Auch Ausländer darunter?

16. November 2017 16:03; Akt: 16.11.2017 16:03 Print

US-Koalition liess IS-Kämpfer abziehen

Eine BBC-Recherche macht glaubhaft, dass IS-Kämpfer aus Raqqa abziehen durften. Darunter sollen auch ausländische Extremisten gewesen sein.

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Was sich beim Fall der IS-Hochburg Raqqa in der ersten Oktoberhälfte genau abspielte, ist lange im Unklaren geblieben. Nach einer umfassenden, jetzt publizierten Recherche der britischen BBC erkaufte sich die US-geführte Koalition diesen Sieg, indem sie am 12. Oktober Kämpfer und Angehörige der Terrormiliz «Islamischer Staat» in einem Konvoi aus ihrer deklarierten Hauptstadt abziehen liess.

Der Bericht trägt den Titel «Raqqas schmutziges Geheimnis». Auf der Grundlage von Gesprächen mit Bus-Chauffeuren, Lastwagenfahrern, Ladenbesitzern und IS-Kämpfern selbst beschreibt die BBC, wie zwei Humvees einen langen Konvoi über Wüstenstrassen in Gebiete unter Kontrolle des IS führten.

Der Konvoi umfasste 50 Sattelschlepper und offene Lastwagen, 13 Reisebusse und über hundert eigene Fahrzeuge des IS. Evakuiert wurden rund 4000 Menschen, darunter um die 250 IS-Kämpfer und 3500 Familienangehörige. Laut BBC führten die Laster zudem Tonnen von Waffen und Kriegsmaterial mit.

USA bestätigen den Deal

Auf Nachfrage von Journalisten bestätigten die USA am Dienstag den BBC-Bericht in seinen Grundzügen.

Zwei Tage zuvor sei in Raqqa ein Deal abgeschlossen worden, räumte Oberst Ryan Dillon ein, der Sprecher der kombinierten Task-Force «Operation Inherent Resolve». Die nach seinen Angaben 300 IS-Kämpfer seien vor ihrem Abzug «geprüft und biometrisch erfasst» worden.

Dillon behauptet, unter den Evakuierten seien bloss vier ausländische Kämpfer identifiziert worden – und Truppen der «Demokratischen Kräften Syriens» (SDF) hätten sie festgenommen. Die Gewährsleute der BBC sprechen jedoch von vielen ausländischen IS-Terroristen: «Es gab eine riesige Zahl von Ausländern», sagt ein Lastwagenfahrer. «Leute aus Frankreich, der Türkei, Aserbaidschan, Pakistan, dem Jemen, Saudiarabien, China, Tunesien, Ägypten …»

Französische IS-Kämpfer: «Tag der Abrechnung»

Die BBC zitiert ein französisches IS-Mitglied mit Pseudonym Abu Basir al-Faransy, der es mit dem Konvoi in die vom IS gehaltene syrische Stadt Idlib geschafft hat. «Es gibt ein paar französische Brüder, die nach Frankreich gegangen sind, um an einem Tag der Abrechnung Angriffe durchzuführen», sagt Abu Basir.

Der von der Koalition bewilligte Exodus der IS-Mitglieder wird von der US-geführten Koalition damit gerechtfertigt, dass der Deal geholfen habe, die Schlacht um Raqqa zu verkürzen, und damit mehr Blutvergiessen verhindert worden sei.

Damit hätten nicht nur Zivilisten geschont werden können, sondern auch Koalitionstruppen, insbesondere die mehrheitlich kurdischen SDF-Kämpfer. Alle Abmachungen seien von den lokalen Kommandanten getroffen worden, sagte Oberst Dillon. Er gestand aber auch ein: «Ich kann nicht mit hunderprozentiger Sicherheit sagen, dass jeder einzelne Kämpfer, der aus Raqqa kam, identifiziert wurde.»

Russische «Beweisfotos»

Kritiker der westlichen Politik gegenüber dem IS sehen jedoch Verschwörung im Spiel. So hat etwa das russische Verteidigungsministerium die angebliche Zusammenarbeit zwischen dem IS und den USA mit Satellitenbildern zu belegen versucht. Allerdings stammten die Fotos der angeblichen Lastwagen nahe der syrisch-irakischen Grenze aus einem Videospiel. Das Ministerium räumte später den «Fehler» ein.

Der russische Sender RT erkennt in der Evakuation aus Raqqa den Beweis dafür, dass «die strukturelle Bewahrung von IS-Elementen in das geostrategische Kalkül der USA und deren syrischer Verbündeten passt».

Ein RT-Bericht zitiert den türkischen Politologen Ömer Özkizilcik mit dem Hinweis, die USA hätten «die entscheidende Rolle beim Entstehen des IS» gespielt.

Der Türkei ist vor allem die kurdische Beteiligung an den SDF-Kräften ein Dorn im Auge, denn Ankara sieht in den kurdischen Koalitionsmitgliedern den verlängerten Arm der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

In einer Mitteilung bezeichnet die türkische Regierung die von der BBC berichtete Abzugsvereinbarung für Raqqa als «erschreckend». Sie beweise, dass «bei einem Kampf zwischen terroristischen Organisationen diese terroristischen Organisationen am Ende miteinander kooperieren». Dass die Türkei im Kampf gegen den IS selbst eine zweifelhafte Rolle spielte, bleibt bei der Kritik unerwähnt.

Raqqas «geheimer Deal» (Video):


(Quelle: YouTube/BBC News)

(sut)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • R. Feller am 16.11.2017 16:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bei den USA usus

    Die USA will keinen Frieden. Was würde sonst die Rüstungsindustrie und die ca 1,5 Millionen Armee auch zu tun haben. Das ist seit dem 2. Weltkrieg so und bleibt auch so. Bezahlen tut die Weltbevölkerung.

  • LuziusLuz am 16.11.2017 16:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer hätte das gedacht

    Soviel zum Thema der Westen (USA & Co.) bekämpfen die Terroristen

  • Fritz am 16.11.2017 16:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sehr komisch für Terror

    Eine menschliche Angelegenheit so scheint es. Vielleicht auch hinterlistiges Kalkül? Den USA ist nicht zu trauen. Was machen die IS Jungs jetzt weiter mit ihren Waffen und für wen?

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • r.t. am 16.11.2017 21:10 Report Diesen Beitrag melden

    Schwach

    Liebe Freunde wann kapiert ihr endlich das die USA den Terror unterstützen? Alle diese Länder waren mal steinreich. Jetzt sind sie in Schutt und Asche verfallen, nur weil die USA mitspielten.

  • Jörg am 16.11.2017 20:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    undurchsichtige USA

    Erstaunt mich überhaupt nicht. Schliesslich stammt das meiste Unterstützungsgeld für idslamische Terrorgruppe mutmasslich von den Saudis und iegehören zu den besten Freunden der USA. Das undurchsichtige Verhalten der USA im nahen Osten lässt viele Vermutungen über die wahre Motivation zu.

  • B. Kerzenmacher am 16.11.2017 19:47 Report Diesen Beitrag melden

    Spannend...

    wird es erst dann richtig in Europa, wenn die "moderaten Rebellen" in Syrien nach einer absehbaren Niederlage als angebliche "Flüchtlinge" an die Türen der westlichen Wertegemeinschaft klopfen und mit allem was sie auf dem Kerbholz haben sofortigen Einlass, Asyl und Sozialhilfe fordern. Dagegen ist die jetzige Flüchtlingsdiskussion in Europa dann nur "Peanuts".

  • Marcel am 16.11.2017 19:30 Report Diesen Beitrag melden

    War on Terror

    Bin wahrlich kein Ami Fan und denke das was Amerika und Europa in Syrien veranstaltet ein Bruch des Völkerrechts ist. Prinzipiel eine gute Sache feindliche Kämpfer aus einer Stadt abziehen lassen, hat Assad auch gemacht, jedoch muss man diese Leute entwaffnen. Für die Amerikaner sind Terroristen ein Werkzeug, damit meine augenscheinlich keine eigenen Truppen in Syrien kämpfen lassen muss. Das Ziel ist es die Kontrolle über diese Land zu haben. Der Krieg gegen den Terror eine Farce und wird uns nur noch mehr Terror bringen.

  • Anon CJ am 16.11.2017 19:09 Report Diesen Beitrag melden

    Die Helden Amerika

    "dass der Deal geholfen habe, die Schlacht um Raqqa zu verkürzen, und damit mehr Blutvergiessen verhindert worden sei." Ob mit dem Fliehen lassen wirklich zukünftiges Blutvergiessen verhindert wurde ist fragwürdig.