Mein Handicap

10. Juni 2015 11:48; Akt: 31.03.2016 14:49 Print

«Früher machte mich das Anstarren wütend»

von Eva Kamber - Benjamin Früh hat eine cerebrale Bewegungsstörung. Das hält den 23-Jährigen aber nicht davon ab, sich zu bewegen – und seine Meinung zu sagen.

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In der Serie «Leser stellen sich vor» sprechen wir jeden Mittwoch mit einem Mitglied aus der 20-Minuten-Community. Im Juni erzählen Leserinnen und Leser, wie das Leben mit Handicap aussieht. Diese Woche erklärt Benjamin Früh, wie man trotz Cerebralparese Leistungssport betreibt. Benjamin leidet aufgrund einer frühkindlichen Hirnblutung an einer cerebralen Bewegungsstörung (CP). Für den 23-Jährigen keinen Grund, sich nicht zu bewegen - ganz im Gegenteil: Der Leistungssport Handbiking hat es ihm angetan. Er kann nur seine rechte Hand sicher koordinieren. Seine Linke fixiert er deshalb mittels einer Orthese an der Kurbel. Weniger als 15 Kilogramm wiegt ein solches Bike. Die Sportgeräte werden für jeden Fahrer passgenau angefertigt. Auf langen Fahrten muss die Flüssigkeitszufuhr gesichert werden. Da Benjamin keine freie Hand hat, um zu trinken, hat er eine Trinkvorrichtung, die an der Kopfstütze befestigt ist. Damit die tiefliegenden Handbiker auch von den Autofahrern wahrgenommen werden, müssen die Sportler Fahnen an ihren Bikes montieren. Die grünen Helme sind für die Kategorie 1 Pflicht: Während einem Strassenrennen darf nicht im Windschatten eines Sportlers der anderen Kategorie gefahren werden. Deshalb wird jeder Kategorie eine Helmfarbe zugeteilt. Wie an der Tour de France: Die Ehrendamen im «Maillot jaune» und im «Maillot a points» übergeben in Utrecht die Preise an die Sieger. Wir gratulieren Benjamin (Mitte) herzlich zum Sieg im Einzelzeitfahren am 31. Mai und zum zweiten Platz im Strassenrennen am 30. Mai.

Zum Thema
Fehler gesehen?

«Man könnte die Theke am Tamedia-Empfang auch durchsichtig machen, dann hätte ich die Dame dahinter mal sehen können», sagt Benjamin kurz nach der Begrüssung grinsend. Welche kleinen und grossen Herausforderungen ein Leben mit Cerebralparese – neben zu hohen Empfangstheken – noch mit sich bringt, erzählt er im Interview:

Benjamin Früh, weshalb haben Sie sich auf den Aufruf gemeldet?
Weil ich solche Aktionen gut finde. Mehr Informationen über uns Menschen mit Behinderung schaffen mehr Verständnis in der Öffentlichkeit.

Wie sieht ein typischer Tag in Ihrem Leben aus?
Eigentlich unterscheidet sich mein Tagesablauf nicht unbedingt von anderen. Nur dass ich für alle Aktivitäten mehr Zeit und Unterstützung brauche. Ich arbeite Teilzeit im Grafikbereich. Daneben benötige ich verschiedene Therapien. Die restliche Zeit investiere ich in den Sport.

Welchen Sport betreiben Sie?
Ich bin im Schweizer Nachwuchskader der Handbiker. Das heisst, ich liege auf dem Sportrad und trete es nicht mit den Beinen, sondern mit den Händen – genauer mit der rechten Hand. Denn ich kann nur diesen Arm sicher kontrollieren. Die Linke kann ich nicht benutzen. Die wird mit einer Orthese an der Kurbel fixiert.

Wie schnell sind Sie mit diesem Handbike?
Es gibt fünf Klassen. Ich bin ein MH1, das bedeutet Men Handbiker Kategorie 1. Das sind die, die am meisten beeinträchtigt sind. Ich schaffe im Moment einen Schnitt von 24 km/h, kann mich aber noch steigern. Bei der Kategorie MH5 sind die Geschwindigkeiten vergleichbar mit den Tour-de-Suisse-Fahrern (über 40 km/h).

Was sind die grössten Schwierigkeiten beim Handbiken?
Mühsam sind vor allem Baustellen. Häufig führen die Umleitungen zum Beispiel über hohe Randsteine. Da bleib ich mit der Schale hängen und muss so komisch aufgebockt warten, bis mir jemand hilft. Deshalb habe ich immer eine Begleitung dabei. Ich kann ja nicht aussteigen, das Bike runterheben und wieder einsteigen.

Was ist das nächste Ziel?
Die Para-Cycling-Weltmeisterschaften, die vom 28. Juli bis 2. August im luzernischen Nottwil stattfinden. Im Moment fahre ich um WM-Punkte im In- und Ausland und hoffe, dass ich für die WM selektioniert werde.

Wie reagieren Menschen, die Sie nicht kennen, auf Sie?
Es gibt schon Leute, die einem hinterherschauen. Ich habe schon erlebt, dass ein Autofahrer mich und mein Bike so lange beobachtet hat, bis er fast einen Unfall baute. Abgesehen von einem Hupkonzert ist glücklicherweise nichts passiert. Wenn mich früher jemand so angestarrt hat, dann bin ich manchmal wütend geworden und habe ein Foto angeboten. Heute nehme ich das entspannter.

Welche Reaktionen nerven Sie am meisten?
Zum Beispiel, wenn jemand eine Frage an mich hat, diese aber an meine Begleitperson statt an mich stellt. Sogar ein älterer Herr, den die ganze Familie gut kennt, spricht immer mit meinen Eltern statt direkt mit mir.

Gibt es auch lustige Situationen?
Als wir im Trainingslager waren, haben wir ein paar junge Leute getroffen. Sie haben bemerkt, dass viele Handbiker unterwegs sind, und wollten wissen, wie das genau funktioniert. Nachdem ich es ihnen erklärt hatte, fragte eine von ihnen: «Ist das denn schwieriger als normales Velofahren?» Woher soll ich das denn wissen?

Gibt es etwas, das Sie den anderen Leserinnen und Lesern gerne mitteilen würden?
Ich wünsche mir manchmal etwas mehr Geduld. Ob mit dem Bike oder dem Rollstuhl, es benötigt halt einen Moment länger, um voranzukommen. Trauen Sie sich auch, auf mich zuzugehen. Ich kann zwar nicht gehen, aber sprechen kann ich und ich beantworte auch gerne Fragen.

In der Serie «Leser stellen sich vor – mein Handicap» hat auch Luana mit uns gesprochen. Ihre Geschichte finden Sie hier>>

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gonzo am 10.06.2015 12:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Berührungsangst/Missverständnisse

    Mein Problem ist, dass ich nicht weiss wie ich mich Verhalten soll. ZB. einem Rollstuhlfahrer die Türe öffnen. Es gab es auch schon, dass mich der Herr entrüstet ansah und meinte: ,, Ich brauche Ihre Hilfe nicht!" Dabei wollte ich helfen. Wie geht man da behutsam vor ohne jemanden zu kränken, aber auch nicht unhöflich zu wirken?

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  • Ernesto G. am 10.06.2015 12:19 Report Diesen Beitrag melden

    Grossartiger Mann

    Danke für diesen Einblick in Ihrem Leben. Ich wünsche Ihnen von herzen alles Gute für Ihre Zukunft.

  • peter am 10.06.2015 12:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wow

    Respekt vor ihm wie positiv und offen er damit umgeht... Chapeau...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kd am 11.06.2015 20:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bin Rollstuhlfahrer...

    ...und halte oft Fussgängern die Tür auf - meist sind die zuerst verduzt...aber ich geniesse es! Es ist ein Miteinander, so oft habe ich auch schon Hilfe erhalten...

  • Hh am 11.06.2015 20:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Behandelt sie einfach...

    wie alle anderen...Fragen und Hilfe anbieten ist nie verkehrt...wenn es in den falschen Hals kommt, ist es nicht euer Problem. Ich bin selber im Rollstuhl und freue mich immer über hilfsbereite Menschen, obwohl ich meistens herzlich lächelnd danke und erkläre, dass das gut geht. Danke euch allen für eure Sozialkompetenz, ist wirklich schön zu sehen!

  • Res am 11.06.2015 19:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie alle Normalos

    Lieber Gonzo , Behandle die Menschen mit Handicap, so wie du es auch gerne hättest, wenn du in dieser Lage wärst. Schaue mal in dich rein und du wirst verstehen was ich meine.

  • Fatih.H am 11.06.2015 10:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Respekt

    RESPEKT aber diese Bikes sind echt gefährlich für uns Autofahrer ich musste mal abbiegen und hatte einen Herr neben mir der mit seinem Handbike unterwegs war mein Beifahrer hat mich auf Ihn aufmerksam gemacht zum GLÜCK Trotzdem Respekt und dran bleiben

  • misol am 11.06.2015 10:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    keine Scheu...

    Am besten einfach Fragen. Somit bekunden Sie Ihre Hilfsbereitschaft und respektieren dennoch die Autonomie des Gegenübers...

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