Nahost-Krieg

23. Juli 2014 18:42; Akt: 24.07.2014 11:34 Print

Wo sind die Grenzen der Israel-Kritik?

Israel bombardiert weiter den Gazastreifen. Die Kritik an Israel wächst in der Politik und noch schneller im Volk: Auf Europas Strassen häufen sich Übergriffe auf Juden.

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Die internationale Kritik an Israel wächst. Problematisch dabei: Die Schwelle zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus verschwimmt zunehmend.

Die USA, traditionell enger Verbündeter Israels, übt erstmals vorsichtig Kritik am Vorgehen Israels in Gaza. US-Aussenminister Kerry äusserte sich in einem versehentlich veröffentlichten Kommentar kritisch über Israels Militäraktionen und erstmals strich die US-Flugaufsicht aus Sicherheitsgründen für mindestens 24 Stunden alle Flüge nach Tel Aviv. Auch die Swiss, Air France und KLM strichen ihre Flüge nach Tel Aviv.

Umstrittener Tweet

Auch in Grossbritannien regt sich Widerstand. «Die Frage ist: Würde ich in Gaza leben, würde ich eine Rakete abfeuern? – Wahrscheinlich ja», twitterte Parlamentarier David Ward laut «al'Arabyia».

Die Liberaldemokraten, Wards Partei, distanzieren sich von der Aussage. Und doch: Sein Tweet ist Ausdruck einer wachsenden Irritation gegenüber der Gewalt im Nahen Osten und der israelischen Offensive in Gaza.

Proteste auf Europas Strassen

Das zeigt sich auch auf den Strassen Deutschlands und Frankreichs. Propalästinensische Demonstrationen wurden von gewalttätigen Ausschreitungen begleitet. Vor einer Berliner Synagoge riefen Demonstranten: «Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!» Israelische Touristen wurden in Berlin angepöbelt: «Scheiss Juden, wir kriegen euch!» und «Wir bringen euch um», so die «Zeit». In Hannover hielten Protestler Schilder mit durchgestrichenem Davidstern hoch.

In Frankreich geht es noch brutaler zu und her: In zwei Pariser Vororten lieferten sich Demonstranten vor Synagogen Strassenschlachten mit der Polizei. Im Stadtbezirk Sarcelles plünderten Jugendliche Geschäfte, darunter eines für koschere Lebensmittel. Sarcelles wird wegen der vielen jüdischen Einwohner auch «Klein-Jerusalem» genannt.

Die antisemitischen Angriffe haben derart zugenommen, dass laut Spiegel Online Tausende französische Juden aus Angst nach Israel auswandern. Einer sagt: «Lieber verschwinde ich bei jeder Sirenenwarnung für fünf Minuten in den Bunker, als mit der Kippa in Paris unterwegs zu sein.»

Fliessende Grenze zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus

Der Zentralrat der Juden in Deutschland sei «schockiert und bestürzt», so Präsident Dieter Graumann. Bei den jüngsten Demonstrationen habe es eine «Explosion an gewaltbereitem Judenhass» gegeben. Der Zentralrat verlangt eine klare Distanzierung der Politik, Gesellschaft und Medien. In Brüssel verurteilten die Aussenminister Deutschlands, Frankreichs und Italiens die antisemitische Gewalt.

Antisemitismus sei in Deutschland seit Jahrzehnten eine konstante Grösse, sagt der Experte Wolfgang Benz gegenüber der «Zeit». Der Gaza-Krieg könne dazu führen, dass sich dieser vorübergehend stärker äussert, so Benz. Schwieriger sei es mit der Israel-Kritik, schreibt «Spiegel Online». Sie wirke sachlich, sei aber oft genauso pauschal wie Antisemitismus. Das sei gefährlich an der aktuellen Entwicklung, sagt Benz: «Der Antisemitismus, der sich als Kritik an der israelischen Regierung tarnt, wird salonfähiger.»

In Frankreich ist Antisemitismus laut Benz salonfähiger – einerseits aufgrund einer antisemitischen Tradition seit dem 19. Jahrhundert, anderseits auch wegen des hohen muslimischen Bevölkerungsanteils, der mit den Palästinensern sympathisiert. Der Nahost-Konflikt liefere nur einen Vorwand für den derzeitigen Ausbruch der Gewalt gegen französische Juden, so der französische Grossrabbiner Haim Korsia laut FAZ.

(cfr)