Ein Jahr «Kalifat»

29. Juni 2015 23:48; Akt: 29.06.2015 23:48 Print

Wieso ist der IS so erfolgreich?

Vor einem Jahr rief der IS sein «Kalifat» aus. Dass er mit seinen Erfolgen seither die Schlagzeilen dominiert, hätten nicht viele gedacht. Was sind die Gründe?

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Als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) am 29. Juni 2014 im syrisch-irakischen Grenzgebiet ihr «Kalifat» ausrief, nahmen das nicht alle ernst. «Sicher ist, dass Isis (IS seit der Ausrufung des «Kalifats», Anm. d. Red.) ziemlich viel riskiert hat», hiess es am 30. Juni 2014 etwa in der deutschen «Zeit». Die Jihadisten seien sehr selbstsicher. Nichtsdestrotrotz vermutete der Autor, dass «sie die Sympathien, die unter den Muslimen für sie bestehen, überschätzen».

Mittlerweile feiert das IS-Kalifat sein einjähriges Bestehen und die Terrormiliz verzeichnet nicht nur Gebietsgewinne, sondern bekennt sich auch zu zahlreichen Anschlägen – Tunesien mit 38 Toten ist nur das jüngste Beispiel. Was macht diesen Ableger des Terrornetzwerks al-Qaida so erfolgreich, wie viele Kämpfer hat der IS mittlerweile – und wie kann man ihn besiegen? Einige Antworten auf zentrale Fragen.

Wieso ist das Kalifat für den IS wichtig?
Mit der Ausrufung des Kalifats will der IS an die Staatsform anknüpfen, mit der viele Muslime bis heute das Goldene Zeitalter des Islams verbinden. Die reine Existenz eines solchen Kalifats ist ein Zeichen der Stärke, das auf viele Jihadisten anziehend wirkt, weil es ihnen Macht und ein visionäres Ziel vorgaukelt. In seinem Herrschaftsgebiet kontrolliert der IS nicht nur Verwaltung und Bildungswesen, er treibt auch Steuern ein und lässt eigene Gerichte die radikalste Lesart der Scharia durchsetzen. Geleitet wird das Gebilde von «Kalif Ibrahim», wie sich IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi seit Auftauchen der Audiobotschaft nennt (zum Nachlesen: Wer ist al-Bagdadi?).

Was macht den IS so erfolgreich?
Der Erfolg des IS ist weniger ein Ergebnis seiner eigenen Stärke – als vielmehr der Schwäche seiner Gegner. Mit Ausnahme der Kurden gibt es weder im Irak noch in Syrien eine militärische Kraft, die den IS besiegen kann. Im Irak lehnen die meisten Sunniten die von Schiiten dominierte Regierung in Bagdad ab, weil sie sich diskriminiert fühlen. Der irakischen Armee fehlt trotz ausländischer Hilfe die Schlagkraft. Zudem sind viele Offiziere, die noch unter dem Diktator Saddam Hussein dienten und über exzellente Kampferfahrung verfügen, zum IS übergelaufen. Auch in Syrien ist der Bürgerkrieg längst zu einem Konflikt zwischen den Konfessionen geworden. Die machthabenden Alawiten (eine Nebenlinie des schiitischen Islams) befürchten blutige Rache, sollte Präsident Baschar al-Assad stürzen. Auch viele Christen sehen den Präsidenten als Schutzpatron. Das sei ein grosser Fehler, sagt Charlie Winter vom britischen Thinktank Quilliam, denn «Assad ist verantwortlich für den Tod von 200'000 Menschen. So lange Assad Chlorgas und Fassbomben gegen Schulen und Spitäler einsetzt und regelmässig Menschen hinrichten lässt, wird der IS weiter an Macht zulegen können.»

Weitere Gründe für den IS-Erfolg
Moderne Waffen: Die Jihadisten konnten schon früh schwere Waffen erbeuten, gerade von der irakischen Armee, die bei ihren Rückzügen auch modernste Ausrüstung zurücklassen musste, die sie zu grossen Teilen von den USA bekommen hatte.
Sunnitischer Rückhalt: Die Militäroffensive des IS konzentriert sich bislang auf sunnitisch geprägte Regionen, in denen die Terrormiliz Rückhalt erfährt. So konnte er strategisch wichtige Infrastruktur und schwach verteidigte Einrichtungen erobern. Ohne nennenswerten Widerstand in diesen Gebieten konnte der IS Verluste in den eigenen Reihen minimieren sowie die Motivation und den Zusammenhalt stärken.
Propaganda: Der IS baut auf den Ruf, besonders grausam zu sein. Dies trug viel dazu bei, dass die irakische Armee sich immer wieder kampflos zurückzog und ganze Dörfer beim Herannahen der gefürchteten IS-Konvois kapitulierten.
Baschar al-Assad: Der syrische Machthaber brandmarkt sämtliche Gegner als «Terroristen», auch moderatere Oppositionelle. Viele Kritiker des Regimes sitzen in Gefängnissen. Dazu vermag die syrische Opposition keine gemeinsame Führung aufzustellen.

Wie viele IS-Kämpfer gibt es mittlerweile?
Vergangenen Herbst schätzte die CIA, dass die Terrormiliz in Syrien und Irak bis zu 31'500 Kämpfer hat. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London geht von über 80'000 Anhängern in den beiden Ländern aus. Führend ist Tunesien: Aus dem Land mit elf Millionen Einwohnern sollen 3000 Jihadisten nach Syrien und in den Irak gezogen sein – mindestens. Europas Kämpfer kommen in erster Linie aus Frankreich (rund 1200), Grossbritannien (600), Deutschland (600) und Belgien (über 400). Was die Schweiz angeht: Bis Februar 2015 zählte der Nachrichtendienst des Bundes 30 bestätigte Fälle von jihadistisch motivierten Reisenden. Davon reisten 23 nach Syrien und in den Irak. Zwölf dieser Personen sollen sich noch im Konfliktgebiet aufhalten.

Wie finanziert sich der IS?
Die Einnahmen der Terrormiliz stammen zu einem erheblichen Teil aus Schutzgelderpressungen. Geschäftsleute in den vom IS kontrollierten Gebiet müssen offenbar hohe Zahlungen leisten (ein Artikel aus dem «Economist» geht von 21 Millionen Dollar für 2014 aus). Dazu kommen gestohlene Devisen von irakischen Banken, Lösegelder sowie der Verkauf von Öl. Der IS-Reichtum basiert zudem auf einer Beutewirtschaft, in der eroberte Gebiete geplündert werden. Guido Steinberg, Terror-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) rechnet deswegen schon in diesem Herbst mit Versorgungsproblemen. «Viele landwirtschaftliche Flächen im Herrschaftsgebiet des IS liegen brach», sagt der Politikwissenschaftler. «Spätestens mit Ausbleiben der Ernte werden Probleme auftauchen.»

Was sind die Ziele des IS?
Derzeit geht es dem IS um die Festigung seiner Gebiete im «Kalifat». Doch mittelfristig will der IS seinen Machtbereich im ganzen Nahen Osten ausweiten. Langfristig träumen die IS-Gotteskrieger von einem globalen Kalifat.

Wer kann den IS schlagen – und wie?
Charlie Winter sieht Nachholbedarf bei der Unterstützung der säkularen irakischen Kräfte. Diese müssten den Kampf gegen den IS anführen, nicht der schiitische Milizenverband al-Haschd al-Schaabi. Dieser steht offiziell unter der Aufsicht der irakischen Zentralregierung, kontrolliert werden die schiitischen Milizen jedoch massgeblich vom Iran.

Für Daniel Köhler vom Girds (German Institute on Radicalisation and De-radicalisation) hat sich hingegen die aktuelle Strategie gegen den IS bewährt: Unterstützung der kurdischen Kräfte, Aufbau der irakischen Truppen, Blockierung von Finanztransaktionen und gemeinsame Luftangriffe. Handlungsbedarf sieht er bei der Verhinderung der Rekrutierung ausländischer Kämpfer für den IS: «Versuche der westlichen Staaten, Syrien- und Irak-Reisen zu unterbinden, reichen alleine nicht aus. Dazu muss eine De-Radikalisierungsstrategie gekoppelt werden, ansonsten erhöht sich die Anschlagsgefahr daheim weiter. Der IS hat sich als erfolgreichste jihadistische Gruppe der Geschichte etabliert und wird, ähnlich wie die al-Qaida, nie mehr gänzlich verschwinden.»

(gux/sda)