Trumps Atompläne

07. Februar 2018 17:37; Akt: 07.02.2018 17:37 Print

«Die nukleare Gefahr ist grösser als je zuvor»

von Martin Suter, New York - US-Präsident Trump will kleinere Atomwaffen bauen. Ob das die Welt sicherer macht? Zwei Expertinnen geben Antwort.

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Die Angst vor einem atomaren Schlagabtausch hat sich verstärkt. Bild: Test-Explosion einer amerikanischen Atombombe über Bikini in den pazifischen Marschall-Inseln am 25. Juli 1946. Die US-Nuklearstrategie beruht auf drei Trägersystemen für Atomsprengkörper. Ein Teil der «Triade» sind Langstreckenraketen des Typs Minuteman III in Silos auf dem amerikanischen Festland. Bild: Start einer unbestückten Minuteman III am 3. Mai 2017 in Kalifornien. Die zweite Stütze sind aus der Luft abgeworfene Atombomben. Zu den Trägersystemen zählen die Langstreckenbomber B-52 und B-2 sowie die Kombiflugzeuge F-15 (Bild vom 17. Januar 2013 beim Start in Lakenheath, England). Das dritte Standbein sind von U-Booten abgefeuerte Lenkkörper. Bild: Nukleares U-Boot der Ohio-Klasse am 27. Januar 2003 bei den Bahamas. Die neue Nuklearstrategie der USA sieht eine Aufdatierung der Sprengköpfe vor. Bild: Ein Sprengkopf wird am 15. April 1997 in Scottsbluff, Nebraska, auf eine Minuteman-Rakete montiert. Die Bomberflotte soll um den Tarnkappenbomber B-21 Raider erweitert werden (Projektzeichnung Northrop Grumman). Die nuklearen U-Boote mit den Trident-Atomraketen sollen durch die neue Generation der Columbia-Klasse ersetzt werden. Künftig sollen sie auch Marschflugkörper mit kleinen Nuklearsprengköpfen abfeuern können. Die USA erwidern damit ähnliche taktische Atomwaffen, die von Russland bereits entwickelt worden sind. (Projektgrafik) Kleine Nuklearwaffen erhöhen nach Meinung vieler Beobachter die Gefahr, dass sie in einem Konflikt zum Einsatz kommen. Denkbar ist dies etwa in einem allfälligen Konflikt mit Nordkorea, das seine nuklearen Ambitionen am 29. August 2017 mit dem Start einer Hwasong-12-Mittelstreckenrakete unter Beweis gestellt hat.

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Zum Thema der Atomwaffen hat sich in den vergangenen Tagen Gegensätzliches ereignet. Am Montag trat der vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama vor acht Jahren mit Russland ausgehandelte Abrüstungsvertrag «New START» endgültig in Kraft. Doch am Freitag vorher veröffentlichte die Regierung von Donald Trump eine neue Nuklearstrategie (Nuclear Posture Review, NPR), die neue, kleinere Atomwaffen vorsieht.

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Die Lage an der Atomfront ist daher kompliziert. An der in «New START» festgelegten Obergrenze von je 1550 einsatzbereiten strategischen Nuklearsprengköpfen für beide Länder wird nicht gerüttelt. Doch die USA wollen jetzt kleinere – nichtstrategische – Sprengköpfe bauen, wie sie Russland angeblich in grösserer Zahl bereits besitzt. Sie sollen über Marschflugkörper auch von U-Booten abgeschossen werden.

Wie ist die neue Lage bezüglich Atomwaffen einzustufen? Das fragte 20 Minuten Rebecca Heinrichs vom Hudson Institute und Erica Fein von der Organisation Win Without War.

• Werden die neuen Nuklearwaffen der USA die Schwelle für Atomschläge erhöhen oder herabsetzen?

Rebecca Heinrichs: Russland weigert sich, über nichtstrategische Nuklearwaffen zu verhandeln. Es erhöht die Zahl solcher Waffen, und Regierungsvertreter bedrohen Nato-Alliierte mit einem atomaren Angriff. Für Russland könnte es sich lohnen, nichtstrategische Nuklearwaffen einzusetzen, so lange die USA keine glaubwürdige nukleare Antwort darauf haben. Die nichtstrategischen Ergänzungen füllen diese Lücke.

Erica Fein: Diese «Mini-Nukes» mit niedriger Sprengkraft geben dem Präsidenten Optionen für eine Antwort auf Russlands angebliche Nukleardoktrin eines «taktischen» oder «begrenzten» Erstschlags im Konflikt mit der grösseren konventionellen Militärmacht der USA. Diese erweitern ihre Möglichkeiten für den Einsatz von Nuklearaffen in einem Konflikt; sie bauen absichtlich leichter einsetzbare Nuklearwaffen.

• Wie unterscheidet sich Trumps Nuklearstrategie (NPR) von jener Barack Obamas?

Rebecca Heinrichs: Trumps NPR anerkennt, dass die Reduktion der Atomwaffen durch die USA andere Staaten nicht dazu bewogen hat, die ihrigen zu reduzieren oder darauf zu verzichten. Stattdessen ist die nukleare Bedrohung gewachsen. Trumps NPR übt zudem Druck aus, damit Russland dem von ihm verletzten INF-Vertrag über nukleare Mittelstreckensysteme nachlebt.

Erica Fein: Trumps NPR zeichnet ein düsteres Bild der Welt. In jeder Ecke lauern Gefahren, und als Antwort darauf erhalten Nuklearwaffen eine wichtigere Rolle. Das ist eine wesentliche Abkehr von Obama, dessen NPR die Rolle der Nuklearwaffen für die nationale Sicherheit einschränkte.

• Wie wird Russland auf die US-Rüstungspläne reagieren?

Rebecca Heinrichs: Russland wird sich beschweren. Aber ich würde Russland raten, die Nachbarn nicht mehr zu bedrohen. Die letzten US-Regierungen suchten alle ein weniger feindliches Verhältnis mit Russland, doch Russland geht aggressiv gegen US-Interessen vor und missachtet Abkommen.

Erica Fein: Ohne Belege zu liefern, geht die NPR-Nuklearstrategie davon aus, dass Russland das US-Atomarsenal nicht ernst nimmt. In einer Welt des steigenden Wettkampfs zwischen den USA und Russland schafft Trumps NPR das Rezept für einen Atomkrieg.

• Ist die heutige Welt bezüglich Atomkrieg gefährlicher oder weniger gefährlich als die Zeit des Kalten Kriegs?

Rebecca Heinrichs: Heute gibt es im Vergleich mehr Widersacher mit nuklearen Waffen, und jeder hat andere nationale Ziele. Das Sicherheitsumfeld ist viel komplexer und schwieriger. Deshalb entwirft Trumps NPR massgeschneiderte Abschreckungsschritte. Nuklearwaffen sind aber nur ein Element in der Werkzeugkiste. Die USA müssen andere Veränderungen vornehmen, vor allem im Bereich der Raketenabwehr.

Erica Fein: Wir sind heute an vielen Fronten extrem herausgefordert. Die USA spielen eine völlig andere Rolle in der Welt, die russisch-amerikanische nukleare Konkurrenz ist neu entbrannt, und die Trump-Regierung erwägt einen Krieg mit dem nuklear bewaffneten Nordkorea. Im Kalten Krieg war den Politikern die Gefahr eines Atomkriegs viel stärker bewusst, weshalb sie verantwortlich handelten. Das Potenzial, schlafwandelnd in die nukleare Katastrophe zu tappen, ist heute grösser als je zuvor.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Albi am 07.02.2018 17:47 Report Diesen Beitrag melden

    Menschheit

    lernen wir es wirklich nie?

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  • Lars am 07.02.2018 17:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum nur?

    Wie dumm ist die Menschheit eigentlich. Nur weil ein paar Herren gerne solche Spielchen spielen! Das hätte für uns und unsere Kinder unvorstellbare Folgen.

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  • Anidaat Caumasee am 07.02.2018 18:02 Report Diesen Beitrag melden

    Neutrale Berichterstattung?

    Oh man ein Artikel in dem zwei fanatische befürworter der US Weltherrschaft ihre Propaganda verbreiten könnnen.. Echt jetzt. Und immer ist Russland (oder Nordkorea ) das "Böse" . Mhh Weder Russland noch Nordkorea haben Atomwaffen in anderen Staaten Stationiert (die USA jedoch in D, I und der Türkei.. obwohl die USA nach der Kubakriese der UdSSR versprochen haben die A- Waffen aus der Türkei zurückzuziehen.. Ohne Russland& Nordkorea's Üble Dinge die sie tun gutzuheissen, es ist nun mal s das bei den meisten Kriegen& Problemen die USA die Finger drin haben.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • pepe am 08.02.2018 13:41 Report Diesen Beitrag melden

    wird langsam zeit

    ich bin für die vernichtung der menschheit.

    • Clyde Barrow am 08.02.2018 18:58 Report Diesen Beitrag melden

      Roger

      Finde ich gut, war meine Idee

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  • qwertz am 08.02.2018 13:18 Report Diesen Beitrag melden

    es klingt zwar paradox

    aber die Bedrohung durch tausende Nuklearwaffen und die durch Zweitschlagskapazität gegenseitig zugesicherte Vernichtung hat die Supermächte davon abgehalten, dass aus dem kalten Krieg ein heisser wurde. Beunruhigend ist, dass es durch Irrtümer und Fehleinschätzungen zu einem Nuklearkrieg kommen kann, das ist im 20. Jhd. einige Male fast passiert. Beispiel Stanislaw Petrow 1983, nur indem er sich über die offiziellen Regeln hinwegsetzte und stattdessen nach seinem Bauchgefühl handelte verhinderte er den dritten Weltkrieg.

  • Dr. Nuke am 08.02.2018 13:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Von Bomben und Knöpfen

    Die Atombomben sollen kleiner werden und die Atomknöpfe grösser.

  • Leser am 08.02.2018 12:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Expertinnen

    Rebeccah Heinrichs als Expertin, was Unabhängigkeit suggeriert, vorzustellen, ist schon fast Täuschung. Im Kasten kann man aber nachlesen, dass sie eine US Navy Absolventin ist. Ich wünschte mir Einschätzungen von unabhängigen Friedens-Forschern, ZB. Dr. Daniele Ganser.

  • Alex am 08.02.2018 12:06 Report Diesen Beitrag melden

    Gewollte Angstmacherei

    Ruhig Blut. Die Welt wird von den grossen Firmen beherrscht und nicht von Staatsmännern. Somit hängt alles mit dem Profit zusammen. Einfach so überall fallende Atombomben wird es nicht geben. Solche Nachrichten werden von bestimmten Kreisen verbreitet, um den normalen Bürgern wieder etwas Angst zu machen. Das hat System, das ist gewollt. Aber alles mehr als nur halb so wild.

    • Fritz Franz am 08.02.2018 13:45 Report Diesen Beitrag melden

      Noch mehr Geld für Waffen-Aktionäre

      Genau, jetzt wo die USA ihr Militärbudget wieder erhöhen wollen brauchen sie schon etwas in den Medien, dass ihnen hilft. Noch mehr Geld für Waffen-Aktionäre, das ist alles was zählt.

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