Big Brother ist überall

14. Juni 2013 12:28; Akt: 14.06.2013 13:08 Print

Lassen Sie sich von uns ausspionieren!

von Olaf Kunz - Die Mehrheit der Internetnutzer schützt die Privatsphäre im Netz kaum, weil sie meinen nichts verbergen zu haben. Tatsächlich? Ein Experte nimmt Ihr Surfverhalten unter die Lupe.

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In den vergangenen Tagen wurde publik, dass amerikanische Geheimdienste systematisch die Daten von Millionen von Internetusern aus dem In- und Ausland ausgespäht haben. Die Empörung über die Verletzung der Privatsphäre durch US-Behörden ist auch hierzulande gross. 80 Prozent finden die Vorstellung, dass CIA und FBI ihre Mails mitgelesen haben könnten, äusserst unangenehm, so das Ergebnis einer nicht-repräsentativen Umfrage von 20 Minuten.

Umso überraschender ist, dass nur ein Bruchteil der Internetnutzer Massnahmen gegen derlei digitale Einbrüche in die Privatsphäre ergreift – zumal 79 Prozent der 4896 Befragten davon überzeugt sind, dass auch der Schweizer Geheimdienst seine elektronische Nase in Privatangelegenheiten steckt. Sicherheits-Experte Guido Rudolphi kann sich über so viel Fahrlässigkeit nur wundern: «Das Internet ist ein Jahrmarkt der geheimdienstlichen Lustbarkeiten», warnt der ehemalige Hacker und Geschäftsführer des Recherche-Dienstleisters Netmon. Auch wer sich nichts zu Schulden kommen lasse, laufe Gefahr, über kurz oder lang unangenehme Überraschungen zu erleben.

Wegen Internetchat die Einreise verweigert

Rudolphi schildert den Fall einer jungen Frau aus Deutschland, die an einem Austauschprogramm teilnehmen wollte. Bei der Einreise in die USA wird sie von Mitarbeitern der Einwanderungsbehörde abgefangen. Diese legen ihr einen Ausdruck des Protokolls eines Facebook-Chats mit dem Gastvater in den USA vor. Die Beamten lesen aus der Unterhaltung heraus, dass sie vorhabe, in Amerika zu arbeiten. Sie hat das auf ihren Einreise-Dokumenten nicht angegeben und besitzt auch keine Arbeitserlaubnis. Deswegen wird ihr schliesslich die Einreise verweigert.

Typisch Amerika? «Keinesfalls. Ich weiss, dass auch der Schweizer Nachrichtendienst den Datenverkehr im Internet in grossem Umfang ausspäht», erklärt Bernd Fix, Pressesprecher des Chaos Computer Club Schweiz. «Das geschieht oft völlig legal und es braucht dazu keinen Gerichtsbeschluss, denn das Nachrichtendienstgesetz räumt dem Dienst einen erschreckend grossen Handlungsspielraum ein.» Derzeit werde ausserdem über eine Totalrevision des Gesetzes verhandelt und es stehe zu befürchten, dass damit die Eingriffsmöglichkeiten in die Privatsphäre von Frau und Herrn Schweizer noch grösser würden.

Drei Viertel laden andere zum Ausschnüffeln geradezu ein

Nur ein Bruchteil der befragten 20-Minuten-Leser beugt einem Lauschangriff durch den Staat und durch Internetkriminelle vor: 6 Prozent derer, die auf Nummer sicher gehen, setzen Verschlüsselungsprogramme ein. Derlei Cryptosoftware erschwert Schnüffelnasen das Leben gewaltig: «Die Verwendung von Programmen wie Gnu Privacy Guard kann zwar ein Ausspähen nicht hundertprozentig verhindern, aber es ist viel Know-how und ein immenser Aufwand nötig, wenn jemand die Inhalte einer E-Mail entschlüsseln will», weiss der IT-Sicherheitsexperte Rudolphi.

Auch beim Surfen im Web hinterlassen Schweizer User unvorsichtigerweise massenweise Spuren. Lediglich knapp ein Viertel nutzt Software, die die IP-Adresse verschleiert. Wer keine Vorkehrungen bei der Internetnutzung trifft, lässt andere tief blicken. Die komplett ungetarnte Online-Nutzung ermöglicht das Erstellen von umfangreichen Nutzerprofilen, die Rückschlüsse auf Einstellungen, Verhalten, Vorlieben, Kontakte und vielem mehr erlauben. Experten empfehlen deshalb den Einsatz von Tor-Browsern, wie zum Beispiel jenen vor Torproject.org oder Anonymisierungsprogramme wie Jondo – auch wenn dadurch das Surfen etwas langsamer werde.

«Ich habe kein schlechtes Gewissen»

Derzeit aber finden 42 Prozent der Umfrageteilnehmer noch, dass geheimdienstliche Schnüffeleien gar nicht so dramatisch seien. So zum Beispiel Patrick Gruber, der im Leser-Kommentar schreibt: «Ich bin für das Ausspionieren der Bürger, aber ich habe ja auch kein schlechtes Gewissen.» Das langjährige Chaos-Computer-Club-Mitglied Fix findet diese Haltung gerade wegen des fehlenden positiven Effekts für die nationale Sicherheit fatal: «Die informationelle Selbstbestimmung, also die Hoheit über die eigenen Daten, ist ein enorm wichtiges Gut. Wenn man dieses einmal aus der Hand gibt, ist es weg. Niemand kann nachträglich seine Spuren im Web löschen.»

Auch Rudolphi kann über die Mir-egal-Haltung nur den Kopf schütteln: «Ich sage es mit Wolf Biermann: Wir müssen vor Hoffnung verrückt sein!» Jeder habe etwas zu verbergen. Man verrate ja auf der Strasse auch nicht jedem, welche Krankheiten man habe, wie viel man verdiene, wann man vorhabe, in die Ferien zu fahren und dann die Wohnung leer stehe oder dass man fremdgegangen sei. Ferner bestehe die Gefahr, dass auch Internetkriminelle leicht an diese Informationen gelangen.

So wie Leserin Andrea Primus fragen sich indes viele: «Wer soll die gigantischen Mengen an Daten auswerten und lesen? Bis die etwas über mich rausgefunden haben, das dauert.» Dem widerspricht Fix vehement: «Die Erstellung von Profilen geschieht durch Programme, die gut darin sind, sehr grosse Datenmengen in kurzer Zeit zu durchforsten. Zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein kann ausreichen, in den Fokus einer detaillierten Durchleuchtung zu geraten. Zudem werden diese Daten von den Diensten praktisch unbegrenzt gespeichert und unterliegen keiner Löschpflicht, so dass dies auch später jederzeit passieren kann.»

Rudolphi ist übrigens bereit, die Probe aufs Exempel zu wagen. Wer glaubt, er habe nichts zu verbergen, kann sich bei 20 Minuten melden (kurze Mail an community@20minuten.ch). Dann nimmt er für die Leserschaft gerne die Internetaktivitäten des Freiwilligen unter die Lupe und erstellt ein Nutzerprofil.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hans M. am 14.06.2013 17:45 Report Diesen Beitrag melden

    Dialekt

    Stelle mir gerade vor wie 4 CIA Agenten versuchen meinen Dialekt zu verstehen.

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  • Pim Pam am 14.06.2013 15:31 Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Jetzt weiss der Staat wieviel Pornos ich mir reinziehe ;)

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  • franz xes am 14.06.2013 13:37 Report Diesen Beitrag melden

    Alles oder nix

    Räumt Eure Konten und zieht Eure Stecker. Dann seid Ihr sicher. Es gibt keine Grauzone...Alles oder nix

Die neusten Leser-Kommentare

  • Data Mineur am 16.06.2013 08:47 Report Diesen Beitrag melden

    Auswerten ist leider einfach

    Auch bei noch so grossen Datenbeständen ist das nur eine Frage der Systematik. Die Daten werden in ein sogenanntes Datawarehouse abgepackt, und von dort mittels "Datamining" ausgewertet und verwendet.

  • sascha am 15.06.2013 16:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    alte Idee

    früher kaufte man gebrauchte pc bei ebay und Co. um so alle Daten wieder herzustellen und zu verwerten. heute ist dies viel einfacher als man glaubt. wo ich wohne hat im engeren Umkreis keiner eine Chance mir was vorzumachen, ich weiss ja schon allles!

  • Lucia am 14.06.2013 23:39 Report Diesen Beitrag melden

    Wer Freiheit aufgibt

    Wer Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, wird keines von Beiden bekommen!

    • Ben the A.. am 15.06.2013 11:32 Report Diesen Beitrag melden

      Benjamin Franklin

      Gib wenigstens den Namen an woher dieser Satz stammt.... Immerhin hast Du den Satz richtig geschrieben.

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  • Hochkrimineller am 14.06.2013 20:15 Report Diesen Beitrag melden

    Oh mann ...

    Jetzt werden plötzlich überall Maximallösungen empfohlen, um seine Spuren unlesbar zu machen ... dabei könnte man doch einfach ein bisschen weniger Spuren hinterlassen (v.a. die, die man nicht in der Öffentlichkeit haben möchte). Das schaffen im Gegensatz zu PGP, TOR & Co. auch weniger Computer-affine Leute ...

  • nicht nur im Internet am 14.06.2013 19:03 Report Diesen Beitrag melden

    Immer daran denken:

    Auch das simpelste Handy ist ein Peilsender und Standortdaten werden auch in der Schweiz lange gespeichert. Auch so kommt man zu sehr exakten Bewegungsprofilen. Wer Smartphones benutzt, der verrät noch viel mehr über sich. Sogar simples Telefonieren mit dem Festnetz hinterlässt viele Spuren. Überwachung gibt es nicht nur im Internet. Und: Heute werden auch in der Schweiz Systeme eingesetzt (Kameras mit Schrifterkennungssoftware), welche Nummernschilder auf Autobahnen aufzeichnen. Die Daten werden dann gespeichert und man kann damit Bewegungsprofile erstellen.

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