Dragqueen Jazzmin

11. Dezember 2015 09:18; Akt: 11.12.2015 09:18 Print

«Akzeptanz musste ich mir erkämpfen»

von Eva Kamber - Die Leser wählten Leedonal alias Jazzmin zur schönsten Dragqueen. Die Siegerin spricht über ihr Selbstbild, homophobe Anfeindungen und wie sie damit umgeht.

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Das ist Leedonal Moore. «Im Alltag bin ich meistens als Leedonal unterwegs, doch auch meine feminine Seite braucht ihren Raum», erklärt er. Diese benötigt aber nicht nur Raum, sondern auch einiges an Zeit. «Ab dem Moment, wenn ich unter die Dusche springe, bis hin zum fertigen Make-up benötige ich etwa ein Stunde», sagt er. Das klingt nicht nach viel. Seien wir ehrlich, wir haben mehr erwartet. «Na gut, die Vorbereitungen können schon mal Stunden oder gar Tage in Anspruch nehmen. Die Outfits müssen ausgewählt, die Perücke vorfrisiert werden und noch vieles mehr», gibt Leedonal zu. Nach einer Stunde ist Leedonal kaum mehr zu erkennen - Jazzmin-Zeit ist angesagt. Mit diesem Bild überzeugte Jazzmin die 20-Minuten-Community. Die Leserinnen und Leser wählten sie zur schönsten Dragqueen. « Ein Drag zu sein ist ein knallhartes Unterfangen. Rasieren, schminken, Kopf-, Rücken- und Fussschmerzen - hach, es ist kein einfacher Job», lacht Jazzmin. Schon als Kind bastelte Leedonal Kleider für seine Legofiguren - sein Vater hatte ihm verboten, mit Puppen zu spielen. Am Anfang der Drag-Karriere habe sie sich noch etwas unwohl gefühlt, erklärt Jazzmin: «Damals musste ich mir schon einige Male homophobe Beschimpfungen anhören.» «Heute, kann ich sagen, stehe ich - auf High Heels natürlich - als selbstbewusste Drag Queen da.» So sagt sie heute selbstsicher: «Wer mich als Mensch akzeptiert, so wie ich bin, wird auch von mir akzeptiert. Wer mich nicht akzeptiert, wird ignoriert.» «Einer der schönsten Momente meiner Karriere war, als ich in Drag an einer Pride war und ein etwa zehnjähriger Junge zu mir kam, mir die Hand reichte und sagte: Ich möchte mal so sein wie du!» (Im Bild: Jazzmin gewinnt die Miss-Drag-Queen-Wahl 2008) Passieren eigentlich manchmal unterhaltsame Verwechslungen? Jazzmin lacht: «Oh ja, sehr häufig sogar. Das Lustigste für mich ist es, wenn ich jemanden als Mann treffe und paar Stunden später nochmals als Frau - und die Person hat keine Ahnung, wer ich bin.» «Ob ich mich als Frau oder als Mann wahrnehme? Eigentlich als beides.» «Meine maskuline Seite benötigt genauso viel Raum, Akzeptanz und Liebe wie die feminine», erklärt er, «für mich gehört es zum Menschsein dazu, dass ich beide Seiten ausleben kann.» «Ich geniesse es, dass ich als Drag polarisiere. Die dabei gewonnene Aufmerksamkeit kann ich gut für die Belange der LGBTQ-Community nutzen.» LGBTQ ist eine «abgekürzte Abkürzung» für: Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Transsexual, Two-spirited, Queer, Questioning, Intersex, Asexual, Ally. «Es gibt noch sehr viel, worum es sich zu kämpfen lohnt», sagt Jazzmin. Deshalb hat sie ein neues Projekt ins Leben gerufen: . Das Projekt soll die LGBTQ-Community wachrütteln, damit alle gemeinsam gegen Intoleranz und Inakzeptanz kämpfen.

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Jazzmin, wann und wie entdeckten Sie die Leidenschaft, sich als Frau zu verkleiden?
Das fing schon als kleines Kind an. Ich spielte viel mit Lego, da mir mein Vater verboten hatte, mit Puppen zu spielen. Dabei wurde ich immer ganz kreativ und bastelte mir heimlich aus Taschentüchern Kleider für die Legofiguren. Als ich 11 Jahre alt war, kleidete mich meine Grossmutter als Cowgirl ein. Und obwohl ich nur etwas Lippenstift und Perücke trug, sah ich schon sehr feminin aus. Ich kann mich noch sehr gut an den Moment erinnern, als mich meine Mutter sah und ganz erschrocken meinte: «Oh, du siehst jetzt wirklich aus wie ein Mädchen.» Ich spürte zwar direkt, dass es ihr nicht gefiel, doch ich habe mich sehr wohl dabei gefühlt. Die Figur, Jazzmin Dian Moore, wie man mich heute kennt, wurde vor 10 Jahren geboren.

Ist die Dragqueen-Szene der Schweiz gross?
Grösser und vielfältiger, als man denkt. Es gibt ganz unterschiedliche Arten von Drags. Von Jung bis Alt, Trashglam bis Fishy-Drag bis hin zu Dragkings. Allerdings muss ich gestehen, ich würde mir wünschen, mehr Dragkings hier in der Schweiz zu sehen.

Nehmen Sie sich privat als Frau oder als Mann wahr?
Hmm, eigentlich als beides. Denn wie bereits erwähnt, brauchen beide Seiten gleich viel Raum in meinem Leben.

Hatten Sie aufgrund Ihrer Leidenschaft schon mit Schwierigkeiten zu kämpfen?
Ich darf mich sehr glücklich schätzen, in der heutigen Zeit und in Europa leben zu dürfen, trotzdem musste ich mir die Akzeptanz erkämpfen. Am Anfang meiner Drag-Karriere, als ich mich noch etwas unsicher gefühlt habe, musste ich mir schon einige Male homophobe Beschimpfungen anhören. Klar, jeder hat ein Recht auf seine oder ihre Meinung, aber Unwissenheit führt zu Angst. Angst führt zu Intoleranz und zu unnötigem Hass. Ich stehe heute als eine sehr selbstbewusste Drag Queen da, und wer mich als Mensch akzeptiert, so wie ich bin, wird auch von mir akzeptiert, und wer mich nicht akzeptiert, wird ignoriert. Trotzdem gibt es auch hier bei uns in der Schweiz noch viel, worum es sich zu kämpfen lohnt! Die Ehe-Diskriminierung, das Blutspendeverbot, das Adoptionsrecht und die Diskriminierung seitens der Kirche sind einige aktuelle Themen, welche noch sehr viele Schwierigkeiten mit sich bringen.

Wie ist es eigentlich mit der Arbeit? Können Sie erscheinen, wie Sie möchten?
Da ich selbstständig bin als Coiffeur, Visagist und Stylist und ein kleines, exklusives Atelier führe, kann ich anziehen, wonach mir der Sinn steht. Diese Freiheit ist etwas Wunderbares.

Was ist für Sie das Schönste an der Verwandlung?
Auf der einen Seite, dass ich meine feminine Seite ausleben kann. Auf der anderen Seite ist es gut, dass ich als Drag polarisiere. Die dabei gewonnene Aufmerksamkeit kann ich gut für die Belange der LGBTQ-Community nutzen. Einer der schönsten Momente war, als an einer Pride ein kleiner Junge mir die Hand reichte und sagte: «Ich möchte mal so sein wie du» – und dann hat er mich ganz fest umarmt.

Gibt es etwas, das Sie den Leserinnen und Lesern gerne sagen würden?
Nur etwas: Das Leben ist zum Leben da.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • L. Blum am 11.12.2015 09:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dragqueen

    Leben und leben lassen, das sollten alle befolgen. Nur weiter so . Finde es cool wie er/sie das Leben meistert

  • Nörmel am 11.12.2015 10:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verwandlung

    Schöner Mann!Schöne Frau!Super,weiter so

  • Dude am 11.12.2015 11:45 Report Diesen Beitrag melden

    Solange es niemandem schadet

    Ich persönlich bin ein heterosexueller Mann, der null Interesse daran hat, sich feminin zu geben. Solange dies andere Menschen jedoch tun möchten ohne jemanden zu schaden, warum nicht? Ist doch schön für sie, wenn sie ihr Wesen ausleben können;)

Die neusten Leser-Kommentare

  • ajajaj am 11.12.2015 16:24 Report Diesen Beitrag melden

    dragmensch

    ist es nicht sehr anstrengend, immer den wechsel von frau zu mann/umgekehrt zu vollziehen? wäre es nicht einfacher, sich für ein geschlecht zu entscheiden? wahrscheinlich ist das auch nicht so einfach... weil es vielleicht wirklich menschen gibt, die sich beiden geschlechtern angehörig fühlen!? ich kenne mich damit einfach nicht aus. es muss schwierig sein...

  • michi am 11.12.2015 15:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wooww

    voll schön sieht sie aus :) schon lange verfolge ich drag queens aus der ganzen welt. ich bewundere und beneide sie auch, weil ich nicht so viel selbstbewusstsein habe das zu machen.

  • Misantroph am 11.12.2015 12:06 Report Diesen Beitrag melden

    To Drag or not to Drag

    Ich war als Jugendlicher mit ca. 18 Jahren mal als Frau verkleidet an der Fasnacht. Keiner hat mich erkannt, resp. nicht mal gemerkt, dass ich ein Mann bin. Fand das Gefühl irgendwie noch spannend. Aber irgendwie war es das mit meiner "DragQueen Karriere" :D

  • Amanda J. Gray am 11.12.2015 11:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Thank You, Jazzmin

    Ich habe Jazzmin vor 7 Jahren als "Drag Mom" kennengelernt als ich bei der Miss Drag Queen Wahl teilgenommen habe. Es war eine spannende Reise hinter den Kulissen und ich konnte vieles von ihr lernen. Mittlerweile bin ich heute nicht mehr als Drag Queen unterwegs, dennoch unterstütze ich neue Drag Queens auf ihren Weg. Danke, Jazzmin dass es dich gibt.

  • Dude am 11.12.2015 11:45 Report Diesen Beitrag melden

    Solange es niemandem schadet

    Ich persönlich bin ein heterosexueller Mann, der null Interesse daran hat, sich feminin zu geben. Solange dies andere Menschen jedoch tun möchten ohne jemanden zu schaden, warum nicht? Ist doch schön für sie, wenn sie ihr Wesen ausleben können;)

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