Dein Leben. Deine Story.

07. Juli 2017 11:37; Akt: 07.07.2017 13:57 Print

«Ich fiel zwölf Meter in die Tiefe und habe überlebt»

von Albina Muhtari - Sie fiel zwölf Meter von einer Terrasse in die Tiefe und lernte entgegen allen Prognosen wieder laufen. Deborah (19) erzählt ihre Geschichte.

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Auf der Dachterrasse des Hiltl - Deborah erzählt ihre Geschichte. (Bild: A. Muhtari)

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Deborah ist 19 Jahre alt. Die Geschichte der Zürcherin klingt wie eine Aneinanderreihung von Schicksalsschlägen und Wundern. Noch vor wenigen Monaten wäre es undenkbar gewesen, dass sie ohne Rollstuhl zu einem Treffen in der Zürcher Innenstadt erscheint. Heute lässt nur noch ein etwas unregelmässiger Gang auf den Unfall vor knapp einem Jahr schliessen.

«Du bist gefallen»

Alles begann im vergangenen Spätsommer bei einem Sprachaufenthalt auf Malta. Kurz vor ihrer Abreise lernt Deborah einen Jungen kennen, Jordi aus Holland. «Ich mochte ihn und wir verabredeten uns zu einem Date», beginnt sie ihre Geschichte. «Wir wollten bei ihm auf der Terrasse zu Abend essen.» Fast klingt es so, als würde sie gleich von einer romantischen Ferienliebschaft erzählen, doch ihre Geschichte ist eine andere. «Draussen war es schon finster, als ich beschloss, schon mal hinauszugehen. Ich hörte Jordi hinter mir herrufen, ich solle warten, die Glühbirne sei kaputt. Doch aus irgendeinem Grund ging ich einfach weiter. Es war eine grosse Terrasse. Dann hatte ich einen Filmriss.»

Ruckelige Bewegungen, grelle Lichter – als die junge Frau ihre Augen wieder öffnet, liegt sie auf einer Trage, Leute rennen mit ihr in ein Gebäude. «Ich versuchte etwas zu erkennen und entdeckte Jordi unter den fremden Gesichtern. Ich fragte ihn, was passiert sei. Er meinte: ‹Du bist gefallen.› Da merkte ich, dass ich kein Gefühl in den Beinen hatte.»

Erst in diesem Moment auf der Trage seien die Erinnerungen an den Sturz zurückgekehrt, erzählt Deborah. Sie wusste wieder, wie sie mit dem Fuss rückwärts ins Leere getreten war und das Gleichgewicht verloren hatte. Sie erinnerte sich, wie ihre Finger noch den Rand des Abgrunds ertasten konnten, verzweifelt danach griffen und die Fingernägel auf dem Beton Kratzspuren hinterliessen, bevor sie rücklings in das schwarze Loch fiel. «In diesem Moment habe ich gewusst, dass ich sterben würde», sagt sie, und ihre Augen sind feucht.

Wettlauf gegen die Zeit

Viel mehr Details über den Unfall kann sie nicht erzählen. Der Prozess auf Malta ist noch nicht abgeschlossen. Nur so viel: Von der Terrasse im vierten Stock führte ein alter, zwölf Meter tiefer Schacht auf den Grund, der nicht abgedeckt war. Dort hinein ist die damals 18-Jährige gestürzt. «Die Rettungskräfte haben es zunächst nicht geschafft, mich rauszuholen, weil der Schacht zugemauert war. Jordi meinte, sie müssten von unten rein. Die Polizei wollte warten, bis der Hauseigentümer kam, doch Jordi ist nach unten und hat die Garagentür kaputtgemacht. Die Polizei ist dann rein und hat die Mauer zum Schacht eingeschlagen.»

Im Krankenhaus auf Malta stellen die Ärzte Prellungen, Schürfwunden, mehrere Knochenbrüche und einen gebrochenen Wirbel fest. Sie stufen die junge Frau aber als «ausser Lebensgefahr» ein. «Jordi wollte jedoch nicht, dass ich auf Malta operiert werde», erzählt Deborah. «Er kontaktierte meine Eltern in der Schweiz und die wiederum die Rega.» Die Röntgenbilder gelangen so ins Zürcher Universitätsspital – Deborahs Glück im Unglück, denn in Zürich stellen die Ärzte fest, dass der gebrochene Wirbel das Rückenmark abdrückt. «Ist das Rückenmark länger als 24 Stunden eingeklemmt, dann ist dir nicht mehr zu helfen, du bist gelähmt», erklärt die 19-Jährige.

Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit: Die Rega schickt von der Schweiz aus einen Jet mit einer Anästhesistin und einem Chirurgen in Richtung Malta los, doch die Ankunft verzögert sich – ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt herrscht in Italien Erdbebengefahr. Das Flugzeug muss nach Albanien ausweichen – was die Sache zusätzlich verzögert. «Sowohl meine Familie als auch ich selbst waren zu diesem Zeitpunkt schon am Verzweifeln. Ich weiss noch, wie unendlich erleichtert ich war, als plötzlich die Ärztin vor mir stand und auf Schweizerdeutsch sagte: ‹Grüezi, wir sind aus der Schweiz und bringen Sie dorthin zurück.›»

Familie verschweigt die Diagnose

Zurück in der Schweiz wird Deborah sofort wieder ins Spital gebracht. Dort folgt die nächste Operation. «Die Ärzte sind nach der OP zu meinen Eltern gegangen und meinten, es tue ihnen leid, doch sie müssten sich darauf einstellen, dass ihre Tochter wohl für immer im Rollstuhl sitzen würde.»

Für die Eltern und Geschwister bricht eine Welt zusammen. An einen normalen Tagesablauf ist bei der Familie aus Wädenswil ZH nicht mehr zu denken: «Meine Eltern konnten nicht mehr richtig essen oder arbeiten, ich habe sie nur noch mit verheulten Augen gesehen», erinnert sich Deborah. Von der Diagnose der Ärzte erzählt ihr allerdings niemand etwas. Die Familie beschliesst zu schweigen: «Sie wollten nicht, dass ich mich mit diesem Schicksal abfinde.» Deborah geht also davon aus, dass das Gefühl in den Beinen zurückkommen wird – und sie sollte recht behalten.

Jucken in den Zehen

Ein paar Wochen nach dem Unfall liegt Deborah noch immer in ihrem Krankenbett, als sie plötzlich ein Jucken in den Zehen spürt. Deborah nimmt sich vor, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: «Ich habe mich selbst nie im Rollstuhl gesehen und mir gesagt: ‹Ich starre den ganzen Tag lang auf meine Zehen und stelle mir vor, wie sie sich bewegen.› Zeit hatte ich im Krankenhaus mehr als genug.» Tatsächlich macht Deborah Fortschritte. Fast täglich kommen neue, kleine Bewegungen hinzu – zumindest im rechten Bein. Das linke bleibt weiterhin taub.

Dann kommt sie in die Reha. Erst als sie die anderen Patienten im Rollstuhl sieht, wird der 18-Jährigen bewusst, wie schwerwiegend ihr Unfall war. Ihre Hoffnung schwindet. In der Klinik ist sie mit Abstand die Jüngste, der zweitjüngste Patient ist 34, alle anderen 40, 50, 60 Jahre alt. Ihre Gedanken fangen an, sich um all die Dinge zu kreisen, die sie noch erleben wollte. «Ich war immer unterwegs, war sportlich, tanzte Ballett, schwamm und paddelte im See. Ich fand es unfair, dass mir das alles so früh genommen wurde. Ich habe mich immer wieder gefragt: Warum ich? In den ersten Wochen habe ich nur geweint.»

In High Heels zum Altar

Trotzdem oder gerade deswegen geht Deborah von morgens bis abends in die Therapie und trainiert ihre Beine. Ihre Physiotherapeutin macht ihr Mut. Deborah erinnert sich an ihren ersten Tag in der Klinik, «da fragte mich die Therapeutin, was mein Ziel sei, wenn ich aus der Klinik rauskomme. Nach einigem Zögern meinte ich, ich würde gern irgendwann einmal zum Altar schreiten können – in High Heels. Und sie meinte: ‹Debbie, das schaffen wir!›»

Die junge Frau absolviert zwar ihren strengen Therapieplan, doch sie kapselt sich von den anderen Klinik-Bewohnern ab. Sie will nicht wahrhaben, dass sie sich in einem Zentrum befindet, in dem die meisten Patienten seit Jahren im Rollstuhl sitzen. Dann spricht ein anderer Patient sie an, Guido. «Warum kommst du abends nicht mal rauf auf die Terrasse? Alle von der Station sind da», sagt er.

«Ich habe mich wieder normal gefühlt»

Deborah lässt sich überreden: «Ich bin rauf auf diese Terrasse und muss sagen, von da an hatte ich eine echt coole Zeit. Ich lernte die anderen Patienten kennen, wir haben uns unsere Lebensgeschichten erzählt und einander gepusht. Wir haben auch viel Mist gebaut, sind nachts aus unseren Zimmern ausgebüxt, haben uns im Rollstuhl durch die Gänge gejagt und sind später durch ganz Zürich gecruist.»

Wir haben auch Witze über unsere Situation gemacht und einander aufgezählt, was für Vorteile es hätte, rollstuhlgängig zu sein – du musst zum Beispiel nirgends anstehen, und in Zürich gibt es sogar ein Kino, da kannst du als Rollstuhlfahrer direkt den Lift in die Säle nehmen und oben gibt es keine Ticketkontrolle.» Deborah strahlt ein wenig, als sie von der Zeit «im Balgrischt» erzählt: «Ich habe mich endlich wieder normal gefühlt, auch wenn es im Rollstuhl war.»

«Ich spazierte in den verfluchten Heels durchs Zimmer»

Irgendwann kam auch gesundheitlich die Wende – das Gefühl im linken Fuss kehrte zurück: «Das hat mich gerettet, denn irgendwie hat der Kopf gecheckt, wie er den Fuss absetzen musste, damit ich wieder gehen konnte, auch wenn es nur mit gestrecktem Bein war.»

Am drittletzten Tag vor ihrer Entlassung aus der Reha-Klinik kommt die Physiotherapeutin zu Deborah: «Weisst du noch, was dein Ziel war, als du hier ankamst? Sag deiner Mutter, sie soll deine High Heels von zu Hause mitbringen.» Deborah, die zu diesem Zeitpunkt nur sehr langsam gehen kann, erwidert: «Nie im Leben, das kann ich nicht!» Doch die Physiotherapeutin meint: «Glaub mir, du wirst damit besser gehen können als ohne – in High Heels hat man sowieso immer gestreckte Beine.»

Zwei Tage später sitzt Deborah auf dem Bett in ihrem Zimmer, die beigen High Heels vor sich auf dem Boden. «Steh jetzt auf und streck deine Beine so weit, wie es geht, dann schlüpf in die Schuhe», sagt die Therapeutin. Und Deborah erinnert sich: «Ich stand auf, glitt in die Schuhe und lief in den verfluchten High Heels durchs Zimmer!» Deborah lacht.

Ein zweites Leben

Es gebe zwar noch viele Sachen, die sie mit ihrem gestreckten Bein nicht tun könne, wie sich die Schuhe zu binden oder sich zu bücken. Auch dürfe sie keine schweren Sachen heben und müsse sich immer wieder hinsetzen, was ihr manchmal aufs Gemüt schlage. Wären diese Momente nicht, würde sie aber beinahe behaupten, ihr Leben habe sich nach dem Unfall zum Positiven verändert: «Ich hatte ein erstes Leben – und das jetzt ist mein zweites Leben. In diesem will ich jeden Tag geniessen. Ich liege abends im Bett und sage mir: ‹Das war ein geiler Tag!› Jeder Tag ist ein Geschenk, auch wenn du manchmal denkst, dein Leben sei scheisse. Wenn du so etwas erlebt hast, kommen dir deine früheren Probleme plötzlich ganz klein vor.»

Deborah ist mit ihrer Geschichte am Ende angekommen, doch mir brennt noch eine Frage unter den Nägeln – was ist aus Jordi geworden? Seid ihr ein Paar? Deborah lacht. «Jordi ist jetzt mein bester Freund. Er hat mich immer wieder in der Schweiz besucht – einmal sogar mit seiner ganzen Familie. Er hat so viel für mich getan. Dafür werde ich ihm auf ewig dankbar sein. Er ist ein wichtiger Teil der ganzen Geschichte.»

Diese Geschichte entstand im Rahmen der Reihe «Dein Leben. Deine Story.» Deborah möchte sich damit bei all jenen bedanken, die in der schwierigen Zeit für sie da waren. Hast du auch eine Geschichte, die du mit unseren Lesern teilen willst? Erzähl uns im Formular davon!

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Fischer am 07.07.2017 13:21 Report Diesen Beitrag melden

    Chapeau

    Dieser Jordi hat eine ganze Reihe Dinge richtig gemacht.

    einklappen einklappen
  • Smily am 07.07.2017 12:04 Report Diesen Beitrag melden

    Schöne geschichte

    Sehr schöne Geschichte, ich war den Tränen nahe! Alles gute dir Deborah!

  • M. am 07.07.2017 11:51 Report Diesen Beitrag melden

    Schöne Geschichte

    Bin Manns genug um zuzugeben, dass mir fast die Tränen gekommen sind. Tolle Story.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Herr Max Bünzlig am 08.07.2017 13:40 Report Diesen Beitrag melden

    ja genau

    Lady Deborah, hatte einen guten Schutzengel

  • S.W. am 08.07.2017 10:15 Report Diesen Beitrag melden

    Was fürs Herz

    Wow, so eine rührende Geschichte. Starke Frau.

  • Sandbox am 08.07.2017 00:26 Report Diesen Beitrag melden

    Check the reality..

    Es ist noch ein langer, steiniger Weg zu begehen. Man wird älter und die Handicaps werden nicht weniger. Ewig mit Schmerzen zu leben ist kein Fliegenschiss. Ebenso die Blicke der Anderen zu ertragen, weil das Gangbild nicht perfekt ist. Für eine Frau eine Herausforderung, weil dem Schönheitsideal abträglich. So Lustig wie geschildert, ist das Leben der Protagonistin nicht.

  • LalaUS am 07.07.2017 23:07 Report Diesen Beitrag melden

    Glück im Unglück

    Können wir ein Foto von Jori sehen? Held des Tages! Alles Gute, bin froh geht es dir wieder gut!

  • Damian am 07.07.2017 19:01 Report Diesen Beitrag melden

    Kämpfen und dran glauben zahlt sich aus - immer

    Woouw!! Respekt! Sehr kämpferisch Deborah! Weiter so. Auch sehr toll geschrieben.

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