Versorgungs-Diskussion

26. Oktober 2012 08:52; Akt: 26.10.2012 09:40 Print

«Schweizer Ärzte kann sich niemand leisten»

Kantone können bald wieder Zulassungsstopps für spezialisierte Ärzte aus dem Ausland erlassen. Diese politische Medizin schmeckt längst nicht jedem Patienten, wie die hitzigen Leser-Kommentare zeigen.

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Zulassungsstopp für ausländische Fachärzte - viele Leser äussern sich kritisch zur Zugangsbeschränkung für Mediziner von jenseits der Landesgrenze. (Bild: Keystone)

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Am Mittwoch hat der Bundesrat in Sachen Niederlassung von ausländischen Ärzten die Notbremse gezogen. Er gab mit einem Entscheid am Mittwoch den Kantonen freie Hand, ab April – je nach Überangebot – einen Zulassungsstopp für Spezialärzte befristet auf drei Jahre wieder einzuführen. Der Grund: Es wir eine Explosion der Kosten im Gesundheitswesen befürchtet.

Doch der Schuss könnte nach hinten losgehen. Das zeigen die Kommentare zur jüngsten repräsentativen Ärzte-Umfrage von comparis.ch, 20 Minuten Online und gfs.bern (siehe Infobox), die mit der aktuellen Entscheidung neue Brisanz erhalten. So ist beispielsweise Leser Daniel Schuhmacher der Meinung: «Die Ausbildung deutscher Ärzte hat uns nichts gekostet. Da kann die Schweiz Geld sparen.» Wie er stehen viele Leser einem Niederlassungsstopp kritisch gegenüber. Doch die Beiträge zeigen auch, wie heikel die Debatte ist - unabhängig davon, an welchen Stellschrauben gedreht wird.

Teure Sparmassnahme

Leserin Ruth applaudiert dem Bundesrat: «Ausländische Ärzte eröffnen überall neue Praxen und kosten unser Gesundheitswesen unheimlich viel zusätzliches Geld.» In diese Kerbe schlägt auch Stefan: «Nach Aufhebung des Praxisstopps sind zahlreiche neue Praxen von deutschen Ärzten eröffnet worden und mit diesen wird weiterer Platz für Berufskollegen aus dem Ausland in ihrer Gemeinschaftspraxis geschaffen.»

Doch die Begeisterung über einen Zulassungsstopp hält sich in den Meinungsbeiträgen sehr im Rahmen. Insbesondere hinter das Kostenargument werden viele Fragezeichen gesetzt. Warum, zeigt folgendes Beispiel: Ein deutscher Thorax-Chirurg schliesst seine Ausbildung nach sechs Jahren ab. In der Schweiz dauert die Ausbildung acht bis zehn Jahre. Leser Argus B. bringt auf den Punkt, was viele umtreibt: «Wir (Schweizer Ärzte, Anm. der Redaktion) sind die Bestausgebildeten, die sich niemand leisten kann.»

Diesem Argument schliesst sich auch Claudia an: «In der Schweiz sind die Ausbildungskosten um ein Vielfaches höher als die angeblichen Mehrkosten einer Praxisneueröffnung.» Nicolas führt aus: «Der deutsche Staat gib für das Studium ca. 400 000 Euro aus. Die Schweiz bekommt also teuer ausgebildete Ärzte, ohne selber auch nur einen Rappen ausgegeben zu haben. Schlauer kann man es eigentlich nicht machen.»

Hausarzt ja, aber nur bis 17 Uhr

Ein weiterer Fakt lässt einen Zulassungsstopp fraglich erscheinen. So bleibt manchem Patienten mitunter keine andere Wahl, als direkt zu einem Spezialisten zu gehen. Das zeigt das Beispiel von Reto: «Ich wohne in Olten und habe einen Hausarzt. Jedoch ist mein Hausarzt neu nur noch während den Geschäftszeiten verfügbar. Für Fälle ausserhalb der Geschäftszeiten betreibt das Kantonsspital Olten gemeinsam mit Hausärzten der Region eine ambulante Notfallstation. Wenn ich mich sowieso im Spital melden muss, wozu brauche ich dann noch einen teuren Hausarzt?», fragt er sich.

Hier hakt Max Schmid ein: «Es braucht trotzdem Hausärzte, weil diese wegen der Qualität nicht 15 Stunden arbeiten können und weil sie Menschen sind, die wie alle anderen auch ein Privatleben brauchen.»

Numerus Clausus schuld am Dilemma?

An einem Ansatz zur Lösung des partiellen Versorgungsproblems versucht sich Rainer Schweizer: «Würde lieber die einheimischen Studenten fördern. Numerus Clausus abschaffen bzw. Assistenzärzte mehr fördern (Ausbildungskosten).» Dem entgegnet Marie: «Ich finde, für ein Medizinstudium sollte man solche zulassen, die auch wirklich fähig sind, und die muss man halt irgendwie selektieren. Aber dass dann irgendwelche Mediziner aus dem Ausland hier praktizieren können, finde ich nicht in Ordnung. Wenn schon Kontrolle, dann auch bitte überall und bei jedem.»

Doch Numerus Clausus hin und gleiche Ausbildungskriterien her: «Das ändert nichts an der Tatsache, dass Schweizer Medizinstudenten nicht das Berufsziel Hausarzt haben», ist Roger überzeugt. Auch der Bedarf an Spezialärzten lässt sich mit heimischem Personal auf absehbare Zeit nicht decken: «Es sind mehr Stellen für Assistenz- und Oberärzte offen als besetzt werden können. Stünden die Ärzte aus dem Ausland, insbesondere Deutschland, nicht zur Verfügung, könnte der Bedarf an Internisten, Frauenärzten, Psychiatern etc. bei weitem nicht gedeckt werden», ist Leser Altso überzeugt.

Mundart wichtiger als hoher Ausbildungsstandard

Laut der Comparis-Umfrage ist es für 15 Prozent der Bevölkerung wichtig, dass der behandelnde Arzt ein Schweizer ist. Für 58 Prozent spielt diese Tatsache dagegen nur eine eher geringe oder sogar überhaupt gar keine Rolle. Dennoch gibt es durchaus einige Stimmen, denen ausländische Ärzte auf den Magen schlagen. Der Grund dafür liegt aber nur selten in der Qualifikation, sondern vor allem in der sprachlichen Barriere. Das kennt Maria D. aus dem Alltag: «Im Spital erlebe ich es sehr oft, dass vor allem ältere Patienten ein Problem mit deutschen Ärzten haben. Nicht weil sie aus Deutschland kommen, sondern weil sie die schnelle Sprechweise nicht verstehen. Das macht sie unsicher.»

Das kann Matthias aus Patientensicht nur bestätigen: «Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass ich von einem nicht schweizerdeutsch sprechenden Arzt nicht sofort richtig verstanden wurde. In einem Notfall mag ich mich auch nicht bemühen, die Worte in Schriftsprache zu suchen.» Dem entgegnet Nicole knapp: «Das Wichtigste ist doch, dass man die bestmögliche Behandlung erhält.»

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Wir können sehr froh darüber sein, dass so viele deutsche Ärzte uns zu Hilfe eilen.Ohne sie wäre unser medizinisches Betreuungsnetz arg durchlöchert oder nicht gewährleistet. Gleichzeitig bin ich aber dafür, dass Medizinstudiumplätze für Schweizer hier nicht kontingentiert werden, denn wir brauchen dringend viel mehr eigene Ärzte, damit wir unabhängiger sind und nicht auf ewig Ärzte im Umland suchen müssen (Stichwort übermässige Zuwanderung).Zu denken, wir wären dadurch die oberschlauen Sparer, ist für mich schlussendlich ein Eigentor. Liebe Schweiz, hör endlich auf, bei der Bildung zu sparen! – Regi

Wenn ich diese Lesekommentare zu gemüte führe frage ich mich echt, wo sind wir hingekommen. Es spielt doch keine Rolle welche Sprache der Arzt spricht, ob Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch sondern dass er kompetent behandelt. Was hier für eine Anti-Deutsch Stimmung herrscht erschreckt mich nur. Wo wären wir denn ohne die Deutschen? Haben sich die Leute die gegen die Deutschen Wettern mal überlegt wo der Hauptteil unserer Touristen herkommt, wer der grösste Handelspartner der Schweiz ist? Eine Denkweise die nur bis zur Nasenspitze geht und nicht weiter. – ein Schweizer

Mein Hausarzt ist Schweizer und ich bin sehr zufrieden. Meine Frauenärztin ist aus Ex-Jugoslawien und auch bei ihr fühle ich mich gut betreut, trotz dass sie Hochdeutsch spricht. Einen guten Arzt erkennt man nicht an seiner Nationalität! – Angel Heart

Die neusten Leser-Kommentare

  • Barbara am 27.10.2012 09:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Deutsche Aerzte verdienen bei uns auch nach Schwei

    Leider sind bei deutschen Aerzten nur die Ausbildungskosten für uns gratis! Sobald sie nämlich in der Schweiz praktizieren können, haben sie genau die gleichen Tarife wie Schweizer Aerzte!

    • Hans Berg am 29.10.2012 20:24 Report Diesen Beitrag melden

      Ist ja logo...

      Ich wills ja auch hoffen. Oder sonst darfst du auch gerne mal zum deutschen Tarif arbeiten.

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  • Mike am 26.10.2012 15:41 Report Diesen Beitrag melden

    Um mal ein paar Fakten zu nennen

    Ein Facharzt verdient in der Schweiz im Schnitt 230'000 Franken. Insgesamt gibt es weniger als 10'000 Fachärzte. Verglichen mit der Arbeitszeit, Verantwortung, etc ist das doch eher ein wenig, wenn wir bedenken, was unsere Banker, etc so verdienen und wie viele es von denen gibt. Jene Ärzte, die über 350'000 verdienen, arbeiten meist in Privatkliniken und verursachen damit für den Ottonormalverbraucher auch keine Zusatzkosten.. Ärzte ohne Fachtitel verdienen hingegen zwischen 5500-7000 Franken monatlich bei vertraglicher 50-Stundenwoche (+10-20 Überstunden pro Monat!).

  • Peter2106 am 26.10.2012 15:40 Report Diesen Beitrag melden

    Ich war perplex

    Neulich, als mein Hausarzt in den Ferien war, beanspruchte ich seinen Stellvertreter, ein Deutscher. Zu meinem Erstaunen und Hoechstrente Befriedugung empfahl er fuer mein Leidn eine Therapie auf alternativer Basis. Und es hat gewirkt, teure Medis konnten wir sparen.

    • Hans Berg am 29.10.2012 20:26 Report Diesen Beitrag melden

      Klar...

      ... Placcebo-Therapie beim Psychosomatiker. Wenns nicht nutzt schadets wenigstens nicht...

    einklappen einklappen
  • seltener Gast am 26.10.2012 15:06 Report Diesen Beitrag melden

    Problem geht früher los

    Das Problem mit Ärztemangel geht doch schon viel früher an den Schulen los. Solange man mit 9-11 Jahren Schule noch ganz gute Jobs kriegt - und das ist in der Schweiz der Fall - ist für Jugendliche und auch deren Eltern ein jahrelanges Studium weit weit weg. In Deutschland, wo ein schlechter Schulabschluss sowieso nur noch Eintrittskarte für ein Hartz IV-Dasein ist, und Osteuropa, wo Bildung als das Kriterium für Karriere gesehen wird, gilt ein Hochschulstudium als wesentlich notwendiger. Eines haben alle Länder nämlich inzwischen gemeinsam: Nagelstudios und Modeboutiken gibt es genug.

  • Sarah am 26.10.2012 14:32 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Konsultationen-Mehr Kosten

    Ich bin froh das es deutsche Zahnärzte in der Schweiz gibt. Sie sind vom Tarif her günstiger und man muss nur ein- maximal zwei mal gehen. Bei einem schweizer Zahnarzt geht man mehrmals für die gleiche Arbeit und dies verteuert das ganze, obwohl sie's auch in einer Konsultation richten könnten!!

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