Luxus-Hotel als Gefängnis

13. März 2018 15:00; Akt: 13.03.2018 15:00 Print

Was passierte mit den verhafteten Saudis?

Viele der im November im Ritz-Carlton-Hotel in Riad inhaftierten Geschäftsleute sind frei. Vorbei ist ihr Albtraum nicht – sie berichten von Folter und Enteignung.

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Kronprinz Mohammed bin Salman aus Saudiarabien (Mitte) befindet sich auf Investoren-Werbetour im Ausland. Vergangene Woche bereiste er Grossbritannien (hier mit der britischen Premierministerin Theresa May und Aussenminister Boris Johnson). Am 19. März fliegt er nach Washington. Daheim sagt er der Korruption weiter den Kampf an. Besonders abgesehen hat er es auf Nachkommen des 2015 verstorbenen Königs Abdullah. Viele von ihnen wurde im November 2017 inhaftiert. (Bild: König Abdullah, Mitte unten, mit seiner Familie an der Beerdigung seines Halbbruders Nayef bin Abdul-Aziz Al Saud im Juni 2012) Prominentester Verhafteter war jedoch der Milliardär Prinz Al-Walid bin Talal, einer der reichsten Menschen des Nahen Ostens. Er ist inzwischen frei, soll aber bewacht werden. Im Januar führte die Nachrichtenagentur Reuters ein Interview mit dem sichtlich abgemagerten Prinzen, kurz darauf kam er frei. Beobachter stuften das Interview, in dem er die Vorgänge als «geklärtes Missverständnis» bezeichnete, als «künstlich» ein. Noch 56 von Hunderten Geschäftsleuten, die im November im Ritz-Carlton-Hotel in Riad festgehalten wurden, sind weiter inhaftiert. Dieser prächtige Ballraum ... ... wurde damals zur Massen-Luxuszelle mit dicken Matratzen umfunktioniert. Die prominenten Festgenommenen mussten am Boden liegen. Uniformierte Sicherheitskräfte in der Hotel-Lobby zeugten von der beispiellosen Aktion des Kronprinzen, der Korruption auf höchster Ebene bekämpfen und seine eigene Machtbasis festigen will. In den Hotelzimmern wurden die gläsernen Türen der Duschen und die Vorhänge entfernt, um Suiziden vorzubeugen. Ob der schöne Hotelpool jetzt noch benutzt werden darf? Wie der höchste Staatsanwalt im Land, Scheich Saud al-Mujeb, erklärte, seien die Gefangenen länger verhört worden. Der «New York Times» zufolge wurden mindestens 17 Gefangene gefoltert. Ein Offizier starb infolge seiner Verletzungen. Das Ausmass der Festnahmen war beispiellos in Saudiarabien, wo hochrangige Royals und ihre Geschäftspartner lange als über dem Gesetz stehend betrachtet wurden.

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Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman bereist momentan die Welt, um mögliche Investoren zu umwerben. Nach Ägypten und Grossbritannien begibt sich der Thronfolger am 19. März auf eine viertägige USA-Reise. Leicht dürften die potenziellen Geschäftspartner allerdings nicht zu gewinnen sein. Ausländische Geldgeber hätten Grund zur Nervosität, denn schliesslich könnten ihre saudischen Partner jederzeit ohne Begründung verhaftet werden, zitiert die «New York Times» den ehemaligen US-Botschafter in Saudiarabien, Robert Jordan.

Wir erinnern uns: Im November 2017 liess die saudische Führung im Zuge einer neuen Antikorruptionskampagne Hunderte Prinzen, Militärobere, Geschäftsleute und hochrangige Beamte festnehmen und im Ritz-Carlton-Hotel einquartieren. Das Hotel fungierte über Monate als eine Art Luxus-Gefängnis. Wie die «Times» berichtet, ist ein Grossteil der Verhafteten zwar inzwischen auf freiem Fuss – allerdings keineswegs frei. Ausserdem schildert die Zeitung das Ausmass der Folter, unter der die Inhaftierten gezwungen wurden, der Regierung einen Grossteil ihres Besitzes zu überschreiben.

Vorwürfe bleiben schwammig

Nach aussen hin gibt sich die Führung transparent. Erst am Sonntag informierte die Generalstaatsanwaltschaft über die Schaffung von Spezialeinheiten im Kampf gegen Korruption. Die Einheiten sollen in Fällen von Korruption ermitteln und diese vor Gericht bringen. Die Fälle der im November Verhafteten zeigen jedoch: Mit der vermeintlichen Transparenz ist es nicht weit her.

Im Januar waren noch 56 Geschäftsleute in Haft – ohne zu wissen, was ihnen konkret vorgeworfen wird. Die Freigelassenen wissen bis heute nicht, wer nun für schuldig befunden wurde und wer nicht. Sie oder ihre Angehörigen und Mitarbeiter berichten anonym von einem Leben in ständiger Angst. Viele Männer tragen Fussfesseln, die jede ihrer Bewegungen übermitteln und die, so befürchten sie, auch ihre Gespräche belauschen. Viele Familien dürfen nicht mehr reisen, grosse Teile ihres Vermögens wurden eingefroren. «Selbst beim Haus, in dem ich wohne, bin ich nicht mehr sicher, ob es noch mir gehört», sagt der Verwandte eines Ex-Gefangenen.

Folter und ein Todesfall

Mindestens 17 Inhaftierte kamen der «Times» zufolge wegen körperlicher Misshandlung ins Spital. Wie ein Arzt sagt, erlitten sie Schlafentzug, wurden zusammengeschlagen und mit Säcken über den Köpfen befragt. Laut einem «Daily Mail»-Bericht vom vergangenen November waren an der Folter auch private US-Sicherheitsdienste, darunter die Firma Blackwater, beteiligt. Blackwater dementierte die Vorwürfe.

Ein Befragter überlebte die Folter-Prozedur nicht: Der Militär-Offizier General Ali al-Qahtani starb im Spital. Sein Hals war seltsam verdreht, sein Körper war voller Prellungen, aufgebläht und wies Brandmale wie von Elektroschocks auf, wie ein anonymer Zeuge zu Protokoll gibt. Die saudische Botschaft in Washington weist die Foltervorwürfe gegenüber der «Times» zurück.

Qahtani selbst war gar nicht wohlhabend – und damit ein fragwürdiges Ziel einer Razzia, bei der es doch um Korruption ging. Allerdings arbeitete der etwa 60-jährige Nationalgardist für Prinz Turki bin Abdullah, einen Sohn des früheren Königs Abdullah. Womöglich sollte Qahtani Informationen über seinen Chef liefern.

Im Visier: der Abdullah-Clan

Besonders auf die Abdullahs scheint es Mohammed bin Salman mit seinen Antikorruptions-Bemühungen nämlich abgesehen zu haben. Sie gelten als potenzielle Rivalen um den saudischen Thron. Auch Prinz Turki und eine Reihe seiner Brüder waren im Ritz inhaftiert, Turki ist immer noch in Haft. Sein Vater, der 2015 verstorbene König Abdullah, hatte sein Vermögen von zig Milliarden Dollar in einer Stiftung angelegt. Nach seinem Tod erbte jedes seiner über 30 Kinder jeweils Hunderte Millionen Dollar aus der Stiftung – unrechtmässig, wie Kronprinz Mohammed bin Salman glaubt.

Der weitverzweigte Abdullah-Clan wurde nach den Verhaftungen mit einem Reiseverbot belegt. Immerhin dürfen die Erben wöchentlich 26'000 Dollar von ihren Konten abheben – um ihre nötigsten Ausgaben zu decken. «Sie setzen dich und deine Kinder unter Druck, bis du deine Vermögenswerte veräusserst, um wieder reisen zu können», fasst der Verwandte eines Gefangenen die Situation zusammen.

Doch nicht nur die Abdullahs mussten finanziell bluten: Die Regierung hat das Management über die Saudi Binladen Group übernommen, die riesige Baufirma, die von Osama bin Ladens Vater gegründet wurde. Vorstandschef Bakr bin Laden ist immer noch inhaftiert. Die Bin-Laden-Familie hat einen Grossteil ihres Vermögens verloren. Ebenso betroffen von den Enteignungen: Mohammed al-Tobaishi, Ex-Protokollchef des Königshofes, der Einzelhandels-Tycoon und Zara-Filialen-Betreiber Fawaz Alhokair und Ex-Arbeitsminister Adel Fakieh. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen.

(mlr)