Kinder-Casting

14. November 2012 17:48; Akt: 14.11.2012 17:50 Print

In Windeln kämpfen sie ums Krönchen

von Catharina Steiner, Genf - 1500 Kinder – viele davon Babys – wollen in Genf einen Modeljob ergattern. Denn welcher Zweijährige träumt nicht davon, einmal ein Hochglanz-Cover zu zieren?

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Für Geld machen Studenten bekanntlich fast alles. Zum Beispiel im Hunde- oder Bärenkostüm gute Stimmung an einem Casting für 0-bis-12-Jährige machen. Zwischen stinkenden Windeln und glühenden Lockenstäben wandeln sie auf dem imposanten Stand auf der Genfer Herbstmesse umher, wo das Magazin «Baby Book Enfant» wie jedes Jahr nach zehn Nachwuchsmodels fahndet. Der Hauptpreis kann sich sehen lassen: Die Mini-Mannequins dürfen sich in Südfrankreich für eine Modestrecke im Heft ablichten lassen. Bis dahin ist es aber noch ein langer, steiniger Weg. Die 150 «besten» Kinder vom Genfer Casting müssen im Februar in Verbier vor eine Fachjury treten.

Hunderte Eltern stehen an diesem Wochenende mit ihrem Nachwuchs in der Schlange vor einem der Sets, auf dem Profi-Fotografen die Kids ins rechte Licht rücken. Die meisten Model-Aspiranten, vor allem die ganz kleinen, machen einen gelangweilten bis frustrierten Eindruck und spähen immer wieder sehnsüchtig an den Stand nebenan, wo es eine Hüpfburg und ein Trampolin gibt.

Sebyr tobt und schreit

Die Familien sind aus allen Teilen der Schweiz angereist und haben 50 Franken Administrationsgebühr pro Kind berappt. Ohne gutes Bild für die Jury - das man später für zehn Franken pro Abzug erweben kann - wird ungern heimgefahren. Nach langem Warten ist endlich der kleine Sebyr an der Reihe. Dem Zweijährigen steht der Sinn allerdings nach etwas anderem. Das Kleinkind tobt und schreit, will nicht stillsitzen und in die Linse schauen. Die Mutter versucht ihn auf den Sessel zu drücken, aber er stemmt sich dagegen. Der Fotograf sitzt geduldig daneben. Er weiss, dass es manchmal mehr Zeit braucht. Oder wie in diesem Fall, die Mutter. Erst als sie auch auf dem Set Platz nimmt und sich ihren Sohn auf den Schoss setzt, lässt dieser sich fotografieren. Alles halb so wild.

Nicht nur in Sachen Ehrgeiz ist man in Genf von amerikanischen Verhältnissen weit entfernt. Wurden die Kleinen letztes Jahr noch abgepudert, ist Schminke dieses Jahr verpönt. Einzig ein Coiffeur-Team dreht den Kindern ein paar Locken ein oder fixiert den Pferdeschwanz mit ein wenig Haarspray.

Angelina versuchts zum zweiten Mal

Die Schweiz sei zu konservativ, als dass sich Schönheitswettbewerbe für Kinder hierzulande durchsetzen könnten, meint Casting-Organisator und Herausgeber von «Baby Book Enfant», Richard Blat. Bei seinem Casting gehe es um Spass, sagt er. Es sei ihm auch wichtig, dass er merke, dass es von den Kindern ausgeht, und nicht von überambitionierten Müttern, die ihre eigenen gescheiterten Träume über den Umweg des Kindes ausleben wollen.

Die kleine Angelina sieht mit ihren blonden Löckchen tatsächlich wie ein Engelchen aus. Die Jury sah das anders - letztes Jahr schaffte es die Dreijährige nicht in die zweite Casting-Runde, erzählt die Mutter. Und auch diesmal schaut es nicht gut aus. Angelina hat offensichtlich keine Lust, zu posieren, geschweige denn zu lächeln. Die Fotografin tröstet das Mädchen, weiss, wie sie Kind Nummer hundert an diesem Tag aufmuntern kann. Doch beim Engelchen beisst sie auf Granit. Erst als die Mutter Angelina ihr iPhone zum spielen gibt, hellt sich die Miene des Mädchens auf. Und endlich, endlich zeigt das Mädchen ein paar Milchzähne. Der Tag ist gerettet.

Auch Pädophile schauen vorbei

1500 herzige Kinder - das muss doch auch das falsche Publikum auf den Plan rufen. «Ja, wir haben Probleme mit Pädophilen. Letztes Jahr war da ein Mann, der alleine da war und zugeschaut hat. Zu lange. Wir mussten die Polizei rufen», gibt Blat zu.

Blat, selber Vater eines Zweijährigen, hat kein Interesse, seinen Sohn am Casting anzumelden. Ihm geht es in erster Linie darum, sein Magazin zu bewerben. Bereits zum fünften Mal trägt er den Event aus. Dieser ist mit 1500 Kindern aus der Schweiz und ganz Europe hierzulande nach eigenen Angaben der grösste seiner Art.

Auch die kleine Penelope stellt sich brav in die Reihe, um auf ihre fünf Minuten im Scheinwerferlicht zu warten. Die hübsche Achtjährige und ihre Familie wurden letzten Sommer in den Ferien angesprochen. Es ging um Katalogfotos. Daraus wurde zwar nichts, aber das Interesse bei Mutter Mayte war geweckt. «Ich habe im Internet nach Optionen für Kinder gesucht und bin dabei auf dieses Casting gestossen.»

«Ich bin nur der Fahrer»

Dem Mädchen scheint es tatsächlich zu gefallen, sie posiert wie ein kleiner Profi vor der Kamera. Die Familie ist extra aus dem Aargau angereist. Was hält der Vater davon, dass sich seine Tochter beurteilen lassen muss? «Ich bin nur der Fahrer», sagt er und winkt ab. Der Stolz auf Peneolpe und die jüngere Tochter Nieves, die auch vor der Linse des Profi-Fotografen posiert, steht ihm aber ins Gesicht geschrieben. Penelope kann sich vorstellen, später einmal Model zu werden. Für den Fall, dass das nicht klappt, hat sie bereits einen Ersatzplan: «Geigenspielerin!»

Familie Bieri ist aus Luzern angereist. Chiara Michelle ist zehn. Im Interview mit 20 Minuten Online ist das Mädchen scheu. Vor der Linse des Fotografen entpuppt sie sich als echtes Naturtalent, das es versteht, sich vor der Kamera zu bewegen. Letztes Jahr hatte die Schülerin beim Casting der Kinderzeitschrift «Maki» in Bern mitgemacht und prompt Platz drei belegt. Für den Podestplatz gab es ein Shooting für Dosenbach und C&A.

«Für uns ist das ein Spass. Wir nehmen das nicht ernst», sagt Frau Bieri über die Model-Ambitionen ihrer Tochter. Angst, dass Chiara enttäuscht sein könnte, falls sie abgelehnt wird, hat sie nicht. «Chiara ist sehr realistisch, was das anbelangt», sagt sie. «Und sie ist ein selbstbewusstes Mädchen.»

Die legendäre Baby-Casting-Szene aus dem Film «Brüno»:

Quelle: YouTube.com


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Martin Schaub am 15.11.2012 20:18 Report Diesen Beitrag melden

    Und es gibt immer noch welche,

    die gegen die USA lästern. Dabei machen wir ja jeden Schwachsinn mit, einfach jeweils mit einigen Jahren Verspätung.

  • jay am 14.11.2012 19:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krank

    einfach nur krank... es geht nur noch um Aufmerksamkeit (der Eltern). Jedes Mittel ist dem Menschen recht, um sich ins Rampenlicht stellen zu können...

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  • Roger am 14.11.2012 20:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eltern nichts erreicht..!!

    Ist wie immer. Die eltern haben nichts erreicht, da sollen mal die kinder das nachholen, was die eltern nicht erreicht haben.. Krank das ganze..!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jan am 16.11.2012 01:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Wunder

    Gestern habe ich hier gelesen, dass es immer mehr beschränkte Menschen auf unserem Planeten gibt. Also braucht man sich nicht wundern, dass es so ein Mist gibt!

  • Martin Schaub am 15.11.2012 20:18 Report Diesen Beitrag melden

    Und es gibt immer noch welche,

    die gegen die USA lästern. Dabei machen wir ja jeden Schwachsinn mit, einfach jeweils mit einigen Jahren Verspätung.

  • D.Z. am 15.11.2012 20:09 Report Diesen Beitrag melden

    Intoleranz

    Also, unsere Tochter modelt auch gelegentlich. Man mag es kaum glauben aber sie ist ein fröhliches, hilfsbereites, gescheites und ganz normales Mädchen und vorallem, sie modelt weil sie es gerne macht. Sie liebt es aber auch, draussen in der Natur zu spielen (und sich auch schmutzig zu machen!!), mit den Jungs Fussball zu spielen, mit ihren Freundinnen abzumachen, Hip-Hop zu tanzen oder ihrem grössten Hobby dem reiten zu frönen.

  • Gerhard B. am 15.11.2012 17:35 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht für viel Geld würde

    ich meine Tochter bei solchen "Wettbewerben" mitmachen lassen! Mein Kind soll das Kind-sein geniessen solange dies möglich ist!

  • uri05 am 15.11.2012 13:41 Report Diesen Beitrag melden

    Windelwettbewerb

    Schlimm!!!!

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