministerium bestätigte, dass Substanzen sichergestellt wurden, die unter die Kategorie der biologischen Kampfstoffe zählten.

Neue Variationen:
«Es sind entsprechend neue Attacken sowohl von terroristischen Zellen als auch von Einzeltätern zu erwarten», resümiert die Polizeibehörde. «Sie dürften mehrheitlich den Mustern von herkömmlichen Angriffen folgen. Es könnten sich aber auch neue Variationen entwickeln, etwa der Einsatz von Autobomben.»

Analysten sind sich durchs Band einig: Der Terror wird uns weiter betreffen, möglicherweise sogar mehr als zuvor. So könnte der renommierte norwegische Terrorexperte Thomas Hegghammer fast tröstlich klingen, wenn er schreibt: Erhöhte Aktvitäten des jihadistischen Terrors müssten nicht unbedingt auch mit mehr Terroranschlägen einhergehen, zumal die europäischen Sicherheitskräfte sich auch in Zukunft den neuen Bedrohungslagen erfolgreich anpassen würden. Das damit einhergehende Anwachsen der Sicherheitsapparate ist die andere Seite der Freiheitsmedaille.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter2000 am 01.01.2017 20:17 Report Diesen Beitrag melden

    Schuld

    Und wer hat das ganze Chaos in Nordafrika angerichtet? Gadaffi und Co. hatten die Lage wenigstens unter Kontrolle, aber darüber berichtet ja niemand - zumindest keine der grossen Zeitungen.

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  • P.Meier am 01.01.2017 20:19 Report Diesen Beitrag melden

    Alter- und Herkunft genau prüfen

    Viele haben falschen Alters- und Herkunftsangaben gegenüber den Behörden gemacht, so wurde ein 25 Jähriger Marokkaner als 17 Jähriger Syrer registriert und erhält offizielle Dokumente von Deutschen Staat. Das darf so nicht weitergehen, die Behörden müssen wissen, wer da kommt und die, die kein Asylgrund haben, müssen zurück in ihr Land.

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  • Antoin Lamergue am 01.01.2017 21:00 Report Diesen Beitrag melden

    Hartes vorgehen

    Wir müssen endlich richtig konsequent gegen alle IS-Unterstützer vorgehen. Das heisst wir brauch abschreckende Strafen, wie zum Beispiel 10-20 Jahre Haft für das verbreiten von Propaganda.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Faseee1996 am 02.01.2017 14:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dies kennen wir doch alle...

    Krieg, unzählige Tote, Anschläge,.. Dies Alles passiert Jahr für Jahr und ich kann diese unzähligen Toten nicht mehr ansehn... Es ist tragisch! Ich denke dass alle menschen die hier in der Community schreiben, kein anderes Wort mehr einfällt als "Tragisch"!! Ich kann einfach nicht mehr...

  • Henry am 02.01.2017 14:03 Report Diesen Beitrag melden

    Suspekt

    Apropos Anschläge...Nur mal so nebenbei bemerkt. Ist da bald etwas im Busch? Alle Flugzeugträger der USA sind in ihren Heimathäfen. Das gabs seit dem 2.WK nicht mehr...kommt mir etwas suspekt vor. Vorallem weil darüber nicht berichtet wird...?!

    • socom am 02.01.2017 20:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Henry

      und woher haben sie diese information? haben sie zugriff auf sateliten, arbeiten bei einem ausland geheimdienst, oder sind sie oberbefehlshaber der navy?

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  • Maria am 02.01.2017 11:20 Report Diesen Beitrag melden

    Schützt unsere Grenzen endlich

    Schützt endlich unsere Grenzen. Statt Polizei und Militär im Landesinnern gegen uns, braucht es Polizei und Militär an der Grenze gegen die Eindringlinge.

  • Pit am 02.01.2017 10:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tragisch

    Anscheinend ist Terror schon zum normalen Alltag geworden oder wieso braucjt es einen Vorausblick.

  • Zyniker am 02.01.2017 10:57 Report Diesen Beitrag melden

    Eine Weltregierung

    Bald werden wir die NWO akzeptieren und uns den RFID-Chip einsetzen lassen...alles natürlich zur Sicherheit und Kampf gegen den Terror....Das Chaos wird gross, so dass wir es regelrecht wünschen, dass wir gechippt werden.

    • Peter P. am 02.01.2017 20:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Zyniker

      Wieso nicht? Eins hat sich in der Geschichte herauskristallisiert: Je dümmer die Menschen umso kürzer sollte die Leine sein ;) Und an den Kommentaren hier nach zu Urteilen ist es allerhöchste Zeit für eine kurze, sehr kurze Leine :D

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