Nächster Fall Guttenberg

22. Januar 2013 21:58; Akt: 23.01.2013 08:26 Print

Universität leitet Verfahren gegen Schavan ein

Erneut droht einer deutschen Spitzenpolitikerin die Aberkennung des Doktortitels wegen Plagiatsvorwürfen. Betroffen ist ausgerechnet Bildungsministerin Annette Schavan.

Die Opposition fordert bereits Schavans Rücktritt. (Video: Reuters)
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Die Plagiatsaffäre um ihre 33 Jahre alte Doktorarbeit bringt Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) in Bedrängnis. Nach langen Beratungen leitete die Universität Düsseldorf am Dienstag mit 14 Ja-Stimmen und einer Enthaltung im Rat der philosophischen Fakultät ein offizielles Verfahren zur Aberkennung des Doktortitels ein. An dessen Ende könnte ausgerechnet die für Forschung zuständige Ministerin ihren akademischen Titel verlieren.

Dekan Bruno Bleckmann stellte klar, dass ein Verfahren noch nicht automatisch den Verlust des Doktortitels bedeuten muss. «Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass das Verfahren ergebnisoffen ist», sagte der Professor. In den nächsten Wochen würden sich alle Mitglieder des Fakultätsrates «intensiv» mit den Unterlagen sowie Schavans Stellungnahme befassen. Für den 5. Februar sei eine weitere Sitzung einberufen worden.

Dass es in dem Fall um die Bundesforschungsministerin geht, spielt nach Meinung der Universität keine Rolle. «Wenn wir als Fakultät substanzielle Anzeichen eines solchen wissenschaftlichen Fehlverhaltens erkennen, müssen wir dem konsequent nachgehen - und zwar unabhängig von der Person und ihrer Position», sagte Bleckmann. Alle Sachverhalte seien «ausführlich diskutiert» worden. Die Universität wurde auch von namhaften Forschungseinrichtungen für ihr Vorgehen im Fall Schavan teils scharf kritisiert. Ein Gutachten kritisierte die Hochschule, ein anderes entlastete sie.

Unionsfraktion fordert unabhängigen Expertenrat

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Kretschmer, forderte unterdessen, dass sich die Universität unabhängigen Expertenrat einholt. Die berechtigte Kritik aus der Wissenschaft am bisherigen Vorgehen müsse beachtet werden. Einmischungsversuche der SPD nannte er «infam». Sie schadeten der Wissenschaft und dem Ansehen der Politik. FDP-Bildungsexperte Patrick Meinhardt mahnte Fairness und ein geordnetes Verfahren an. «Bis zum Abschluss der Prüfung gilt die Unschuldsvermutung.» Für die Bildungsexpertin der Linke-Bundestagsfraktion, Petra Sitte, schadete die Einmischung der Wissenschaftsorganisationen der Bildungsministerin. Sollten die Vorwürfe gegen Schavan bestätigt werden, hätte sie als Bildungsministerin ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte im Frühjahr ein anonymer Blogger. Im Internet warf er Schavan vor, an mehreren Stellen ihrer Doktorarbeit abgeschrieben und Quellen nicht genannt zu haben. In der 1980 verfassten Arbeit widmete sich die junge Schavan dem Thema «Person und Gewissen».

Nach Bekanntwerden der Vorwürfe nahm sich die Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf dem Fall an. Der Promotionsausschuss empfahl dem Fakultätsrat, ein offizielles Verfahren gegen die baden-württembergische Bundestagsabgeordnete einzuleiten. In einem im vergangenen Oktober bekannt gewordenen internen Prüfbericht wurde Schavan eine «leitende Täuschungsabsicht» vorgeworfen.

Rücktrittsforderungen an Schavan

Ausgerechnet im Jahr der Bundestagswahl könnte die Ministerin damit zur Belastung für die Bundesregierung werden. Die Opposition hatte bereits im Vorfeld einen Rücktritt ins Spiel gebracht. «Wenn sie das wissenschaftliche Handwerk nicht ordnungsgemäss ausgeübt hat, muss sie Konsequenzen ziehen», sagte kürzlich SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) steht allem Anschein nach allerdings fest zu ihrer Vertrauten. Laut «Spiegel» heisst es aus der Regierungszentrale, dass ein Rücktritt nicht infrage komme.

Diesen fordert hingegen Plagiatsjäger Martin Heidingsfelder. Der Gründer der Webseite «VroniPlag», auf der Doktorarbeiten nach Plagiaten durchsucht werden, ist der Ansicht, dass es klar erwiesen ist, dass Schavan unsauber gearbeitet habe. «Das ist untragbar», sagte das Mitglied der Piratenpartei. Heidingsfelder will sowohl in der Doktorarbeit als auch in drei weiteren Büchern der CDU-Politikerin Plagiate entdeckt haben. Ein Werk stamme aus dem Jahr 2002. «Da ist nichts verjährt.» Er findet es «mutig», dass die Universität den Schritt gegangen ist, ein Verfahren zu eröffnen. Der Druck auch von Forschungseinrichtungen sei zuletzt sehr gross gewesen.

Ungeachtet der Plagiatsaffäre will Schavan in diesem Jahr erneut in den Bundestag. Am Freitag wählt der CDU-Kreisverband Alb-Donau/Ulm seinen Kandidaten für die Bundestagswahl und Schavan will erneut antreten. Sie vertritt seit 2005 den Wahlkreis im Bundestag. Der Kreisverband steht hinter ihr. Gegenkandidaten hat Schavan keine. Sie sei «unangefochten», hiess es am Dienstag aus dem Kreisverband.

(dapd)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dani am 23.01.2013 07:00 Report Diesen Beitrag melden

    scheinheilig

    ausgerechnet ein Pirat der etwas gegen Plagiate hat?

  • Damaris am 23.01.2013 07:32 Report Diesen Beitrag melden

    Irgendwann ...

    kriegen wir sie alle ... die Angeber und Blender in dieser Gesellschaft. Internet sei dank. Es sind noch viele unter uns, die sich mit falschen Titeln und Ehrenbezeichnungen schmücken. Wenn ich beispielsweise nur schon daran denke, wie viele Lehrer an Schulen geduldet werden, die eigentlich nicht über die nötige Ausbildung / Abschluss verfügen, wird mir beinahe schlecht. Amigowirtschaft überall !

  • franz am 23.01.2013 07:04 Report Diesen Beitrag melden

    peinlich

    schon peinlich wenn eine bildungsministerin dieser tat verdächtigt wird. falls der titel aberkannt wird, sollte sie zurücktreten und finanziell zur rechenschaft gezogen werden - denn ihre berufliche karriere beruht auf diesem doktortitel.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Damaris am 23.01.2013 07:32 Report Diesen Beitrag melden

    Irgendwann ...

    kriegen wir sie alle ... die Angeber und Blender in dieser Gesellschaft. Internet sei dank. Es sind noch viele unter uns, die sich mit falschen Titeln und Ehrenbezeichnungen schmücken. Wenn ich beispielsweise nur schon daran denke, wie viele Lehrer an Schulen geduldet werden, die eigentlich nicht über die nötige Ausbildung / Abschluss verfügen, wird mir beinahe schlecht. Amigowirtschaft überall !

  • franz am 23.01.2013 07:04 Report Diesen Beitrag melden

    peinlich

    schon peinlich wenn eine bildungsministerin dieser tat verdächtigt wird. falls der titel aberkannt wird, sollte sie zurücktreten und finanziell zur rechenschaft gezogen werden - denn ihre berufliche karriere beruht auf diesem doktortitel.

  • Dani am 23.01.2013 07:00 Report Diesen Beitrag melden

    scheinheilig

    ausgerechnet ein Pirat der etwas gegen Plagiate hat?

  • erwin am 23.01.2013 06:41 Report Diesen Beitrag melden

    schmierentheater

    so langsam wird es lächerlich. nach 30 jahren solch theater. irgend eine kommission muss ja die doktorarbeit mal geprüft haben. mit den heutigen techn. möglichkeiten, müssten bestimmt 50-70% ihren titel abgeben. also wenn schon hexenjagd, dann alle arbeiten prüfen und nicht nur die von promis.