Tödliche Polizeigewalt

23. August 2014 21:12; Akt: 24.08.2014 11:51 Print

Warum schiessen US-Cops nicht ins Bein?

Nach den Schüssen in Ferguson stellt sich die Frage: Warum mussten diese Schüsse tödlich sein? Hätte eine Verwundung nicht auch gereicht? Nein, sagen Experten.

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Wenn es um ihre eigene Sicherheit geht, kennen Polizisten in den USA kein Pardon. So zeigt ein Augenzeugen-Video, wie der 25-jährige Kajieme Powell in St. Louis mit einem Messer auf die Beamten zugeht. Die Polizisten erschiessen den jungen Mann aus einigen Metern Entfernung. Nun fragen sich Bürger in St. Louis: Waren die tödlichen Schüsse in die Brust wirklich nötig? Hätten die Polizisten nicht auch einfach auf die Beine und Arme schiessen können?

Wie der «Guardian» berichtet, funktioniert das sogenannte «shooting to wound» – also das Schiessen, um zu Verletzten – gemäss Experten nur im Film. «Einen Täter nur in die Arme und Beine zu schiessen wäre sogar für John Wayne schwierig», sagt Candace McCoy, Professorin für Strafrecht an der «City University» von New York. «Wenn ein Polizist sich entscheidet zu schiessen, dann geschieht das unter enormem Druck und wenn er sich einer grossen Bedrohung ausgesetzt sieht.» Der Polizist müsse zudem auf ein Ziel schiessen, das sich schnell bewegt. Diese Faktoren mache gezielte Schüsse extrem schwierig.

Polizisten müssen in Lebensgefahr sein

«Polizisten sind darauf trainiert, auf das Zentrum des Körpers zu schiessen», sagt McCoy – also auf die Brust. Denn so sei die Wahrscheinlichkeit am grössten, die Bedrohung zu stoppen. Dabei seien die rechtlichen Rahmenbedingungen klar definiert: Nur wenn sich ein Polizist in unmittelbarer Lebensgefahr befinde oder die Öffentlichkeit massiv bedroht sei, dürfe er zur Waffe greifen. Sollte den Polizisten das «shooting to wound» erlaubt werden, würde die Hemmschwelle sinken, die Waffe zu benutzen.

In der Vergangenheit haben Abgeordnete jedoch versucht, das Gesetz so anzupassen, dass bei geringer Gefahr das Schiessen auf Arme und Beine erlaubt wird. Das ist jedoch bei Strafverfolgungsbehörden höchst umstritten.

Warum benutzen die Polizisten nicht einfach den Taser?

Auf die Beine und Arme zu schiessen, wäre bei massiver Bedrohung eine Option. In den meisten Fällen haben die Polizisten in den USA neben der Waffe auch einen Taser bei sich. Warum wurde der nicht einfach im Fall von Powell eingesetzt? «Polizisten müssen nicht unnötigerweise ihr Leben riskieren», sagt David Klinger, Dozent am Departement für Kriminologie an der Universität von Missouri-St.Louis und früherer Beamter des Polizei-Departements von Los Angeles. Polizisten seien angehalten, tödliche Gewalt gegen Angreifer auszuüben, die sie mit einer Waffe bedrohten.

Zwar könnten die Gesetzeshüter auch mildere Gewalt anwenden. Aber nur dann, wenn sie sich in ihrem Tun sicher fühlen. Schlägt das fehl, könnte das Leben nicht nur des Polizisten, sondern auch von Zivilpersonen gefährdet sein. Gemäss Klinger hat Powell den Polizisten gar keine andere Wahl gelassen als zu schiessen: «Es ist tragisch, aber er griff sie an.»

William Terrill, Professor an der Schule für Strafrecht an der Universität in Michigan, macht eine Gesetzeslücke dafür verantwortlich, dass bei akuter Bedrohung kein Taser oder Pfefferspray eingesetzt wird. «Das Gesetz sagt nur, dass die von Polizisten eingesetzte Gewalt objektiv angemessen sein muss», sagt Terrill, «was auch immer das heisst. Es ist schwierig für eine Person, das in einer Extrem-Situation zu entscheiden.» Auch wenn Polizisten immer häufiger auch weniger tödliche Mittel wie den Taser einsetzen. Terrill sagt: «Es braucht mehr standardisierte Übungen, wie exakt mit diesen Mitteln umzugehen ist und wann sie eingesetzt werden sollen.»

(bat)