Life-Balance

20. Juni 2012 20:59; Akt: 20.06.2012 22:46 Print

«Ab 10 Stunden pro Tag wirds gefährlich»

von Olaf Kunz - Die Erreichbarkeit für den Job nimmt ständig zu. Personal Trainerin Marlise Rüegger sagt im Interview, wie Arbeitnehmer dennoch unnötigen Stress vermeiden und was beim Abschalten hilft.

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Zu viele Impulse: Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer ist auch nach Feierabend erreichbar - das ist gar nicht gut, ist Personal Trainerin Marlise Rüegger überzeugt. (Quelle: Swisscom Lifebalance-Studie/Grafik: Olaf Kunz)

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Eine repräsentative Studie von Swisscom und 20 Minuten Online zeigt, dass immer mehr Arbeitnehmer auch in der Freizeit für den Job arbeiten (die Ergebnisse der Studie gibts hier). Wo die Gefahren dabei liegen und was man tun kann, damit man durch die hohe Erreichbarkeit nicht verschlissen wird, verrät die Personal Trainerin Marlise Rüegger im Interview.

Wird die Zahl von Burnout-Opfern bald noch massiv ansteigen?
Marlies Rüegger: Defintiv. Es wird einen deutlichen Trend nach oben geben. Wenn der Mensch seinen Tag nicht selber wirklich streng strukturiert und Arbeit und Freizeit trennt, dann läuft er zwangsläufig Gefahr, in Erschöpfungszustände zu verfallen. Wer diese ersten Zeichen der Erschöpfung übergeht, wandert zielgerade Richtung Burnout.

Merkwürdigerweise sagen aber 83 Prozent der Befragten, dass ihre psychische Gesundheit absolut gut sei. Ist das ein Trugschluss?
Mit Sicherheit. Die Erfahrung zeigt: Nur etwa 20 Prozent schaffen es, ihren Tag so zu strukturieren, dass die Erholungsphasen und Zeit zum Abspannen nicht zu kurz kommen. Die anderen 80 Prozent der Arbeitnehmer und Selbständigen verlieren sich schnell in der Arbeit. Das Fatale daran: Oft merken sie es gar nicht, weil der Ortswechsel weg vom Büro hin zum Balkon verschleiert, dass man beim Beantworten von Mails oder bei geschäftlichen Anrufen immer noch arbeitet.

Führt Ihrer Erfahrung nach die Verquickung von Freizeit und Job überhaupt zu mehr Stress?
Das lässt sich nicht leugnen. Mit dem Smartphone oder dem iPad nehmen viele Angestellte quasi ihr ganzes Büro mit nach Hause. Da wird es schnell zum Zwang, immer wieder nachzuschauen, ob neue Mails eingetroffen sind. Ich erlebe es in der Praxis oft, dass Arbeitnehmer 16 Stunden fortlaufend Impulse erhalten, die mit dem Job zu tun haben. Das geht auf Dauer nicht gut.

Wie viel Erreichbarkeit für den Job ist denn aus Ihrer Erfahrung überhaupt verträglich?
Ab 10 Stunden pro Tag wird es gefährlich bei permanenter Belastung. Spätestens nach drei Monaten meldet sich dann der Körper.

In Deutschland gibt es einen Vorstoss von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Sie will, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter künftig per Gesetz vor zu viel Stress durch Dauererreichbarkeit fürs Geschäft schützen müssen. Was halten Sie von dem Vorschlag?
Das finde ich super und kann ich nur unterstützen. Unternehmen haben eine Verantwortung für ihre Mitarbeiter, denn sie fordern und profitieren von ihnen. Wenn sie den Bogen überspannen, muss letztlich die Gesellschaft die Folgen tragen. So müssen zum Beispiel Krankenkassen für die Behandlung von Burnouts aufkommen. Hier müssen Unternehmen mehr in die Pflicht genommen werden.

So ein Gesetz ist in der Schweiz nicht in Sichtweite. Wie können Arbeitnehmer trotzdem Job und Freizeit strikter trennen?
Es braucht unbedingt einen knallharten Plan – von wann bis wann mache ich was. Und dieser sollte sich nicht nur auf die Arbeit beschränken, sondern auch den Freizeitbereich einbeziehen. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich gerade Manager in der Freizeit oft mit anderen verabreden – zum Sport, zum Essen oder was auch immer. Dadurch wird es verbindlich und sie sind gezwungen, das Vorhaben auch wirklich in die Tat umzusetzen. Was sicher auch hilft: Sich öfter mal klarmachen, dass man doch gar nicht so wichtig ist. Es gibt im Berufsalltag und in der schnellen Zeit gar nicht so viele Sachen, die nicht auch bis am nächsten Tag warten könnten.

12 Prozent der Angestellten in der Schweiz sagen, dass sie Probleme haben, Berufs- und Privatleben in Balance zu halten. Was empfehlen Sie diesen Menschen?
Sie müssen vor allem für ausreichenden Ausgleich sorgen. Dabei sollten drei Bereiche gleichberechtigt abgedeckt werden: Ernährung, Bewegung und Entspannung. Pro Tag sollten jedem Bereich zwei Stunden gewidmet werden. Wichtig dabei ist, dass man dies bewusst tut. Idealerweise verbindet man es mit sozialen Kontakten. Also sich zum Beispiel zum Spaziergang verabreden oder gemeinsam einkaufen und kochen. Dann ist sichergestellt, dass Familie und Freunde nicht zu kurz kommen.

Sie sagen, Bewegung sei wichtig. Aber ist es nicht so, dass Sport noch zusätzlich Energie kostet?
Ich empfehle eher Bewegung allgemein. Auch entspanntes Schwimmen oder gemütliches Radfahren zählen dazu, ebenso wie ein Spaziergang am See. Wenn man dies zu zweit tut und sich dabei zum Beispiel über den neuesten Film oder über ein Erlebnis vom Wochenende unterhält, dann ist es quasi unmöglich, nebenbei auch noch an den Job zu denken. Das Gedankenkarussell stoppt und damit fängt die Entspannung an.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bruno S am 20.06.2012 21:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja, ja

    Nicht mach drei Monaten, vielleicht nach 8 - 10 Jahre!!

  • Schweizer am 21.06.2012 05:17 Report Diesen Beitrag melden

    Plichterfüllung

    Wir müssen besser werden die Konkurrenz schläft nicht die haben auch ambitionierte Ziele da will ich doch immer für meinen Arbeitgeber erreichbar bleiben wo kommen wir den hin wenn Sie solche defätistische Artikel veröffentlichen!! Ps . Meine Karriere ist mein Leben.

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  • G.K am 21.06.2012 19:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alltag

    Ich hoffe die Swisscom nimmt diese Studie auch ernst. Die Mitarbeiter in den Shops müssen regelmässig an 6 Tagen hintereinander arbeiten! Da bleibt nur noch der Sonntag! Arbeitszeiten von mehr als 10h ergibt sich regelmässig! Termine für Schulungen und Meetings werden zum Teil 5 Tage früher bekannt gegeben und die finden ausserhalb der Öffnungszeiten statt also nach 20:00!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • G.K am 21.06.2012 19:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alltag

    Ich hoffe die Swisscom nimmt diese Studie auch ernst. Die Mitarbeiter in den Shops müssen regelmässig an 6 Tagen hintereinander arbeiten! Da bleibt nur noch der Sonntag! Arbeitszeiten von mehr als 10h ergibt sich regelmässig! Termine für Schulungen und Meetings werden zum Teil 5 Tage früher bekannt gegeben und die finden ausserhalb der Öffnungszeiten statt also nach 20:00!

    • anonymus am 01.07.2012 02:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      ??

      swisscom hat ein "schoggileben" im verleich zu anderen

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  • Jules am 21.06.2012 19:00 Report Diesen Beitrag melden

    äch was...

    Wenn dem so wäre, hätte es in China viel mehr Burnouts als hier! Wart ihr schon mal in China? Da wird rund um die Uhr gearbeitet! Ich bin selbständig und arbeite auch den ganzen Tag bis spät in die Nacht und das seit 7 Jahren! Aber ich kann von zu Hause aus arbeiten und meine Familie ist mit mir. So kann ich es mir selber gut einteilen. Hauptsache meine Arbeit macht mir riesigen Spass. Wenn der Job kein Spass macht, dann sind schon 2 Stunden zu viel, sind wir mal ehrlich.

  • Ph. Hurni am 21.06.2012 17:16 Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer haben einen Knacks!

    Der Schweizer kann sich nur über die Arbeit identifizieren, sonst kommt er sich als Null vor. Darum meide ich in den Ferien Kontakte zu Schweizern, nur blabla über die Arbeit und die Firma und wie gut und unersetzlich sie alle sind! Allesamt ganz arme Würstchen, also nicht jammern sondern die Einstellung ändern und Leben!

  • Marc Ruby am 21.06.2012 12:41 Report Diesen Beitrag melden

    Hab das auch mal gemacht

    Ich kenne das. Habe auch fast 1.5 Jahre 12 bis 13 Stunden gearbeitet. Ein Dankeschön ende Monat..Ach ja was ist das. Ich habe dies nun selbst gesteuert. Arbeite nun noch so 9 bis 9.25 Stunden am Tag, auch wenn der Abteilungsleiter meint so 10 Überstunden die Woche müssen bei meinem Lohn drin liegen. Es geht mir blendend und meine Familie hat auch wieder Freude an ihrem Mann und Papa. Und jeden Abend und Wochenende keine Mails mehr anschauen. Kanns nur jedem raten. Habe fast so meine Beziehung kaputt gemacht ohne es richt bemerkt zu haben oder wollen.

  • Thomas Fehr am 21.06.2012 08:40 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt nichts schlimmeres als 9-5

    Bin taeglich ca 18h privat und auch beruflich erreichbar. Bin weder ausgebrannt noch unausgeglichen, mache das seit 10 Jahren und plane es auch nicht zu veraendern. Das heisst nicht, dass ich permanent arbeite, doch wenn etwas reinkommt, das ich ohne Aufwand in 1-2 minuten beantworten kann, mache ich das. Nach dem Motto: Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf Morgen. Es gibt fuer mich nichts schlimmeres als diese 9-5 Mentalitaet: egal wie dringend es fuer den Anderen ist, es ist 5, ich verschiebe es auch morgen... oder noch spaeter...oder es geht vergessen.

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