Giovanni Palatucci

21. Juni 2013 09:05; Akt: 21.06.2013 09:55 Print

War der Judenretter ein Nazi-Kollaborateur?

Giovanni Palatucci gilt als der Oskar Schindler Italiens. Er soll Tausende Juden vor dem KZ gerettet haben. Forscher behaupten nun aber genau das Gegenteil.

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Der Italiener Giovanni Palatucci, der wegen seiner Rolle bei der Rettung tausender Juden während des Holocaust geehrt wurde, war laut neuen Recherchen in Wahrheit ein Kollaborateur der Nazis. Palatucci sei niemals Polizeichef von Fiume gewesen und habe keineswegs tausende Juden vor der Deportation in die Konzentrationslager gerettet, erklärte das Centro Primo Levi in New York am Donnerstag.

Palatucci, der im Februar 1945 im Alter von 36 Jahren im Konzentrationslager Dachau starb, wird in Italien bis heute als Held verehrt. Zahlreiche Strassen und Plätze in Italien sind nach Palatucci benannt, Papst Johannes Paul II. würdigte ihn als Märtyrer und auch in Israels Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem wurde er geehrt.

Nach bisheriger Darstellung rettete Palatucci als Polizeichef von Fiume, heute die kroatische Hafenstadt Rijeka, rund 5000 Juden das Leben, indem er ihre Dokumente zerstörte oder falsche Ausweise und Visa ausstellte. Demnach schickte er sie in ein Internierungslager in Campagna im Süden Italiens, wo sein Onkel damals ein einflussreicher katholischer Bischof war.

Das Centro Primo Levi widersprach nun dieser Darstellung. Demnach gab es in Fiume lediglich 500 Juden, von denen 80 Prozent im Konzentrationslager Auschwitz starben.

Stattdessen «williger Vollstrecker»

Die Direktorin des Zentrums, Natalia Indrimi, sagte zudem, in Campagna seien nur 40 Juden interniert worden und das nicht auf Anweisung Palatuccis. Ausserdem habe Palatucci keine Dokumente zu Juden zerstört. Vielmehr habe er den Deutschen weiter Informationen zu Juden geliefert und als «williger Vollstrecker» der Verfolgungsmaschinerie gearbeitet.

In Reaktion auf einen Brief Indrimis vom 7. Juni begann das Holocaust Memorial Museum in Washington, Verweise auf Palatucci aus seiner aktuellen Sonderausstellung zu entfernen. Es nahm auch einen Artikel zu ihm von seiner Webseite.

Palatucci hatte bisher als das italienische Gegenstück zu Oskar Schindler gegolten, dem deutschen Industriellen, der tausende Juden vor der Deportation rettete. Die Raoul Wallenberg Stiftung hatte Palatucci als «italienischen Helden im Holocaust» gewürdigt, der von der Gestapo festgenommen und unter dem Vorwurf der Verschwörung nach Dachau geschickt wurde. Erst vergangene Woche wurde im italienischen Polino ein Platz nach ihm benannt.

(aeg/sda)