Leserkommentare

16. Oktober 2013 13:08; Akt: 16.10.2013 14:28 Print

«Ansichten totschweigen ist keine Lösung»

von Andrea Löpfe - Rassistische und diskriminierende Kommentare – auf das Flüchtlingsdrama folgten auf vielen Newsportalen erschreckende Leser-Reaktionen.

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Auch drei Wochen nach dem verheerenden Bootsunglück vor Lampedusa reisst der Flüchtlingsstrom nicht ab: Am Montag, den 29. Oktober und einen Tag danach hat die italienische Küstenwache und Marine 400 verunglückte Migranten gerettet. Trotz der Tragödie nimmt der Flüchtlingsstrom in Lampedusa nicht ab. Fischer Michele Burgio fährt am 5. Oktober 2013 zusammen mit anderen Fischern an die Stelle, wo vergangenen Donnerstag das Flüchtlingsboot mit 500 Menschen an Bord gesunken ist. Sie warfen im Gedenken an die Opfer Blumengebinde ins Meer. Während der Zeremonie heulten die Schiffssirenen der Kutter. Wie die italienische Staatsanwaltschaft berichtete, konnte einer der ersten unter den Überlebenden eruiert und verhaftet werden. Der Tunesier beteuert seine Unschuld. Am , ein Tag nach der Tragödie mit mehr als 100 toten Flüchtlingen, ist Italien weiter geschockt. Das voll besetzte Boot hatte vor der kleinen Isola dei Conigli bei Lampedusa Feuer gefangen und war gekentert. Nur 155 der mindestens 400 Menschen an Bord des Schiffes konnten gerettet werden. Die meisten Überlebenden befinden sich im Auffanglager von Lampedusa, in dem sich zurzeit über 1050 Migranten aufhalten. Dabei hat das Lager lediglich 250 Plätze. Mehrere Hunderte Migranten sollen aufs italienische Festland gebracht werden. Italien hat einen Tag der Staatstrauer ausgerufen, vielerorts sollte es Schweigeminuten geben. 111 Leichen wurden aus dem Mittelmeer geborgen. «Das ist noch keine definitive Bilanz, weil Dutzende weitere Körper im Wrack des gesunkenen Bootes sind», sagte Italiens Innenminister Angelino Alfano am 4. Oktober. Inzwischen forderte Staatspräsident Napolitano eine Änderung der Gesetze. Eine schnelle Überprüfung von Normen, die eine Aufnahmepolitik verhinderten, sei nun notwendig, sagte er. Am 3. Oktober 2013 war es vor der Mittelmeerinsel Lampedusa zu einem Schiffsunglück gekommen. Auf einem Flüchtlingsschiff war ein Feuer ausgebrochen. In ihrer Not hatten die Einwanderer Decken angezündet, nachdem knapp tausend Meter vor der Küste der Motor ausgefallen war. Über 100 Personen kamen bei der Tragödie ums Leben, darunter auch Frauen und Kinder. Viele Opfer werden jedoch noch vermisst. Die Küstenwache und freiwillige Helfer arbeiteten trotz schlechten Wetters die ganze Nacht.

Zum Thema
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In Italien hat der rassistische Inhalt einer Facebook-Seite die Bevölkerung schockiert. Auf einer Gruppenseite mit dem italienischen Titel «Das Drama von Lampedusa – 130 schwarze Mäuler weniger zu stopfen» wurden unzählige Hasstiraden gegen die Flüchtlinge auf Lampedusa veröffentlicht. Bis die Seite schliesslich von Facebook gesperrt wurde.

Auch in der Schweiz kämpften verschiedenste Onlineportale mit rassistischen Kommentaren. Beiträge auf 20minuten.ch wie der von G. Ott: «Was soll die EU machen? Eine Milliarde Afrikaner aufnehmen? Schuld sind alleine die Schlepper und Flüchtlinge selbst», sind dabei noch harmlos. Einigen Onlinemedien wurden die rassistischen Kommentare zu viel, sodass die Kommentarfunktion bei den betreffenden Artikeln entfernt wurde.

«Wir müssen viele Kommentare wegen Rassismus löschen»

Christian Lüscher, Teamleiter Social Media und Leserforum des Tages-Anzeigers, erklärt: «Als wir bemerkten, dass neun von zehn Kommentaren gelöscht werden mussten, entschlossen wir uns dazu, ganz auf die Kommentarfunktion zu verzichten.» Auch bei Blick.ch beschloss die Redaktion, auf weitere Leserbeiträge zu verzichten: «Gerade bei Themen wie Lampedusa, die sich um Asylbewerber und Flüchtlinge drehen, müssen oft viele Kommentare wegen rassistischer oder diskriminierender Inhalte gelöscht werden», so Thomas Enderle, Co-Chefredaktor bei Blick.ch.

Thomas Friemel, Professor an der Universität Bremen und Leiter des Instituts für angewandte Kommunikationsforschung in Zürich, erforschte in einer Studie, warum Leser überhaupt Kommentare schreiben. Für ihn ist klar: «Die Gesellschaft ist nicht rassistischer geworden, vielmehr ist mit den grossen Plattformen eine Möglichkeit geschaffen worden, durch die jeder seine Meinung öffentlich kundtun kann.» Die Neuen Medien würden es erlauben, Kommentare, die früher nur am Küchentisch der Familie oder am Stammtisch den Freunden erzählt wurden, aller Welt zu unterbreiten. «Gerade Minderheitsmeinungen oder solche, die von der Gesellschaft weniger akzeptiert werden, können in Kommentarspalten viel leichter verbreitet werden», so Friemel, denn: «Keiner würde sich trauen, in der Fussgängerzone auf einen Hocker zu stehen und ‹Sollen doch alle Flüchtlinge ertrinken!› zu rufen.»

Nicht überall wurde auf Kommentare verzichtet

Auf srf.ch und 20minuten.ch konnten weiterhin Kommentare zum Flüchtlingsdrama abgegeben werden. Für SRF war es wichtig, den Lesern weiterhin eine Möglichkeit zu geben, ihre Meinung zu veröffentlichen. Schliesslich ist «das Totschweigen von Ansichten nicht die Lösung», sagt Multimedia-Redaktor Konrad Weber. Und weiter: «Die Beiträge müssen aber unbedingt kontrolliert und moderiert werden.»

20minuten.ch verzichtete bei den Geschichten zu Lampedusa ebenfalls nicht auf die Kommentarfunktion: «Auch wenn viele negative Kommentare zum Flüchtlingsdrama in Lampedusa eingegangen sind: Das Thema war so wichtig und emotional, dass 20 Minuten den Lesern die Möglichkeit zum Mitreden bieten wollte», so Marcel Zulauf, Mitglied der Chefredaktion.

Wie bei allen Artikeln auf 20minuten.ch wurden auch hier die Kommentare vor der Veröffentlichung geprüft. Ziel war es in diesem Fall, «auch besonneren Zuschriften die Chance zu geben, die Diskussion in einer andere Richtung zu drehen», erklärt Zulauf. Die Kontrolle der Kommentare ist laut Friemel wichtig:«Der Leser muss vor sich selbst geschützt werden. Der Konsequenzen eines im Internet mit dem eigenen Namen publizierten Kommentars sind sich viele gar nicht bewusst.»


Mehr zur Studie und was die Leser von 20minuten.ch bewegt finden Sie hier.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

...also ich glaube auch, dass die Kommentarfunktion vielfach dazu missbraucht wird, einfach richtig Dampf abzulassen und zu provozieren, statt seine eigene, überlegte Meinung zu äussern. Ich bin sicher, dass sich viele etwas besser überlegen würden, was sie da schreiben, wenn der (richtige..!) eigenen Name darunter steht.. ...also weg von den annonymen Kommentaren - Hin zu echten Meinungen von Menschen... – Urs Meyer

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ein Leser am 16.10.2013 14:46 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur rassistische...

    ...von 20min werden auch "harmlose" Kommentare zensuriert, welche weder rassistisch, noch beleidigend oder sonst irgendwie nicht regelkonform sind. Die Vermutung liegt sehr nahe, dass die Redaktion die Diskussionen immer in eine politische Richtung steuern möchte.

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  • Pat Jak am 16.10.2013 16:56 Report Diesen Beitrag melden

    9 von 10

    Tia, da sieht man halt wie die Mehrheit denkt. Die Menschen hier haben einfach langsam die Schnauze voll, wenn immer zuerst anderen geholfen wird, anstatt dem eigenen Volk.

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  • Michi am 16.10.2013 14:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kommentare

    Also, erstens, verzichtet auch 20min.ch sehr häufig auf die Kommentaroption und, zweitens, was versteht der Redakteur dieses Artikels unter der Möglichkeit, eine Diskussion in eine andere Richtung zu drehen. Der letzte Punkt illustriert die gesamte Heuchelei. Wer als Moderator einer Diskussion eine bestimmte ihm passende Richtung geben möchte, hat nicht verstanden, was Demokratie bedeutet. Alle Meinungen verdienen es, vorurteilsfrei akzeptiert zu werden. Wer bestimmte Meinungen bevorzugt, masst sich an, allgemeingültig zu entscheiden, was anständig ist. Eine solche Denkweise passt gut zu totalitären Regimes wie den Iran und ist einem demokratischen Land völlig deplaziert.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Pit Rorschach am 17.10.2013 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht immer ist Rassismus Rassismus

    Leider werden viele Äusserungen als Rassismus bezeichnet, obwohl diese in keiner Weise rassistisch sind. Zuerst sollte man sich darüber informieren, auch die Zeitungsredaktionen! Unter den Begriff Rassismus fallen negative Äusserungen über eine Menschenrasse - schwarz/weiss/gelb/rot/braun ect. Negative Äusserungen über ein Volk sind Volksverhetzungen, aber kein Rassismus. Und negative Äusserungen über eine Person sind im Höchstfall Beleidigungen, Ehrbeleidigungen und haben mit Rassismus auch wieder nichts zu tun.

  • Marcel Füllemann am 17.10.2013 07:40 Report Diesen Beitrag melden

    Rassismus vs. Popolismus

    Unter dem Deckmantel Rassismus lässt sich heute doch mittlerweile jede Meinung unterdrücken. Aber die wahre Tatsache, wie westliche und asiatische Megakonzerne Afrika ausbeute wird weggelassen. Anscheinend ist heute selbst Meinungsfreiheit ein Recht, welches man dem Volk vorenthalten will. Der Westen wird erst glücklich sein, wenn die ganze Erde ein Haufen billig Arbeiter sein wird und deshalb hält man an der Destabilisierenden Flüchtlingspolitik fest. Wer alles auf der Welt besitzt, kann sich nur noch Macht holen und gewisse Kreise sind momentan sehr versessen darauf, sich ihre Macht zu siche

  • marco kiesler am 16.10.2013 17:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    afrika

    das problem von afrika ist dass wenn einer wissen hat dann trägt er es nicht weiter erzählt es allen damit es nachher die anderen auch wissen sondern er behält es für sich damit er etwas hat was andere nicht haben...

  • Pat Jak am 16.10.2013 16:56 Report Diesen Beitrag melden

    9 von 10

    Tia, da sieht man halt wie die Mehrheit denkt. Die Menschen hier haben einfach langsam die Schnauze voll, wenn immer zuerst anderen geholfen wird, anstatt dem eigenen Volk.

    • Bruce Lee am 16.10.2013 19:47 Report Diesen Beitrag melden

      Armer Mensch

      Sie haben nichts zum Essen und Trinken? .

    • Despicable me am 16.10.2013 23:05 Report Diesen Beitrag melden

      Hilf Anderen und auch dir wird geholfen

      Nur ist es so, dass keiner von uns, der im "zivilisierten Europa inkl CH geboren ist/wurde, je eine solche Erfahrung machen musste, alles hinter sich zu lassen und in einer riskanten Reise ein neues/besseres (utopisch) oder eben kein Leben mehr zu haben. Was aber alle oder sicher die meisten mit sich tragen ist Hoffnung auf etwas besseres. Ein echter Flüchtling, politisch Verfolgter, ist froh seinen Terror zu verlassen und Dankbar für alles. ...Den Undankbaren sollte man genauer auf die Finger sehen.

    • A.Stocker am 17.10.2013 07:59 Report Diesen Beitrag melden

      9 von 10?

      Das kann man so nicht sagen das 9 von 10 so denken! Nur leute die das Thema ansprechen, ob pro oder contra, werden hier Ihre Meinung sagen. Dadurch das dies ein kontroverses Thema ist werden, wie laut Studien, mehrheitlich negative berichte abgegeben. Aber in einem Punkt muss ich Ihnen bei pflichten, der Staat ist zuerst den eigenen Bürgern verpflichtet und dann der sozialen Hilfe von Aussländern.

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  • Anonym am 16.10.2013 16:19 Report Diesen Beitrag melden

    Ein kleiner Tipp

    Ich stimme halbwegs mit @Daniel Caduff zu. Solang man anonym schreiben kann, werden es extreme rassistische Meinungen geben. Ihr könnt es so einrichten, dass der User es so einstellen kann, dass er selber bestimmen kann, ob sein Name von aussen (von Leser) sichbar sein soll oder nicht. Zudem könnt ihr auch Preise/Punkte etc. vergeben, welche gute Meinungen fordert (wie bei Amazon). Ein Forum wäre auch nicht schlecht (quasi nur für eingeloggte User), wo man dann intern über das Thema diskutieren kann. Abonnieren von Top-User wäre auch nicht schlecht. Ich würde es unabhängig vom FB machen:-)

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