Vater beschuldigt

14. November 2012 10:51; Akt: 14.11.2012 17:15 Print

Winnenden-Amoklauf erneut vor Gericht

Der 17-jährige Amokläufer von Winnenden hat 16 Menschen getötet. Vor Gericht muss sich nun wiederholt sein Vater verantworten. Der Vorwurf: Fahrlässige Tötung und Überlassen einer Waffe.

Bildstrecke im Grossformat »
Beim Amokläufer Tim K. von Winnenden handelt es sich um einen ehemaligen Schüler der Albertville-Realschule. Der 17-jährige Tim K. legte 2008 seine Mittlere Reife an der Albertville-Realschule ab. Tim K. stammte aus Weiler zum Stein, das zu Leutenbach bei Winnenden gehört. Sein Elternhaus ist zwölf Kilometer von der Albertville-Realschule entfernt. Er wird von Anwohnern und seinem Umfeld als unauffälliger und zurückhaltender Einzelgänger mit einer Vorliebe für Waffen beschrieben. Tim K.s Mutter ist laut Medienberichten Kindergärtnerin, der Vater ein erfolgreicher Unternehmer. Tim K. soll eine jüngere Schwester haben. Der Vater ist Mitglied in einem Schützenverein und besitzt deshalb legal 16 Schusswaffen. Eine der Waffen wurde später bei einer Hausdurchsuchung des Elternhauses nicht gefunden. Im November 2009 wird Ks. Vater schliesslich angeklagt, weil sein Sohn viel zu leicht an seine Schusswaffe gekommen war. Die Familie ist nach Angaben des Bürgermeisters normal in die 5000 Einwohner zählende Gemeinde und ins Vereinsleben integriert. Der 19-jährige Nachbar und Freund von Tim K., Michael V., beschrieb diesen als unauffälligen Typ mit Brille und kleinem Bart, der in letzter Zeit deutlich an Gewicht zugenommen habe. Er habe mit Tim früher im örtlichen Verein Tischtennis gespielt. Tim K. sei ein verschlossener Einzelgänger gewesen, der von Horrorvideos und Spielen mit Soft-Air-Waffen fasziniert gewesen sei. Tischtennis war seine Leidenschaft, behaupten ehemalige Kollegen. Fotos zeigen Tim K., wie er ein wenig unsicher, aber stolz einen Pokal präsentiert. «Er hatte Soft-Air-Waffen in seinem Zimmer hängen», sagte Kollege V. Sie hätten damit auch gespielt, «es hat dabei blaue Flecken gegeben». Ausserdem habe Tim K. in den Monaten vor seiner Tat viel Zeit mit Killerspielen am Computer verbracht. «Wir haben bei ihm unter anderem das Spiel «Counterstrike» gefunden», sagte Polizeisprecher Klaus Hinderer in Waiblingen. Der 17-Jährige war zwischen April und September 2008 wegen Depression in psychiatrischer Behandlung. Nach fünf Sitzungen brach er aber die Behandlung ab. Eine Mitschülerin behauptet, Tim K. sei gemobbt worden: «Er schrieb seinen Eltern, dass er leide und nicht mehr weiter könne», sagte sie. Mitschüler hätten sich über ihn lustig gemacht, die Lehrer hätten ihn ignoriert. Mitschüler bezeichnen Tim K. zudem als Angeber, der mit Geldsummen geprahlt habe, die ihm sein Vater gegeben habe. Dagegen beschreibt die Wirtin des Schützenhauses SSV Leutenbach Tim K. als «ganz lieb» und «nicht auffällig». Er sei ein «schmaler, hübscher junger Mann» gewesen. Während des Amoklaufs soll Tim K. schwarze Kampfkleider getragen haben. Die Tatwaffe, eine 9mm-Beretta-Pistole, hatte Tim K. aus seinem Elternhaus. «Der Täter muss die Waffe im Schlafzimmer der Eltern an sich genommen haben», hiess es. Er habe «Munition im dreistelligen Bereich» bei sich gehabt. Die Mehrzahl der Opfer waren Mädchen und Frauen. Die Behörden bezeichneten die überwiegende Zahl von weiblichen Opfern als «auffällig». Am 11. März, gegen 12.30 Uhr, kommt es auf einem Parkplatz zum Schusswechsel mit der Polizei. Der Amokläufer erschiesst zwei Passanten und verletzt zwei Polizeibeamte schwer, ehe er sich selbst richtet.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der Vater des Amokschützen von Winnenden hat zu Beginn des zweiten Prozesses vor dem Landgericht Stuttgart erneut geschwiegen. Die Anklage laute auf Verstoss gegen das Waffengesetz, doch auch eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung komme in Betracht, sagte der Vorsitzende Richter Ulrich Polachowski am Mittwoch.

Der 53 Jahre alte Sportschütze hatte seine Waffe unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt, mit der sein Sohn am 11. März 2009 in Winnenden und Wendlingen 15 Menschen und sich selbst erschoss.

Im Februar 2011 hatte die 18. Strafkammer des Gerichts den Unternehmer unter anderem wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen zu einem Jahr und neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Weil er die Waffe nicht ordnungsgemäss weggeschlossen habe, sei die Tat erst möglich geworden, hiess es damals.

Doch der deutsche Bundesgerichtshof kassierte das Urteil wegen eines Verfahrensfehlers. Grund: Die Verteidigung habe keine Gelegenheit gehabt, eine wichtige Zeugin zu befragen. Der Vorsitzende Richter betonte, dass das Urteil gegen den Angeklagten im zweiten Verfahren nicht höher ausfallen dürfe als im ersten, weil nur die Verteidigung Revision beantragt hat.

Entscheidend seien nun etwa die Fragen, ob der Sohn den Code für den Waffentresor kannte und ob der Angeklagte die Tat seines Sohnes vorhersehen konnte, sagte Richter Polachowski. Nach der BGH- Entscheidung neige die Kammer momentan dazu, Untersuchungsergebnisse einer psychiatrischen Klinik über den Schützen zu verwerten.

Ausgespart werden im neuen Verfahren allerdings die Details der Tat. Sie gelten als unzweifelhaft.

Mit starrer Miene

Der Angeklagte verfolgte den Prozess mit starrer Miene. Er liess seine Verteidiger Erklärungen verlesen, in denen sie sich gegen eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung aussprachen.

Die Staatsanwaltschaft warf der Verteidigung vor, aus dem ersten Verfahren nichts gelernt zu haben. Jens Rabe, Anwalt mehrerer Nebenkläger, sprach angesichts der Verteidigungsstrategie von «Schnee von gestern.»

Etwa 15 Angehörige der Opfer verfolgten als Nebenkläger den Prozessauftakt und reagierten zum Teil empört auf die Argumente der Verteidiger. Was viele von ihnen bewegte, fasste Tatjana Hahn in Worte: «Wir wollten Antworten auf unsere Fragen bekommen», sagte die Schwester einer getöteten Schülerin. Für den Prozess sind 15 Verhandlungstage angesetzt.

(sda)

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

20 Minuten ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.