Proteste in Hongkong

01. Oktober 2014 16:24; Akt: 01.10.2014 16:24 Print

Trotz Schutz – Tränengas kann tödlich sein

In Hongkong schützen sich Demonstranten mit Haushaltsfolie gegen Tränengas. Erfunden wurde der Reizstoff im Ersten Weltkrieg und ist seitdem eine wichtige Waffe gegen Proteste.

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In Hongkong setzte die Polizei am 29. September 2014 massiv Tränengas gegen die Demonstranten ein. Viele Demonstranten kamen mit dem Tränengas in Kontakt. Dabei hilft nur eines: Sofort Augen und Rachen auswaschen. Wer will, kann eigens ein Dekontaminationsmittel herstellen. Dazu löst man ein Antazidum (das nimmt man gegen Sodbrennen ein) in Wasser auf und besprüht damit Augen, Mund und Haut. Tränengas, genauer Chlorbenzylidenmalonsäuredinitril (CS), ist ein farbloser Reizstoff, der aus kristallinen Verbindungen besteht. Berührt der Stoff die Haut, hinterlässt er Reizungen. Deshalb hat sich dieser Demonstrant mit Frischhalte-Folie eingewickelt. Die Hongkonger Polizei hat die Tränengas-Petarden jeweils mitten in die Menge geschossen. Wer kann, bringt sich so schnell wie möglich in Sicherheit. Auch mit einfachen Atemschutzmasken versuchen sich die Demonstranten vor dem Reizgas zu schützen. Hier dichtet ein Student seine Schutzbrille mit Frischhaltefolie ab. Auch hier dient die Folie als Abdichtung. Masken, Folien und Gasmasken dienen als Schutz. Erfunden wurde das Tränengas im Ersten Weltkrieg. Das Tränengas diente primär dazu, um bei den durch Gasmasken geschützten Gegnern Übelkeit und Erbrechen zu erzeugen und sie so zum Absetzen der Gasmasken zu zwingen. Seitdem wurde es immer wieder gegen Demonstranten eingesetzt. Hier bei den Protesten der 68er-Bewegung im Mai 1968. Auch bei den jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Kurden und den türkischen Sicherheitskräften an der türkischen Grenze am 21. September 2014 setzte die Polizei Tränengas ein. Zwei Männer verbuddeln eine Petarde. Die Tränengas-Petarden werden sehr heiss. Deshalb wirf ein Demonstrant bei Protesten in Bolivien die Petarde mit Handschuhen bekleidet zurück. Als Schutz trägt er eine Gasmaske. Bei den Protesten auf dem Taksim-Platz in der Türkei setzte die Polizei ebenfalls massiv Tränengas ein. Ein Demonstrant wirft eine Petarde zurück. Dieser türkische Demonstrant schützt sich auf kreative Weise vor dem Reizstoff. Eine Wasserflasche und eine Maske dienen ihm als Schutz.

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Sie sehen aus wie eingewickelte Fische: Viele der Demonstranten in Hongkong haben in den vergangenen Tagen bei den Demonstrationen Schutzbrillen aufgesetzt und ihren gesamten Kopf und ihre Arme mit Frischhalte-Folie umwickelt, die man in jedem Supermarkt kaufen kann. Was auf den ersten Blick bizarr und lustig aussieht, ist eine wichtige Schutzmassnahme: Damit soll verhindert werden, dass winzige Kristalle des auf sie abgeschossenen Tränengases auf die Haut, in die Augen und in den Rachen gelangen und diese somit stark reizen.

Tränengas, genauer Chlorbenzylidenmalonsäuredinitril (CS), ist ein farbloser Reizstoff, der aus kristallinen Verbindungen besteht. Der Name Tränengas ist irreführend. Genau genommen handelt es sich nicht um ein Gas, sondern um Aerosol – einer Mischung aus gasförmigen und festen Bestandteilen. Tränengas greift Schleimhäute, zum Beispiel in den Atemwegen, an und reizt die Nerven der Hornhaut. Je nach der Menge, die eingesetzt wird, kann der Stoff die Haut leicht reizen, starke gesundheitliche Schäden verursachen oder bei Menschen mit Atemwegsproblemen zum Tod führen.

Im Krieg verboten

Erfunden wurde das Tränengas im Ersten Weltkrieg. Es diente primär dazu, bei den durch Gasmasken geschützten Gegnern Übelkeit und Erbrechen zu erzeugen und sie so zum Absetzen der Gasmasken zu zwingen. Die Engländer mischten das Tränengas mit tödlichen Gasen. Diese Mischung wird seit dem Ersten Weltkrieg durch die Ächtung von chemischen Kampfstoffen kaum noch eingesetzt. Heutzutage ist das Verwenden von chemischen Kampfstoffen – dazu gehört auch Tränengas – laut dem Chemiewaffenübereinkommen von 1992 im Krieg verboten. Polizeikräfte dürfen Tränengas allerdings «zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung» einsetzen.

Schützen kann man sich gegen Tränengas auf unterschiedliche Weise. Die Demonstranten in Hongkong verwenden dazu Schutzbrillen, Stoffmasken und Klarsichtfolien. Diese verhindern, dass die Kristalle des Tränengases in die Atemwege und in die Augen gelangen. Rosie Garthwaite, eine erfahrene Krisen- und Kriegsreporterin, rät in ihrem «Handbuch für die gefährlichsten Orte der Welt» zudem: Anstatt Kontaklinsen sollten Brillen getragen werden. Kommen Kontaktlinsen nämlich in Berührung mit dem Tränengas kann sich das Herausnehmen anfühlen, als ob man Glasscherben aus den Augen kratzen muss. Feuchtigkeitscremes und Sonnenschutzmittel auf Ölbasis sollten vermieden werden. Denn die Reizstoffe können sich daran binden.

Wer mit Tränengas in Berührung gekommen ist, soll sofort die Augen auswaschen. Am besten eignet sich dazu ein selbst hergestelltes Dekontaminationsmittel: Dazu löst man ein Antazidum (ist in Mitteln gegen Sodbrennen enthalten) in Wasser auf und besprüht damit Augen, Mund und Haut. Ersatzkleidung sollte in Plastikbeutel mitgeführt werden, um die kontaminierten Kleider gegen frische zu wechseln.

Ultimatum gesetzt

Ungeachtet des Tränengaseinsatzes in den vergangenen Tagen gehen die Proteste in Hongkong weiter. Die studentischen Anführer der Demokratiebewegung in Hongkong haben den Regierungschef der Finanzmetropole ultimativ aufgefordert, bis Donnerstagabend zurückzutreten.

Ansonsten würden sie ihre Aktionen fortsetzen und wichtige Regierungsgebäude besetzen, kündigte Lester Shum, Vize-Geschäftsführer der Vereinigung der Studenten in Hongkong, am Mittwoch an. Die Studenten wollen mit einem Vertreter der chinesischen Zentralregierung sprechen, aber nicht mit dem Regierungschef von Hongkong, Leung Chun-yin.


(bat)