«Der Typ sieht schwarz aus»

11. Dezember 2012 10:35; Akt: 11.12.2012 12:42 Print

Todesschütze von Trayvon verklagt NBC

von Martin Suter - George Zimmerman geht zum Gegenangriff über. Der Nachbarschaftswärter, der im Februar den Teenager Trayvon Martin erschossen hat, verklagt vor Beginn seines Mordprozesses einen TV-Sender.

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Der Tod des schwarzen Teenagers Trayvon Martin löste in den USA neue Diskussionen über Rassendiskriminierungen aus. Der erst 17-Jährige wurde am 26. Februar 2012 in dieser Wohnanlage in Sanford, einem Vorort der Unterhaltungsmetropole Orlando im Bundesstaat Florida, erschossen. Trayvon Martin war unbewaffnet. Seine Leiche fand man in dieser Strasse. Schütze war der 28-jährige George Zimmerman, ein Weisser lateinamerikanischer Abstammung. Zimmerman ist Mitglied einer Nachbarschaftswache. Der bullige Student patrouillierte seit Monaten durch die eingezäunte Wohnanlage, in der es wiederholt zu Einbrüchen gekommen war. Die Polizei nimmt Zimmerman fest und bringt ihn aufs Polizeirevier, wie diese Bilder einer Überwachungskamera zeigen. Noch am selben Abend wird er zum Hergang befragt. Bei der Befragung gibt Zimmerman an, in Notwehr geschossen zu haben, weil er von Trayvon Martin bedroht worden sei. Er beruft sich dabei auf ein Gesetz, das in Florida seit 2005 existiert und besagt, dass jeder zur Waffe greifen kann, wenn er sich bedroht fühlt. Die Polizei glaubt ihm, Zimmerman wird nach einer Befragung freigelassen. Die Eltern des Opfers, Vater Tracy und Mutter Sybrina, glauben, dass ihr Sohn aus rassistischen Motiven erschossen wurde und gehen mit dem Fall an die Öffentlichkeit. Die Folge: Landesweit kommt es zu Protesten, Tausende gehen auf die Strasse (wie hier am 23. März in Philadelphia). Sie fordern Gerechtigkeit für den Tod des 17-jährigen Teenagers... Und das Aus des Waffengesetzes «Stand Your Ground» (Behaupte die Stellung), das Kritiker für einen «Erst schiessen, dann fragen»-Erlass halten. Die Proteste bringen den Gouverneur von Florida, Rick Scott, unter Druck. Er beschliesst, den Fall zu untersuchen und stellt eine Task Force ein. Bei der Leiche von Trayvon Martin wird neben einem Eistee auch eine Packung Skittles-Bonbons gefunden. Sie werden genauso zum Symbol des Protests wie die Kapuzenpullis, sogenannte «Hoodies». Als Trayvon Martin starb, trug er einen Kapuzenpulli. Viele sind überzeugt, dass das in den USA weit verbreitete Vorurteil, wonach alle Schwarzen in Hoodies kriminelle Gewalttäter seien, dem Teenager das Leben gekostet hat. Der «Hoodie»-Protest zog sich bis in die Politik. Der demokratische Kongressabgeordnete Bobby Rush löste mit seiner Aktion im Repräsentantenhaus, als er bei seiner Rede seinen Kapuzenpulli überzog, gar für einen Skandal. Die Basketballer der Miami Heat um Superstar LeBron James machten ebenso am Protest mit. Wie auch Bürgerrechtler Jesse Jackson. Am 12. April hat Sonderstaatsanwältin Angela Corey entschieden, George Zimmerman wegen Mordes mit bedingtem Vorsatz anzuklagen. Dem Todesschützen droht eine Gefängnisstrafe von 20 Jahren bis lebenslänglich. Neue Polizeifotos von George Zimmerman: Er befindet sich an einem unbekannten Ort in Florida in Untersuchungshaft und wartet dort auf seinen Prozess. Wann dieser beginnt, ist offen.

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Angriff ist die beste Verteidigung. Nach diesem Grundsatz sorgt der des Mordes mit bedingtem Vorsatz angeklagte George Zimmerman für neue Schlagzeilen. Der 28-jährige Nachbarschaftswächter, der am 26. Februar in einer Wohnsiedlung von Sanford in Florida den unbewaffneten schwarzen Teenager Trayvon Martin erschossen hatte, wirft in einer Zivilklage dem Fernsehsender NBC Verleumdung vor.

Nach der am vergangenen Donnerstag eingereichten Klage fordert Zimmerman von NBC-Universal einen Schadenersatz in nicht genannter Höhe. «NBC sah den Tod von Trayvon Martin nicht als Tragödie, sondern als Gelegenheit, die Einschaltquoten zu verbessern», heisst es im ersten Abschnitt der Klageschrift. Also habe der Fernsehsender «den Mythos geschaffen, dass George Zimmerman ein Rassist und ein gewalttätiger Bösewicht sei».

«Der Typ sieht schwarz aus»

Die Tötung des 18-jährigen Trayvon Martin hatte im März für internationale Schlagzeilen gesorgt. In einer ersten Publizitätswelle sah sich George Zimmerman als selbsternannter Ordnungshüter porträtiert, der den schwarzen Teenager aus niedrigen Gründen ermordete. Seitdem versucht der Beschuldigte, seine Tat als rechtmässigen Akt der Selbstverteidigung darzustellen.

Konkret hält Zimmermans Klage dem Sender vor, die Tonbandaufnahme seines Telefongesprächs mit der Notrufnummer manipulativ zusammengeschnitten zu haben. In der NBC-Fassung sagt Zimmerman: «Der Typ sieht so aus, als führe er nichts Gutes im Schilde. Er sieht schwarz aus.» Tatsächlich gab Zimmerman den zweiten Satz als Antwort auf die dazwischen liegende Frage des Notrufbeamten: «Ist er weiss, schwarz oder hispanisch?»

Zimmermans Geldnöte

Anfang April hatte sich NBC für den «Irrtum im Produktionsprozess» entschuldigt und den dafür verantwortlichen Mitarbeiter entlassen. Dennoch glaubt Zimmerman, der Sender sei von «bösartigen Motiven» geleitet gewesen. Dieses Vorgehen komme einer «medialen Brandstiftung» gleich und habe ihn schwer geschädigt, heisst es in der Klageschrift. In einer Replik wehrt sich NBC gegen die Anschuldigungen. «Es gab keine Absicht, Herrn Zimmerman unfair darzustellen», lässt NBC mitteilen. «Wir werden diese Position vor Gericht entschlossen verteidigen.»

Zum Hintergrund der Verleumdungsklage gehören Zimmermans Geldnöte. Der Todesschütze hatte bald nach der Tat Sympathisanten dazu aufgerufen, ihm beizustehen. Am Anfang schickten sie ihm täglich weit über tausend Dollar, doch inzwischen ist der Geldsegen praktisch versiegt. Von den insgesamt rund 350’000 Dollar sei praktisch nichts mehr übrig, sagte Zimmermans Anwalt Mark O’Mara am HLN-Fernsehen. Einen Teil davon brauchte der Angeklagte, um seine Kaution von einer Million Dollar zu finanzieren. Den Rest des Spendengelds verbrauchte der Arbeitslose für seinen Lebensunterhalt. Noch im Dezember will Zimmerman einen neuen Spendenaufruf lancieren.

Die blutende, abgeplattete Nase

Mit der Klage gegen NBC und O’Maras Fernsehauftritt will sich Zimmerman vor einem auf Dienstag angesetzten Gerichtstermin in günstiges Licht rücken. An dem Hearing versuchen seine Anwälte, ihren Mandanten von der GPS-Fussfessel zu befreien und seinen Bewegungsspielraum zu erweitern. Gegenwärtig darf Zimmerman das Seminole County und einem angrenzenden Bezirk nicht verlassen.

Eine weitere Eingabe verlangt, dass der Anwalt der Hinterbliebenenfamilie die Originalaufzeichnung eines Interviews mit Trayvon Martins früherer Freundin aushändigt. Benjamin Crump, der Anwalt, hatte im März behauptet, die Aussagen der Freundin belegten, dass Martin «kaltblütig» getötet worden sei.

Zimmerman und seine Anwälte beharren dagegen auf der Notwehr-These. Um sie zu stützen, veröffentlichte O’Mara am Donnerstag ein Farbfoto des blutenden Schützen aus der Tatnacht. Das Bild zeigt Zimmermans Gesicht mit blutender, abgeplatteter Nase. Zusammen mit Fotos von Schrammen auf seinem Hinterkopf soll das Bild nahelegen, dass Zimmerman während eines erbitterten Zweikampfs den Abzug aus Notwehr drückte.