Beruf vs. Berufung

28. August 2016 10:18; Akt: 28.08.2016 10:23 Print

50-Stunden-Woche statt Flohnerleben bei Lehrern

Lehrer sagen oft, sie hätten «trotz allem den schönsten Beruf der Welt». Was heisst das genau: «Trotz allem»? Wir haben nachgefragt.

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Die Lehrpersonen, die sich auf unseren Aufruf gemeldet haben, sind Berufene und plaudern hier anonym aus der Schule: Sie hören immer wieder, dass sie einen Traumberuf hätten, in dem sie täglich ein paar Stunden pro Tag Kinder bespassen müssen und dafür dreizehn Wochen Ferien bekommen. Dem widersprechen ausnahmslos alle Berufsleute, die sich bei uns gemeldet haben. Hier ein paar weniger bekannte Fakten aus dem Berufsalltag:

Längste Probezeit: Nach Abschluss der Ausbildung hat man den Status des Lehrbeauftragten für ein Jahr. Man ist ähnlich wie ein Saisonnier für ein halbes Jahr angestellt, bei Zufriedenheit wird der Lehrbeauftragte für ein weiteres Semester verpflichtet. Kein anderer Beruf kennt eine so lange Probezeit.

Lohnunsicherheit: Klassengrössen und Pensen wechseln jedes Jahr. Auch erfahrene, gut bezahlte Lehrer müssen vor jedem neuen Schuljahr bibbern, dass ihnen nicht von der Schulleitung das Pensum gekürzt wird.

Tatsächliche Arbeitszeit: Würde die gesamte Jahres-Arbeitszeit auf die 227 Arbeitstage pro Jahr herabgebrochen, würden Lehrer im Schnitt 9,1 Stunden pro Tag arbeiten – bei fünf Wochen Ferien. Wer hat heute noch eine 45-Stunden-Woche? Wochenenden sind auch nicht heilig: Im Schnitt arbeiten Lehrer am Samstag 2,2, am Sonntag 1,8 Stunden.

Ein Primarlehrer aus dem Aargau über sein Pensum: «Ich arbeite bis zu 50 Stunden die Woche und in meinem Vertrag sind 80 Prozent Arbeitszeit angegeben. All die Nacht- und Wochenendarbeit zusammengerechnet komme ich auf einen Stundenlohn von unter 20 Franken. Eine Reinigungskraft hat da mehr.»

Berufsrisiko

Lehrer tragen grosse Verantwortung, brauchen ein starkes Nervenkostüm und eine eiserne Gesundheit. Dazu hält ein Lehrer aus der Zentralschweiz fest: «Ein Banker kann ein paar Millionen verlieren und wird trotzdem mit einem Bonus belohnt. Wenn sich ein Kind prügelt oder sonstwie verletzt, habe ich Ärger mit den Eltern, der Schulleitung und kann auf die nächste Beförderung lange warten.» Zu den weiteren Schattenseiten gehören auch Verleumdungen, Mobbing, Viren und Keime. «Berufsrisiko nennt sich das», so der Lehrer weiter.

Lehrer sollten zwar alle Schüler gleich behandeln, aber das ist nicht immer möglich, wie ein Hochschullehrer aus der Ostschweiz zugibt: «Ich habe sehr wohl Lieblingsschüler und solche, die ich nicht ausstehen kann. Benotet werden zwar alle gleich, aber meine Lieblingsschüler dürfen sich im Unterricht mehr erlauben, während ich andere fast beim Husten rausschmeisse.»

«Einfach mal motzen!»

Andere lassen Schüler sogar regelrecht auflaufen, wie ein Zürcher Oberstufenlehrer gesteht: «Einer meiner Schüler war äusserst mühsam und störte ständig den Unterricht. Ich liess ihn ein riesiges Gedicht auswendig lernen, welches selbst ich in so kurzer Zeit nicht hätte auswendig lernen können. Genüsslich gab ich ihm eine ungenügende Note, während er das Gedicht vor sich hin stotterte.»

Und als ob Lehrer nicht schon genug zu kämpfen hätten mit Schulleitung, Behörden, Schülern und deren Eltern sind da auch noch die anderen im Kollegium: «Mir geht es unglaublich auf die Nerven, wenn Kolleg(innen) und andere über Lehrmittel und Methodiken herziehen und selber keine Ahnung haben, um was es geht», nervt sich eine Lehrperson aus Basel. «Aber einfach mal motzen!»

Was die teilnehmenden Lehrer den Schülern noch sagen wollen:
- Sorry Kids, wir wissen auch nicht alles.
- Wir haben manchmal auch einen schlechten Tag.
- Auch Lehrer machen Fehler.
- Lehrer haben auch Gefühle, die verletzt werden können.
- Die Lernenden verdienen den besten Unterricht, den es gibt.

(mec)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tiger am 28.08.2016 10:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Respekt

    Ich habe vollste Hochachtung von allen, die im Schul-/Lernsystem arbeiten. Ich wünsche mir für sie mehr Unterstützung, Respekt und gesellschaftliche Anerkennung. Wenn es jemand meint besser zu können, dann soll er/sie das gefälligst beweisen.

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  • René B. am 28.08.2016 11:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein leichtes Leben

    Heutzutage beneide ich die LehrerInnen also gar nicht. Die Erziehung der Kinder lässt oft zu wünschen übrig. Zudem macht es der hohe Ausländeranteil mit ganz anderen Kulturen bestimmt auch nicht leichter. "Du bisch blond und Frau, du musch mir und mim Sohn gar nüt säge." Das ist ja bezeichnend.

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  • Frau F. am 28.08.2016 11:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ..

    Als quasi Neueinsteigerin (seit 2015 im Berufsleben) habe ich mir angewöhnt, alles anstehende unter der Woche zu erledigen, sodass ich am Wochenende frei habe. Diese Sache mit den Ferien ist auch immer relativ: ich kann schauen, dass ich noch während der Schulzeit so vieles erledige, dass ich während der Ferien effektiv auch solche habe, was aber dann durch die entstehende Überzeit wieder relativiert wird. Und um ehrlich zu sein, diese häufige Unterrichtsfreie Zeit ist auch irgendwie gut für die Lehrer, da 21 Kinder eine Menge Menschlein mit Ansprüchen sind, welche alle gleich zu erfüllen sind. Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist der schönste Beruf der Welt, und etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen, trotzdem ist schon nur eine Woche Schülerfreie Zeit auch mal eine Wohltat. Übrigens im Schnitt beträgt mein tägliches Pensum zwischen 9 bis 11 Stunden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Nah Meh am 28.08.2016 22:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Korrektur

    "Wer hat denn heute noch eine 45 Stunden Woche?" Ähm, schaut mal wie lange die ganzen Detailhändler arbeiten, die 100% angestellt sind. Nicht das ich denke, Lehrer sein ist kein anstrengender Job, aber Stundenmässig nicht sooo überrissen.

  • Mondstein am 28.08.2016 16:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Empathie

    Der Lehrerberuf ist nicht einfach nur ein Job sondern Berufung . Nebst vielen andern Voraussetzungen braucht es da vorallem auch Empathie ,denn Lehrpersonen haben es in besonderer Weise mit Menschen zu tun. Es gibt ganz bestimmt viele solche Lehrpersonen, die ihr ganzes Herzblut in den Unterricht mitfliessen lassen. Leider gibt es auch eine ganze Menge , bei denen nicht das Geringste an Empathie zu finden ist und die damit ganz viele Kinder(seelen) leiden lassen. Die ganze Freude am Lernen geht verloren. Eine Frage : Ist ein Hochschulstudium wirklich das Richtige für den Lehrerberuf?

  • Lehrerin am 28.08.2016 16:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    werdet Lehrer/in

    Wenn Lehrpersonen überbezahlt sein sollen und erst noch zu viel Ferien haben, frage ich mich, weshalb gewiße Stellen nur schwerlich besetzt werden können. Da müsste es doch einen regelrechten "Run" auf offene Stellen geben (mind. 100 Bewerber/Stelle).

  • ehem. Eltervertreterin am 28.08.2016 15:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    elterliche Erfahrungen

    es gibt Lehrer, die zu diesem Beruf geboren sind und einen mega super Job machen. Leider aber gibt es jede Menge, die diesen Beruf als Notlösung gewählt haben und jetzt den Aufgaben und den pädagogischen Vorbildfunktionen nicht im geringsten gewachsen sind. Und nur um diese geht es, die jetzt großes Leid (er)-tragen müssen.

    • Nachsatz am 28.08.2016 16:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @ehem. Eltervertreterin

      Ach noch eine ganz tolle Erfahrung: es gibt Lehrer die nach mehreren Jahren Schulunterricht ihre Schüler mit Namen nicht kennen! Die Zeugnis-Noten sind fragwürdig, da die mdl. definitiv Benotung zweifelhaft ist.

    • Scara am 28.08.2016 18:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @ehem. Eltervertreterin

      "Sehr viele haben diesen Beruf gewählt nur als Notlösung" - sagst du. Aber fragst du dich auch, warum das so ist? Ganz viele Stellen können nicht besetzt werden, weil sogar gutmotivierte Lehrpersonen sich die heutige Schulsituation nicht mehr antun wollen, also müssen sie mit unqualifizierten Personen besetzt werden. Leider ist es dann so: Solche "Frischlinge" hören die SICHTBARE Arbeitszeit und den Lohn - und sind nach 3 Jahren total ausgebrannt und geben auf.

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  • BÄÄGU am 28.08.2016 14:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mit dem Lohn

    Bei diesem Salär darf man die 50 Std. Woche verlangen. Ich vediene nicht so viel, arbeite aucb 48 Std Woche.

    • mogli am 28.08.2016 18:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @BÄÄGU

      .... und auch so viel Verantwortung gegenüber Schülern (können bis zu 60 pro Tag sein - je nach Fachlehrer und Klassen, die man unterrichtet), Eltern, Schulbehörde, Gesellschaft allgemein - von Kritiken und Besserwissen (auch Schuldienst und Regierung) aller Seiten ganz zu schweigen

    • FRL-Myke am 29.08.2016 17:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @BÄÄGU

      Artikel wieder mal nicht gelesen, was? Steht doch da, runtergerechnet weniger als 20Fr/h.

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