Populismus-Experte

11. November 2016 05:45; Akt: 11.11.2016 05:45 Print

«Es ist falsch zu sagen, der Wähler sei dumm»

von Mareike Rehberg - Trumps Wahl zum US-Präsidenten beflügelt europäische Rechtspopulisten. Ein Politologe sieht darin für etablierte Parteien auch eine Chance.

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Ist der designierte US-Präsident Donald Trump Wasser auf die Mühlen der europäischen Rechtspopulisten? Der britische «Independent» ruft die Regierungen des Westens auf, die Erfolgswelle der Rechtspopulisten – wenn schon nicht nach dem Brexit, dann spätestens jetzt nach den US-Wahlen – ernst zu nehmen. Die deutsche «Zeit» macht die «Arroganz der liberalen Eliten» dafür verantwortlich, dass autoritäre Politiker wie Trump den Zuspruch der «Abgehängten» bekommen. 20 Minuten hat mit dem Populismus-Experten Florian Hartleb über das Klischee des «dummen Wählers» und die Glaubwürdigkeit populistischer Identifikationsfiguren gesprochen.

Herr Hartleb, ist Trumps Wahl ein Weckruf für die Regierungsparteien in Europa?
Vor allem die rechtspopulistischen Parteien selber wollen in Trumps Wahl einen Weckruf erkennen. Sie sind im Aufwind und es sind bald Wahlen in Frankreich, Deutschland, Österreich und den Niederlanden. Die Rechtspopulisten wollen sich die Trump-Wahl genauso zunutze machen wie den Brexit. Es geht darum, dem Establishment einen Denkzettel zu verpassen.

Werden die etablierten Parteien in Europa nach der US-Wahl den Populisten etwas entgegensetzen?
Sie müssen sich darüber klar werden, warum die rechtspopulistischen Parteien derzeit so erfolgreich sind. Das liegt an der zunehmenden Unbeliebtheit der Eliten, die sich etwa in Kampagnen gegen die Europäische Union äussert, aber auch in der Angst vor Flüchtlingen, die seit Ende 2015 bestimmend ist. Wie Trump fürchten auch einige europäische Länder die unkontrollierte Einreise von Migranten. Die Politik muss hier Krisenmanagement betreiben, was aber schwierig sein wird.

Ein Klischee besagt, dass Wähler von rechtspopulistischen Parteien dumm sind. Dabei haben die Menschen reale Sorgen. Sie fürchten, wirtschaftlich und gesellschaftlich abgehängt zu werden.
Es ist völlig falsch zu sagen, der Wähler sei dumm. Das ist ein gefährlicher Vorwurf, der das Vorurteil der arroganten Eliten bestätigt. Lange hat man gedacht, Trump werde in den USA keine Mehrheit erlangen, weil er nur von wütenden weissen Männern unterstützt wird. Es sind aber nicht nur die Industriearbeiter, die sogenannten Blue-Collar-Worker, die unzufrieden sind. Das hat auch der Brexit gezeigt. Viele Leute aus der Mittelschicht und aus dem sozialdemokratischen Lager haben sich Rechtspopulisten zugewandt – das Wählerspektrum ist eine bunte Mischung.

Was muss passieren, damit diese Wähler andere Alternativen als rechtspopulistische Bewegungen sehen?
Es ist Chance und Risiko zugleich, dass Rechtspopulisten die Menschen mobilisieren. Trump in den USA, der Brexit oder auch die AfD in Deutschland sorgten für eine höhere Wahlbeteiligung, und das ist ja eigentlich das, was Demokraten sich wünschen. Man muss nur versuchen, diese mobilisierten Kräfte in andere Bahnen zu lenken – etwa durch stärkeren Bürgergeist, durch Erinnerungskultur und projektbezogenes Arbeiten. Die goldenen Zeiten der Volksparteien sind vorbei, aber das Mobilisierungspotenzial ist da. Das zeigt auch, dass das Vorurteil, dass die Leute keine Lust mehr auf Politik haben, nicht stimmt. Es scheint das Gegenteil der Fall zu sein.

Politiker wie Trump oder Marine Le Pen in Frankreich, die selber aus privilegierten Familien stammen, versprechen Leuten aus der Arbeiterschicht ein besseres Leben. Warum wird ihnen geglaubt?
Diese Politiker dienen als Projektionsflächen und Identifikationsfiguren. In Europa gab es mit Christoph Blocher, Silvio Berlusconi und Jörg Haider schon ähnliche Fälle. In Tschechien ist derzeit Andrej Babiš Vizepremier und Finanzminister – Vorsitzender einer populistischen Partei und zweitreichster Bürger seines Landes. Dieses politische Unternehmertum gibt es also auch in Europa. Realpolitisch hat ein Mann wie Trump gar kein Interesse daran, Anwalt des kleinen Mannes zu sein, trotzdem wird er gewählt. Da ist auch Starkult und Bewunderung im Spiel. Dazu kommt möglicherweise ein Gefühl der Aufwertung, wenn jemand wie Trump verspricht, er werde sich um die Sorgen der Ausgeschlossenen kümmern. Das ist eine Art von politischer Religion und sektenartiger Verheissung, die schnell wieder in Enttäuschung münden kann, wenn sich herausstellt, dass die Versprechungen haltlos waren.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kingraph666 am 11.11.2016 07:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht ganz richtig

    Der eigentliche Punkt, wieso rechte Parteien immer mehr Zulauf erhalten, ist, dass diese die Probleme der Bevölkerung ansprechen und nicht nur totschweigen! Linke Parteien tendieren dazu, die Probleme von Ausländern vor die des eigenen Volkes zu stellen, wodurch eine Unzufriedenheit beim Volk entsteht. wenn dann auch dauernd noch mit der Rassistenkeule geschwungen wird, kann es ja nicht gut ankommen.

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  • Pegasus77 am 11.11.2016 07:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Guter Kommentar

    Ich frage mich bei Experten immer wieder warum sind sie erst im nach hinein so schlau.

  • Stimmbürgerin am 11.11.2016 06:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So ein Blödsinn!

    Hört endlich auf, jeden der sich öffentlich traut zu sagen:" die Zuwanderung muss gestoppt werden", als Rechtspopulistisch und Rassist hinzustellen. Auch dieses Interview zielt erneut in diese Richtung! Und Christoph Blocher hatte sehr wohl Erfahrung in der Politik, bevor er Bundesrat wurde. Ihn mit Donald Trump zu vergleichen ist einfach nur Blödsinn!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Waterpolo1s am 17.11.2016 20:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frust-Wähler ..

    Frust-Wähler entscheiden in der letzten Zeit die Abstimmungen/Wahlen ... der Frust ist verständlich ..

  • Claudius 1 am 11.11.2016 12:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    .... Hört endlich auf damit ! ...

    .... dass sich ein Steuern bezahlendes Volk von seiner Regierung wünscht, an erste Stelle gesetzt und in seiner Identität ernst genommen zu werden, wird in unseren Medien schon lange als "Verrat an den liberalen Errungenschaften der Aufklärung" dargestellt. Warum sich immer mehr Menschen diesem medialen Dauerbeschuss verweigern, wird nie gründlich hinterfragt, sondern kriegt jeweils immer den Stempel "Populismus" aufgedrückt. Nun dürfen wir uns wieder auf die gefärbten Kommentare des Heeres aller Professoren mit Präfix "Sozial..." in der Berufsbezeichnung freuen. Und wen wunderts - meistens von der Uni Bern und Freiburg... Und diese tägliche mediale Erziehungskur - was wir zu denken, zu sagen, zu fühlen, zu tun haben, dass wir nun ein "gender-gap", ein "racial-downgrading" zu überwinden hätten, dass gestern gebräuchliche Ausdrücke heute "politically incorrect" seien...- das wird ehrlich gesagt immer unerträglicher! Vielleicht könnte unser geliebter "Billag-Verbrenner-SRF" mit gutem Beispiel vorangehen und endlich aufhören damit?

  • Sven O am 11.11.2016 12:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wer dummt tatsächlich

    Unsere Politik hat genau diese Bewegung ins Leben gerufen. Wurde jahrelang am Volk vorbeiregiert. Bei uns wars MEI..Wähler die dafür stimmten wurden ja auch indirekt für dumm erklärt u.a. wir hätten Konsequenzen und Bilaterale nicht verstanden! In der Eu sieht man wer tatsächlich verdummt, nicht das Volk aber die Politiker..am Stammtisch würde das heissen, ein Verein Schwachsinniger!!

  • Anders am 11.11.2016 11:36 Report Diesen Beitrag melden

    Klarstellen:

    Hier nochmals für alle die es nicht verstanden haben: Das Volk hat Hillary gewählt. Das Electoral College Trump. Vom Volk hat Hillary mehr stimmen erhalten. Fakt bleibt Fakt.

  • Waldläufer am 11.11.2016 11:36 Report Diesen Beitrag melden

    Expertengeschwafel über Links Rechts

    Schön das man es wieder und wieder versucht, die Wähler und Menschen in Linke und Rechte aufzuspalten. Es gibt dieses Links und Rechts nur in den Köpfen von Teile und Herrsche. Würden wir wieder einfach Politik machen und aufhören uns nur noch gespalten war zu nehmen, wäre schon viel erledigt und wir hätten wieder Resultate anstelle von leerem, unproduktivem Expertengeschwafel.

    • Toni Buergisser am 16.11.2016 11:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Waldläufer

      Da kann man nichts dafür, weil das links und rechts angeboren ist. Ich zum Beispiel bin Linkshänder und denke rechts

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