Leser stellen sich vor

26. August 2015 09:06; Akt: 26.08.2015 09:06 Print

Mit dem Velo von Nord- nach Südamerika

von G. Hummel - Urs Hochstrasser bereist seit einigen Wochen Amerika mit dem Velo. Die erste Erkenntnis: «Was man benötigt, taucht an der nächsten Ecke auf.»

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Urs hat uns seine liebsten 20 Fotos der Reise geschickt und erzählt gleich selber, was darauf zu sehen ist: «Mehr als ein Powernap war nötig während des Stopps in Whitehorse. Die lange Anreise nach Inuvik dauerte rund 60 Stunden.» «Moto Oshima, der Japaner auf seinem Faltrad, ist jetzt dank der Bärenglocke etwas sicherer unterwegs. Der Mann hat eine Ausstrahlung, die einen inspiriert und ansteckt.» «Nach 700 Kilometer Schotterpiste erfreue ich mich ob der herrlichen Abendstimmung im Tombstone Park.» (Foto: castlegarphotography.com) «Typisch kanadische Gastfreundschaft, kein Wunder, verbrachte ich über eine Woche in Dawson.» «Ein Hoffnungsschimmer auf dem Top of the World Highway.» «Eine Partie Horseshoe in Tok (Alaska) mit Luke, meinem Partybuddy aus Dawson.» «Bart, der angenehm verrückte Belgier. Was für ein Spassvogel.» «Bei gewissen Pannen hilft Kreativität. Besser gesagt Duct Tape und das Gelernte aus der Handarbeitslehre während der Primarschule.» «Ein Fundament aus Steinen hilft, um den stürmischen Winden im Kluane Nationalpark zu trotzen.» «Auf der rasanten Abfahrt nach Haines habe ich Gesellschaft von Hope und John.» «Diese überwältigende Stimmung ist Lohn genug für die 105km und 1700 Höhenmeter von Skagway nach Carcross.» «Mein schönster Schlafplatz bisher, Carcross Dessert. Finde mein Papalagi und Zelt.» «Wieso wohl dieses frisch verlobte Paar ein Foto mit mir wollte?» «Die Dakhká Khwáan Dancers während dem First Nations Festival in Teslin.» «Das Solothurner Stadtschild hat seine 2500 Kilometer lange Reise beendet. In dem Moment fand ich den passenden Namen für mein Fahrrad: Soletta.» «Verbrannte Wälder sind ein häufiges Bild in Alaska und Nordkanada. Das opulente Fireweed verrät, dass der Brand weniger als fünf Jahre her ist.» «Der Ursus arctos horribilis (Grizzlybär) hat eine Vorliebe für Lachs, genauso wie Ursus helveticus (ich).» «Bloss 100g Schokolade für 152 Kilometer, das wird eng.» «Jasper, das charmante Bergdorf in den kanadischen Rockies...» «...hier sitze ich und tippe, bis die Tasten glühen. Ich freue mich auf jedes neue Kapitel dieses Abenteuers.»

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Er bildet das Schlusslicht in unserer «Leser stellen sich vor»-Serie über Langzeitreisende und spannt gleichzeitig den Bogen zum ersten Interview, das auch von der Panamericana handelte: Urs Hochstrasser ist aber anders als Pamela und Andreas nicht im VW-Büssli unterwegs, sondern mit dem Velo.

Urs, du bist nun seit einigen Wochen mit dem Velo von Nord- nach Südamerika unterwegs. Welchen Ratschlag gibst du Menschen, die auch von solch einer Reise träumen?
Es ist wortwörtlich so einfach wie das Fahrradfahren. Starte mit nichts und du merkst, wie wenig du brauchst. Denn egal wie lange und gut du dich vorbereitest, etwas fehlt dir immer. Also los, heute ist DER Tag!

Wie hast du dich darauf vorbereitet?
Drei Jahre träumen, ein Jahr recherchieren und ein Jahr effektiv vorbereiten. Das Fahrrad habe ich nach den Tipps und Tricks meines Mechanikers des Vertrauens selbst umgebaut. Dies dauerte einige Wochenenden, doch jetzt kenne ich jede Schraube und weiss mir bei Pannen jeder Art zu helfen. Ich habe die letzten drei Jahre in einer WG gelebt, dadurch waren meine Lebenshaltungskosten sehr gering und das Geld schnell gespart. Insbesondere, da die Reisekosten fast ausschliesslich aus Essen und Versicherungsprämien bestehen.

Warum mit dem Velo?
Es spricht vieles dafür. Mit dem Velo ist man nahe an Land und Leuten. Es ist eine umweltfreundliche Art, sich fortzubewegen und die moderate Reisegeschwindigkeit überschwemmt einen nicht mit zu vielen Eindrücken. Zudem ist es extrem befreiend, nur wenig Materielles zu besitzen.

Wie fit muss man für eine solche Velo-Reise sein?
Es genügt, sein bepacktes Fahrrad fahren zu können, die Fitness folgt automatisch.

Welche Wartung benötigt dein Velo?
Am wichtigsten ist die Pflege der Kette, diese reinige und schmiere ich mindestens wöchentlich. Sonst ist meine Soletta sehr pflegeleicht und äusserst zuverlässig.

War es hart am Anfang?
Es ging alles sehr schnell: Wohnrat auflösen, letzter Arbeitstag, Auto verkaufen und schon stand ich am Flughafen. Auf einmal war ich unterwegs und die ersten drei Tage waren geprägt durch grosse Euphorie. Am vierten Tag kam mit der Erschöpfung und nach 36 Stunden Dauerregen der «dunkle Tag». Ich sitze allein in meinem Zelt, der nächste Mensch mehr als 100 Kilometer entfernt. Draussen herrscht Weltuntergangsstimmung und ich lasse mich von all den typischen Fragen runterziehen: Wieso machst du das bloss? Musst du jemandem etwas beweisen? Erst die gespeicherte Nachricht einer vertrauten Person reisst mich aus dem Strudel meiner negativen Gedanken. Einige Stunden Schlaf später, erlebe ich einen der schönsten Tage und die erste Begegnung mit einem Grizzly. Seither läuft es richtig rund.

Wo befindest du dich jetzt?
Ich bin in Jasper und erkunde die kanadischen Rockies. Morgen geht es auf eine Tageswanderung und dann beginnt die epische Fahrt auf den Icefield Parkways.

Warum hast du dich für die Panamericana entschieden?
Vor zehn Jahren habe ich mir mit einer Reise nach Australien den grössten Kindheitstraum erfüllt. Dort habe ich mich mit dem Reisefieber infiziert. Danach drängte sich allmählich die Frage auf, was nun? Die unterschiedlichsten Reiseerfahrungen und die Tatsache, dass ich noch nie in Nord- und Südamerika war, schürten mein Verlangen nach diesem Abenteuer.

Du bist noch nicht so lange unterwegs. Worauf freust du dich bereits?
Auf morgen – und das jeden Tag. Die schönsten Dinge sind die unerwarteten.

An welchen Ort würdest du bis jetzt sofort zurückkehren?
Dawson City, die Zeit scheint dort während des Goldrausches stehengeblieben zu sein. Die lokalen First Nations meistern den Spagat zwischen ihren Traditionen und den Einflüssen, die der weisse Mann mit sich brachte. Diese Harmonie ist deutlich spürbar. Ich wurde immer wieder eingeladen und nahm jeweils dankend an. Nach einer Woche kannten mich viele beim Namen und fragten, ob ich einen Job oder eine Wohnung brauche. Da wusste ich, es ist Zeit weiterzuziehen, sonst bleibe ich noch stecken.

Bist du allein unterwegs?
Ja, ich habe die Reise bewusst allein angetreten. Einige Tage war ich mit einem angenehm verrückten Belgier unterwegs, das war ein Spass. Jetzt geniesse ich es noch, allein unterwegs zu sein. Was bisher nur wenige wussten, nur drei Monate vor meiner Abreise lud ich jemanden ein, um diesen Traum gemeinsam zu leben. Jetzt ist es definitiv, ab San Francisco werde ich all die schönen Momente teilen dürfen. Mehr verrate ich noch nicht.

Was ist das Wichtigste in deinem Gepäck?
Abgesehen von den Ortlieb-Radtaschen, die alles trocken halten, sicherlich das Zelt, die Luftmatratze und der Schlafsack. Gut zu schlafen, ist ein Muss.

Was hast du bereits wieder ausgepackt?
Die Bärenglocke. Diese habe ich einem Japaner auf dem Dempster Highway gegeben. Ich traute meinen Augen nicht, als ich ihn auf seinem kleinen faltbaren Fahrrad sah. Er hatte einfache Taschen an sein Rad geschnürt. Seine Freude am einfachen Leben und seine Begeisterung für das Abenteuer waren echt inspirierend.

Welche Erkenntnis kannst du bereits verbuchen?
Was man auch gerade benötigt, taucht um die nächste Ecke auf. Zweimal innert kürzester Zeit verlor mein Hinterreifen langsam Luft. Der Schlauch war beim ersten Mal schnell geflickt, doch der Reifen zeigte keine Spur der Ursache. Es war kurz vor Sonnenuntergang, als ich es das zweite Mal feststellte. Da hält ein Auto vor mir, eine Frau steigt aus und fragt mich, ob ich weiss, wo ich schlafen werde. Sie sei mit ihrem Mann auch viel getourt und beschreibt mir den Weg. Zwanzig Kilometer weiter und dreimal Pumpen später, stehe ich vor einer Blockhütte. Tim, ihr Ehemann, heisst mich willkommen. Beim Abendessen erzählt er mir, wie er als Fahrradmechaniker sein Studium finanzierte. Bei einem kleinen Glas Whiskey schaute er sich den platten Hinterreifen an. Nach geraumer Zeit fand er den verantwortlichen, feinen Draht. Das Frühstück am nächsten Morgen war reichhaltig und vor meiner Weiterreise spielte ich noch einige Runden Uno mit dem kleinen Aziz. Dann hiess es einmal mehr: «Safe Travels!» Diese Gastfreundschaft ist überwältigend und die Häufigkeit, in der ich sie erlebe, überrascht mich immer wieder.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • wanderlust am 26.08.2015 09:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    mutig & inspirierend

    sowas trauen sich nur die wenigstens, aber es ist bestimmt unvergesslich. weiterhin gute reise Urs!

  • Samuel Saurer am 26.08.2015 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    Und wann brichst du auf...?

    Urs sollte ein inspirierendes Beispiel für uns alle sein. Mal einige Monate oder ein ganzes Jahr eine Auszeit nehmen und mal den lang ersehnten Trip endlich starten, den Traum ausleben. Je länger man damit wartet, je eher wird man von Beruf, Alter und Familienleben eingeholt. Ich selbst war auch schon ein halbes Jahr in Asien, und schwierig war hierbei lediglich der erste Schritt dazu. Alles andere vergeht dann wie im Flug und in aller Einfachheit.

  • camillo ordell am 26.08.2015 09:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Happy and safe travel!!! :-)

    seine kurze Schilderung erstaunt mich einmal mehr. auch ich durfte immer wieder feststellen das es mehr liebe gibt auf der welt als von den Medien dargestellt. ich war meistens per Autostop unterwegs und es ist einfach der Hammer solche Erlebnisse zu machen. ich wünsche ihm alles gute und eine warme Strasse. ;-)

Die neusten Leser-Kommentare

  • Tonya am 26.08.2015 18:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gute Reise

    Wow. Super Reise! Viel Spass noch, geniess die lange Zeit, die vielen Kilometer und die imposanten Eindrücke.

  • Basti am 26.08.2015 17:11 Report Diesen Beitrag melden

    Wow!

    Einfach herrlich, was sich dieser Mann traut! Um das geht es doch im Leben. Erfahrungen und Abenteuer. Vom Krampfen alleine sind nur die Wenigsten glücklich geworden. :)

  • tamalito am 26.08.2015 14:36 Report Diesen Beitrag melden

    Lebensmüde!

    Hut ab vor dieser Leistung, wird sicher eine top Erfahrung. Die Entscheidung, mit dem Fahrrad durch Honduras, Guatemala und San Salvador zu fahren, halte ich jedoch für grob fahrlässig und lebensmüde! Ich kenne diese Ecke der Welt leider zu gut!

    • tamalito am 26.08.2015 15:16 Report Diesen Beitrag melden

      Nachtrag

      Sollte natürlich El Salvador heissen.

    • Halbvoll am 26.08.2015 17:09 Report Diesen Beitrag melden

      Glas

      Man kann das Glas Wasser entweder halbvoll oder halbleer sehen... ;)

    • tamalito am 26.08.2015 21:51 Report Diesen Beitrag melden

      Mareros & Narcos

      Da ändert auch eine positive Einstellung nichts daran! Was schon für Einheimische sehr gefährlich ist, kann für weisse Ausländer noch viel gefährlicher sein. Da könnt ihr noch so Daumen runter drücken! Ich kenne diese Länder und würde das Bereisen auf diese Art und Weise zumindest in diesen Ländern nicht empfehlen. In Nicaragua & Costa Rica sieht das Ganze schon wieder entspannter aus!

    einklappen einklappen
  • camillo ordell am 26.08.2015 09:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Happy and safe travel!!! :-)

    seine kurze Schilderung erstaunt mich einmal mehr. auch ich durfte immer wieder feststellen das es mehr liebe gibt auf der welt als von den Medien dargestellt. ich war meistens per Autostop unterwegs und es ist einfach der Hammer solche Erlebnisse zu machen. ich wünsche ihm alles gute und eine warme Strasse. ;-)

  • Samuel Saurer am 26.08.2015 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    Und wann brichst du auf...?

    Urs sollte ein inspirierendes Beispiel für uns alle sein. Mal einige Monate oder ein ganzes Jahr eine Auszeit nehmen und mal den lang ersehnten Trip endlich starten, den Traum ausleben. Je länger man damit wartet, je eher wird man von Beruf, Alter und Familienleben eingeholt. Ich selbst war auch schon ein halbes Jahr in Asien, und schwierig war hierbei lediglich der erste Schritt dazu. Alles andere vergeht dann wie im Flug und in aller Einfachheit.

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