Wirbel um Oxfam

21. Februar 2018 13:03; Akt: 25.02.2018 12:07 Print

«Skandal gefährdet Solidarität mit Ärmsten»

von Mareike Rehberg - Der Skandal um Oxfam zieht immer weitere Kreise. Ein Sprecher der Hilfsorganisation bleibt optimistisch. Ein Ethiker rät vom Spenden ab.

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In Bangladesh versorgt Oxfam die aus Burma geflohenen Rohingya mit sauberem Wasser. In Jordanien unterstützt die NGO ausgebeutete Frauen bei ihrer beruflichen Weiterbildung. Und im Libanon nimmt sich das Hilfswerk syrischer Flüchtlinge an. Die Liste an Aktivitäten des globalen Verbunds, der aus insgesamt 20 Hilfsorganisationen besteht, liesse sich endlos fortsetzen. Stehen Projekte wie diese in mehr als 90 Ländern auf der ganzen Welt nun auf der Kippe?

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Oxfam steckt in der Krise. Seit Wochen jagt ein Skandal den nächsten – erst am Dienstag gab der Generaldirektor der NGO 26 neue Fälle sexuellen Fehlverhaltens bekannt. Nach Grossbritannien hat nun auch die Schweiz ihre Zahlungen an Oxfam sistiert. Auch Schweden bewilligt momentan keine Anträge für humanitäre Programme von Oxfam.

Oxfam-Sprecher: Aktuelle Projekte sind gesichert

Vom Jahresbudget der britischen Oxfam-Unterorganisation von umgerechnet rund 520 Millionen Franken stammen laut der «Neuen Zürcher Zeitung» immerhin 41 Millionen Franken aus dem britischen Haushalt. Die Schweiz beteiligte sich in den letzten fünf Jahren mit 20 Millionen Franken an Oxfam-Projekten.

Die Gefahr, dass von Oxfam unterstützte Menschen nun keine Hilfe mehr bekommen, besteht laut Steffen Küssner von Oxfam Deutschland nicht: «Bei verschiedenen Institutionen wird die Zusammenarbeit mit Oxfam derzeit überprüft. Zugesagte und bereits bestehende Projekte laufen aber weiter», sagt der NGO-Sprecher zu 20 Minuten. «Es gibt keine Projekte, die akut gefährdet sind.» Die Laufzeit der aktuellen Projekte sei unterschiedlich, so Küssner, und betrage zwischen einem und fünf Jahren.

«Wir wollen mit Offenheit überzeugen»

Natürlich hätten viele Oxfam-Organisationen wegen des Skandals Spendenrückgänge zu verkraften, sagt Küssner. Während Oxfam Grossbritannien massive Einbussen zu beklagen habe, seien diese aber anderswo, etwa bei Oxfam Deutschland, geringer. «Es gibt auch Menschen, die uns genau deswegen jetzt unterstützen und spenden», betont Küssner.

Was die Finanzierung zukünftiger Projekte anbelangt, ist Küssner optimistisch, denn Oxfam wolle das Vertrauen seiner Unterstützer zurückgewinnen. «Wir hoffen, die Leute mit Transparenz und Offenheit überzeugen zu können», sagt er. Zu diesem Zweck hat sich Oxfam einen umfangreichen Massnahmenkatalog auferlegt.

Zum Aktionsplan gehört eine externe Untersuchungskommission aus Frauenrechtsexpertinnen, die sexuelle Gewalt sowie die Organisationskultur bei Oxfam analysieren und verbindliche Empfehlungen geben soll. Zudem stellt Oxfam zusätzliches Geld und mehr Mitarbeiter für Massnahmen zum Schutz vor Belästigung und sexuellem Missbrauch bereit. Eine globale Datenbank von Referenzgebern soll verhindern, dass problematischen Mitarbeitern falsche oder nicht überprüfbare Empfehlungen ausgestellt werden, sodass diese anderswo erneut zum Einsatz kommen.

Ethik-Experte rät von Spenden ab

Die Situation bei Oxfam ist auch bei anderen Hilfsorganisationen ein Thema. «Das veranlasst uns, unsere eigenen Verhaltensrichtlinien auf ihre Aktualität zu überprüfen», heisst es etwa bei Terre des hommes. Die Glückskette will ihre Schutzmechanismen und die ihrer Partnerhilfswerke ebenfalls überprüfen. Auch das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) hat das Thema zum Anlass genommen, «unsere Mitarbeitenden im In- und Ausland erneut zu sensibilisieren», wie SRK-Sprecherin Sabine Zeilinger sagt. Das SRK bedauere, dass der Skandal zu einem «Vertrauensverlust in die humanitäre Arbeit führt». Es dürfe nicht sein, dass dieser Skandal die Solidarität mit den Verletzlichsten und Bedürftigsten in Frage stelle.

Der Ethik-Experte Bernd Villhauer hat Verständnis für Menschen, die nicht mehr an Oxfam spenden wollen. «Es besteht bei NGOs gelegentlich die Gefahr der Selbstgerechtigkeit. Das Gefühl ‹Wir sind doch die Guten› führt dann zu mangelnder interner Kontrolle», sagt der Geschäftsführer des Weltethos-Instituts an der Universität Tübingen zu 20 Minuten.

Die Geschäftsführerin von Oxfam International, Winnie Byanyima, habe zum Glück deutlich gemacht, dass es eine lückenlose Aufklärung geben wird. «Bis das geschehen ist, gibt es keinen Grund, diese Organisation weiter zu unterstützen, weder privat noch mit Steuermitteln. Nur so kann der nötige Druck für eine Selbstreinigung aufgebaut werden», ist der Wirtschaftsethiker überzeugt.

Weitere NGOs gestehen Missbrauchsfälle

Auch andere Hilfsorganisationen hatten nach Bekanntwerden des Oxfam-Skandals ähnliche Fälle öffentlich gemacht. Bei Ärzte ohne Grenzen gab es im vergangenen Jahr 24 bestätigte Fälle sexueller Belästigung oder sexuellen Missbrauchs. 19 Mitarbeiter seien aus diesem Grund entlassen worden, gab die in Frankreich ansässige Dachorganisation Médecins sans frontière (MSF) am vergangenen Mittwoch im Paris bekannt. 2017 habe es insgesamt 146 Beschwerden gegeben, 40 davon hätten mutmassliche Fälle von Belästigung und sexuellen Übergriffen betroffen.

Auch die Hilfsorganisation Save the Children berichtete von sexuellen Belästigungen in den eigenen Reihen. Demnach wurden 35 Fälle im Jahr 2017 gemeldet. Etwa 19 Beschuldigten sei gekündigt worden, sagte Geschäftsführer Kevin Watkins.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Paul grünmatter am 21.02.2018 13:18 Report Diesen Beitrag melden

    Ganz normaler Wahnsinn

    Hatte vor Jahren schon beschrieben auf einem Flug ( Business) von Amerika in die Schweiz wie ein Mitarbeiter eines Hilfswerkes Lohnlisten und Unterbringskosten neben mir studierte und auf meine Frage hin ob 100'000 Dollar als kleinster gesehener Lohn nicht ein bisschen viel für eine aus Spenden gefüttertes Hilfswek sein, kam die Antwort promp ob ich das Gefühl habe die Leute gingen wegen Gotteslohn nach Afrika das sei ein Jop wie jeder andere auch. Niemand hat es Ende 90er interessiert es wurde nie ein Kommentar frei geschaltet war wohl zu ehrlich und unter mainsream Schournis wohl ein Tabu.

  • Batistuta am 21.02.2018 13:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kriminelle Hilfsorganisationen

    nicht seit gestern fragen sich die Leute, wo all das Spendengeld hängen bleibt. Es gibt noch viel mehr ähnliche solche Vorfälle mit Hilfsprojekten, beste Beispiel Hillary Foundation. Nur liest man solche Meldungen nicht in unseren Mainstream Nachrichten. Hat auch seine Gründe... Den viele bekommen auch ein kleine Stück vom Spendenkuche

  • Patrick am 21.02.2018 13:20 Report Diesen Beitrag melden

    NGOs und andere Trojaner

    NGOs sind auf den ersten Blick eine gute Sache. Auf den zweiten Blick merkt man, dass sie auch ganz andere Ziele verfolgen, die gar nicht im Interesse der Bevölkerung sind. Ich finde man sollte all diese NGOs, die oft aus dubiosen Quellen mit Geld versort werden, entweder generell verbieten oder alternativ müssten alle Spenden offengelegt werden, inkl. Namen der Spender.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Scorpione am 21.02.2018 15:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nein danke

    ONG sind Geldmaschinen!

  • Martial2 am 21.02.2018 15:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meistens dubios...

    Warum an eine Hilfsorganisation die man nicht kennt, Geld spenden? Vor Jahre war bei IKRK ähnliches passiert. Seit her spenden wir keinen Cent mehr!

  • egne am 21.02.2018 13:32 Report Diesen Beitrag melden

    Eigentlich geholfen...

    Ich meine, eigentlich haben diese Leute ja indirekt dafür gesorgt, dass das Geld ankommt wos gebraucht wird. Gehe mal stark davon aus, dass die Daman ja irgendwie bezahlt worden sind... So hart es klingen mag, aber die haben das ja vermutlich gemacht um Geld zu verdienen.

  • Laura am 21.02.2018 13:25 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Spenden mehr sondern echte Hilfe

    Es ist leider nicht die einzige Organisation, die ihre Spenden missbraucht. Ich würde lieber die lokale Wirtschaft ankurbeln anstatt über "Spenden" die Möglichkeit bieten, Missbrauch zu unterstützen. Dazu braucht man natürlich aber eine andere Politik. Und dieser Teil braucht noch viel Zeit und Unterstützung.

  • Patrick am 21.02.2018 13:20 Report Diesen Beitrag melden

    NGOs und andere Trojaner

    NGOs sind auf den ersten Blick eine gute Sache. Auf den zweiten Blick merkt man, dass sie auch ganz andere Ziele verfolgen, die gar nicht im Interesse der Bevölkerung sind. Ich finde man sollte all diese NGOs, die oft aus dubiosen Quellen mit Geld versort werden, entweder generell verbieten oder alternativ müssten alle Spenden offengelegt werden, inkl. Namen der Spender.