Internetpranger

03. Juli 2009 19:30; Akt: 05.07.2009 17:09 Print

«Plötzlich war ich auf tausenden Websites»«Plötzlich war ich auf tausenden Websites»

von Olaf Kunz - Man muss keinesfalls Silvio Berlusconi heissen, um mit peinlichen Aufnahmen oder kompromittierenden Kommentaren im Web auf Jahre gebrandmarkt zu werden. So schnell kann es passieren.

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Partybilder, private Sexfilmchen, Verleumdungen und Hau-Drauf-Foren-Einträge – fast jeder hat einmal einen schwachen Moment, indem er Peinliches von sich gibt oder in eindeutigen Posen auf Fotos gebannt wird. Man muss nicht prominent sein, um am Internetpranger zu landen. Prinzipiell ist keiner, der nicht im Kloster lebt,
vor unliebsamen Veröffentlichungen gefeit.

«Sogar auf koreanischen Sites war mein Hintern»

Eigentlich eher aus Spass nahm Sabine Bühler (Name von der Redaktion geändert) vor einigen Jahren an einem speziellen Schönheitswettbewerb teil. Zu ihrer Überraschung gewann sie den nationalen Wettbewerb und kam ins internationale Finale. Ein grosser Erfolg für die damals 18-Jährige. Doch die Freude währte nicht lange. Als sie zwei Jahre später ihre Ausbildung beendet und auf der Suche nach einem Job ist, lernt sie die Schattenseiten ihres Model-Erfolgs kennen. Googelt man ihren Namen, führen etliche Treffer zu Bildern, auf denen sie unter anderem ihren wohlgeformten Hintern in knappem Höschen Richtung Kamera reckt. Für eine Model-Tätigkeit kein schlechter Nachweis, für Bewerbungen auf andere Jobs hingegen negativ, wie sie merkte.

In mühevoller Sisyphos-Arbeit bemüht sich die Schweizerin bei den jeweiligen Website-Betreibern darum, dass die Bilder sowie ihr Name aus Berichten und Blogeinträgen entfernt werden. Obwohl einige Medien ihre Bilder und die dazugehörigen Texte auf ihr Drängen hin entfernten, sind bis heute über Google entsprechende Bilder von ihr zu finden. «Viele haben einfach gesagt 'Wir haben die Bilder von der Agentur gekauft und dürfen sie veröffentlichen'. Das hat mich aufgeregt, weil mich niemand gefragt hat.» An die möglichen Folgen ihrer Teilnahme hat sie damals nicht gedacht: «Ich hab aus einer spontanen Laune heraus bei dem Wettbewerb mitgemacht. Plötzlich war mein Arsch-Foto auf tausenden von Websites - sogar auf koreanischen. Plötzlich hatten viele Menschen, die ich kennenlernte, Vorurteile gegen mich», erklärt sie gegenüber 20 Minuten Online.

Fast jeder ein potenzielles Opfer

Nicht jeder hat Model-Bilder, für die er oder sie sich später einmal schämen könnte. Leider? Im Gegenteil: Von vielen existieren noch weitaus brisantere Fotos und Filme. Laut einer Umfrage von 20 Minuten Online existieren von 41 Prozent der Teilnehmer Filme oder Fotos, auf denen sie nackt zu sehen sind. An sich schon riskant. Weitaus gefährlicher hingegen ist, dass über die Hälfte dieser Aufnahmen in Fremdbesitz sind.

Durchaus ein Grund zur Besorgnis: «20 bis 30 Prozent dieser Aufnahmen landen früher oder später im Internet», weiss Torsten Gems, Vorstand des Biometrischen Suchdienstes «ProComb» in Dortmund, aus der Praxis. Seit April 2007 macht die Firma im Internet Erotik-Fotos oder -Videos im Auftrag von Betroffenen ausfindig. «Zu fast 100 Prozent» seien es Frauen, die sich verzweifelt an den Suchdienst wendeten, so der Experte in Sachen digitaler Beweis-Vernichtung.

Das Geschwätz von gestern

Auch Foren-Betreiber können ein Lied davon singen, wie viele Internetnutzer über kurz oder lang nicht mehr zu Äusserungen stehen wollen, die sie im Zorn, aus einer Laune heraus oder einfach ohne zu überlegen von sich gegeben haben. So zum Beispiel Manuel Hurliger (Name von der Redaktion geändert). Der Chef einer Werbeagentur hat sich über das Gebahren von Blocher nach seiner Abwahl aus dem Bundesrat so echauffiert, dass er ordentlich vom Leder gezogen und auf die SVP geschimpft hat. «Es waren keine Beleidigungen, trotzdem ist es einfach nicht mein Stil. Ich war damals einfach aufgebracht», sagt er entschuldigend, als er bei einem Blogbetreiber Dampf macht, damit dieser seinen Kommentar löscht. «Das wurde auch rasch veranlasst», ist er froh. Immerhin hat er Glück, dass die Kommentare dieser Website nicht bei Google indiziert, also nicht auffindbar waren. Das hat seinen Image-Schaden im Rahmen gehalten.

Meist aber werden gerade Blog-Einträge und Kommentare auf diese Beiträge vor allem bei Google höher gelistet als beispielsweise Berichte von Online-Medien. Und nicht immer werden Kommentare von Usern manuell freigegeben, sondern automatisch publiziert. Steht der richtige Name bei fragwürdigen Äusserungen, kann es mitunter sehr schwer werden.

Der lange Arm des Internets

Auf Anfrage erklärt Google: «Grundsätzlich ist es wichtig zu verstehen, dass Google eine Suchmaschine ist und keine eigenen Inhalte anbietet. Wenn Nutzer nun Webseiten über Google finden, auf denen Dinge stehen, die den Nutzern nicht gefallen, muss sich der Nutzer an den Webseitenbetreiber wenden, nicht an Google», weist Matthias Meyer, Presseverantwortlicher bei Google, die Verantwortung weit von sich. Tatsächlich kann der Suchmaschinenriese aber durchaus gezielt Inhalte aus seinem Such-Index verbannen. Dazu ist das Unternehmen jedoch nur bereit, «wenn Dinge gegen geltendes Recht verstossen (Beispiel: Neonazi-Seiten oder Kinderpornografie)», so Meyer.

Ihre Erfahrungen

Wurden auch Sie schon einmal Opfer einer ungewollten Veröffentlichung? Sind von Ihnen ungewollt peinliche Aufnahmen im Netz aufgetaucht? Oder wurden Sie im Web verleumdet? Schildern Sie Ihren Fall. Für die Wahrung der Anonymität garantieren wir. Schicken Sie einfach eine Mail mit dem Betreff «Internetpranger» an community@20minuten.ch.

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