Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
Brautschau 2.0
15. März 2010 11:11; Akt: 15.07.2010 11:15 Print
Ich habe ein Date mit 99 Singles
von Franziska Voegeli - Was passiert, wenn man sich mit einem Haufen Fremder zum Essen verabredet? Nach Vorspeise, Hauptgang und Dessert in drei verschiedenen Restaurants wurde ich zumindest einmal nach der Telefonnummer gefragt.
Seit vergangenem Donnerstag gibts in Zürich noch eine Alternative zu Parship und Co. oder Speed-Dating. Zwar auch ein Single-Event, doch nicht ganz so verkrampft: Man geht Essen. Mit 99 weiteren Leuten. Die zufällig alle Single sind. Na gut, versuchen wir es doch einmal.
Moving DinnerBeim Moving Diner treffen sich 50 Single-Frauen und 50 Single-Männer zum Essen. Für jeden Gang gehts in ein anderes Restaurant, im letzten wird noch gefeiert. Der Event für 25- bis 35-Jährige kostet 85 Franken.
www.moving-dinner.ch
Blind Date einmal anders
Das «Moving Dinner», wie sich der Event nennt, beginnt mit einem Apéro im Zürcher Niederdorf. Die 70 Singles – beim ersten Durchgang ist der Anlass noch nicht ausgebucht - mischen sich flott bei Prosecco und Bruschette. Sind das die Loser-Typen, die ich erwartet habe? Nein, der dort hinten mit dem gestreiften T-Shirt sieht doch ganz ok aus. Und auch die kleine Braunhaarige mit der coolen Frisur, die mit der einen Hand das Cüpli-Glas hält und mit der anderen wild gestikuliert, hätte ich niemals an diesem Single-Event für 25- bis 35-Jährige erwartet. Es sieht auch nicht nach einem Haufen Verzweiflung, sondern sogar nach echtem Amüsement aus.
Moderatorin Nicole führt durch den Abend. Nach einer Stunde Fingerfood und Smalltalk steigt sie aufs Podestchen: «Austrinken, Jacken anziehen und beim Herausgehen ein Los aus dem Champagnerkübel ziehen.» Auf meinem rosaroten Zettel steht 21. Diese Nummer bestimmt, neben wem ich beim Hauptgang sitzen werde. Bei manchen stellt sich ein Gemisch von Unsicherheit und Enttäuschung ein, nicht mehr die beste Freundin neben sich zu haben, mit der man sich angemeldet hat. Zwei Jungs sind schon ganz angetan von ihren bisherigen Gesprächspartnerinnen und wollen sich der Sitzordung entziehen: «Also ihr sitzt nachher neben uns!» Dann zieht die Gruppe weiter, alle 70 hinter der Nicole, die einen Leuchtstab in die Luft hält. Etwas peinlich, aber irgendwie auch lustig. Wenn jetzt nur kein bekanntes Gesicht vorbeiläuft!
Pferdedresseurstöchter und Banker an einem Tisch
Nächster Halt: das Restaurant Mère Catherine. Rechts von mir ein Mann, vis-à-vis ein Mann, und links: eine Frau. Da sich mehr Frauen als Männer für den Event angemeldet haben, ergibt sich eine unvermeidbare Asymetrie. Nachdem alle Hände geschüttelt und Namen genannt wurden, macht sich Schweigen breit. Zeit, sich die Leute etwas genauer anzuschauen. Und ins erste Fettnäpfchen zu treten. Der Typ neben mir fragt: «Was ist deine Ausrede?» «Meine Ausrede, warum ich hier bin?» Er lacht nicht. Scheisse, das hat er nicht gemeint. Er wollte wissen, warum ich zu spät kam. Auch als ich ganz locker und direkt nach den beiden Tattoos auf der Stirn frage - ein verkrampfter Versuch, unverkrampft zu sein - wirds nicht besser. «Das sind Muttermale.» Ups. Blöd. Das war dann wohl das Aus fürs Erste.
Nun gut, versuchen wirs mit einem Blick nach links. Da hätten wir die Tochter eines ehemaligen Pferdedresseurs beim Zirkus, eine deutsche Doktorandin und einen deutschen Banker, alle so proper herausgeputzt, als sässen sie im Studio von Swissdate. Nicole wirft noch ein Eisbrecher-Thema in die Runde: «Paare, bei denen beide Partner Schweizer sind, der Mann 5 Jahre älter ist als die Frau, und die Frau eine höhere Ausbildung hat als der Mann, haben die besten Chancen, dass die Beziehung hält.» Prüfende Blicke checken das Alter der Gegenüber und Nebeneinander ab, alle machen Witze über den eigenen Bildungsstand. Dann wird das Gespräch aber erst einmal von den Tätigkeiten der Teilnehmer dominiert. Das scheint ein guter Einstieg. Rechts lachen die Leute schon ausgelassen. Ich verpasse den Anschluss und wende mich nach links. Das wird etwas schwieriger, denn es geht um Hotels im arabischen Raum. Das Burdsch al Arab in Dubai hat doch tatsächlich sieben, und nicht sechs Sterne. Was sagt man dazu? Die anderen erzählen von ihren Reiseerfahrungen und den Mentalitätsunterschieden. Ich war nur mal in Bahrain. Im Flughafen.
Hauptgang mit viel Wein
Der Wechsel zur Tätigkeit des deutschen Bankers hilft auch nicht viel weiter. Er will sich im nächsten halben Jahr selbstständig machen. «Wie genau?» fragt die Doktorandin. Er nennt seine Tätigkeit und die seines zukünftigen Partners und ich vergesse es im selben Augenblick schon wieder. Niemand weiss, was das ist, mehr als nicken ist nicht drin. Am Tisch hinter mir gibts ähnliche Schwierigkeiten. Als ein Mann mit radikalem Kurzhaarschnitt der Frau vis-à-vis die Branche nennt, in der er tätig ist, weiss sie so schnell nichts zu erwidern. Dann der rettende Einfall: «Und das Team?» «Ja, Team ist gut.» Naja, was solls, während der 65 Minuten im Mère Catherine fliesst der Wein in Strömen, und so wird auch das Gespräch immer flüssiger.
Obs denn stört, dass mehr Frauen als Männer anwesend sind, will ich wissen. «Ach nö, das ist doch egal, ich wollte einfach mal neue Leute kennen lernen», so vor allem bei den Deutschen und Neuzugezogenen der Tenor. Die Saltimbocca mit Safranrisotto und Spinat waren gut und auf so unterschiedliche Leute trifft man sonst selten. Wirklich mal was anderes. Die Kellnerin räumt die leeren Teller ab. Am Ende meines Tisches entdecke ich einen Teilnehmer, der die Altersbeschränkung wohl etwas freier interpretiert hat. Ihm gegenüber eine Blondine, die ich als scheue Langweilerin eingestuft hatte, die mir aber im Verlaufe des Abends noch die Aufmerksamkeit eines Gigolos stehlen wird.
Neuer Ort, neues Glück
Beim Verlassen des Restaurants fischt meine Hand wieder im Champagnerkübel. Diesmal erwische ich die Nummer zwei. Moderatorin Nicole schwingt ihren Leuchtstab in die Höhe und der 70-Personen-Trupp bewegt sich in Richtung Central. Die Leute sind deutlich entspannter, und wir fühlen uns alle schon ganz verbunden. Auf dem Weg zu meinem Sitzplatz im Restaurant Commercio werd ich von zwei Jungs angejohlt, mich doch zu ihnen zu setzen. Guten Mutes lächle ich zurück, zieh aber weiter und setze mich an den Tisch mit meiner Nummer. Diesmal stimmt das Männer-Frauen-Verhältnis. Das Dessert, der Drink und die DJane werden angekündigt. Und dann gehts etwas deutlicher zur Sache. Obs an der fortgeschrittenen Zeit liegt - es ist kurz vor Mitternacht - oder daran, dass meine vorherigen Tischnachbarn einfach nicht an mir interessierrt waren, weiss ich nicht. Doch nun wollen sie es wissen. «Wie bist du zu dem geworden, was du bist?» «Warum isst du Fleisch?» «Was? Gaddafi bereitet dir Sorgen?»
Ich werde ganz offensichtlich eingestuft. Und mache mit. Hinter den Fragen versteckt sich der Versuch, schnell und eindeutig Moral, Einstellung und Lebensweise zu erkennen. Nach einer Weile wird klar, der neben mir, das ist nichts. Gegenseitig. Wir drehen die Köpfe und wechseln Gesprächspartner. Next! Als wärs das Normalste der Welt. Der neue Typ ist ehrlich gesagt auch nichts. Aber er sieht gut aus, ihm sitzt der Schalk im Nacken und der Humor auf der Zunge, da plaudert man gern ein bisschen weiter. Bis er sich dann einfach mir nichts dir nichts abwendet und der nächsten Dame annimmt. Es ist die Blondine von vorhin. Ihr ist auch nicht ganz wohl dabei und sie schaut mich fast so intensiv an wie ihn. Doch den Typen schert das wenig, ich bin schon eingestuft, er ist jetzt an ihr interessiert. So ist das wohl unter bekennenden Singles.
Zum Schluss eine Telefonnummer
Nach der Glace-Früchte-Kombination und dem Grappa löst sich die Tischordnung langsam auf, die Leute trudeln durch den Raum, schwingen das Tanzbein. Ich schwinge mit, bis ich mich an der Bar mit einer Bekannten und einem
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»
Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.
«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»
Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.
«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»
Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)
Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?
Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.
-
Alle 16 Kommentare




























Spannede Geschichte..mehr davon..
Super geschrieben dieser artikel..liesst sich wie ein spannendes buch.. @alle deppen die Ihren Missmut das Leute an solche veranstaltungen gehen zum Ausdruck bringen müssen/ mussten.. ach ihr seid echt ein trauriges Beispiel dieser CH kultur..oder eben selber Single und nur Neidisch das alle anderen was Tolles erleben dürfen und Ihr dijenigen seid die oftmals oder eben immer Leer ausgeht..na dann..Prost auf aufs Positive..und der erst..puuh..trauriger Pöbel!!!
yeah
...scheint mir eine gute Sache zu sein.werde mir als (eingefleischter?) Single auch überlegen, vorbei zu kommen. Es stellt sich schon die Frage, weshalb so hübsche und sympatische junge Frauen wie die Autorin (war das Bild auf der Titelseite der gedruckten Ausgabe Eigenwerbung?) selbst noch zu haben sind. Es ist nicht schwieriger geworden, nur ist Mann und Frau wählerischer, es "muss" ja nicht mehr geheiratet werden.
Super
wenn ich single wäre würde ich definitv mal so eine verantstaltung besuchen, eher der neugier wegen als einen partner zu suchen. der artikel ist wirklich super und interessant geschrieben..nicht weiterlesen unmöglich!