Der Schein trügt

05. November 2015 22:41; Akt: 05.11.2015 22:41 Print

Sieht dieser Mann behindert aus?

Ste Walker muss Einrichtungen für Behinderte nutzen, auch wenn er äusserlich gesund aussieht. Mit einem Post auf Facebook zeigt er, dass der Schein oft trügt.

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Er hat eine attraktive Freundin, liebt seine Hunde und sieht gut und fit aus. Der 24-jährige Ste Walker aus Halifax in England ist auf den ersten Blick ein ganz normaler junger Mann. Doch was bedeutet eigentlich normal? Ist ein Mensch nur dann normal, wenn er auf den ersten Blick so erscheint?

Ste Walker muss sein Auto auf einem Behindertenparkplatz parkieren, Behinderten-WCs nutzen, er trägt einen künstlichen Darmausgang und hat seit zwei Jahren nicht mehr gegessen. Der junge Engländer leidet unter einer schweren Form von Morbus Crohn, einer chronischen Darmkrankheit, bei der zumeist Dick- und Enddarm chronisch entzündet sind. Betroffene müssen häufig Teile des Darms entfernen lassen und können nur schlecht Nährstoffe aufnehmen.

«Du sieht doch gesund aus? Warum blockierst du einen Behindertenparkplatz?»

Trotz seiner schweren Erkrankung muss sich Ste Walker immer wieder kritischen Blicken und Kommentaren aussetzen, wenn er sein Auto auf dem Behindertenparkplatz parkiert oder das Behinderten-WC nutzt. Irgendwann platzte dem jungen Mann der Kragen und er veröffentlichte einen Post auf seinem Facebook-Profil, der um die Welt ging.

Er postet ein Foto von sich in Kleidern und eines, das ihn ohne T-Shirt zeigt.

People are too quick to judge these days, just because I look normal and speak normal, that doesn't mean I don't have a...

Posted by Ste Walker on Sonntag, 25. Oktober 2015

Dazu schreibt er:

«Menschen fällen ihr Urteil schnell. Nur weil ich normal aussehe, heisst das nicht, dass ich keine Behinderung habe. Schaut genauer hin, fragt mich und ihr werdet merken, dass ich schwer krank bin.

- Ich habe einen Hickmann-Katheder, der aus meiner Brust kommt und in meinem Herzen sitzt. Er ernährt mich, da mein Verdauungssystem nicht mehr richtig funktioniert. Ausserdem werde ich über ihn mit Medikamenten versorgt.

- Ich habe eine neurogastrale Sonde in meiner Nase, die meine Magensäfte absaugt.

- Ich habe eine Narbe von der Brust zum Schambein. Dreimal musste ich lebensrettende Operationen über mich ergehen lassen.

- Ich habe einen künstlichen Darmausgang.

- Ein normaler Mensch hat einen etwa sechs Meter langen Dünn- und einen 1.5 Meter langen Dickdarm. Mein Dünndarm ist noch 2.5 Meter und mein Dickdarm 90 Zentimeter lang. Das bedeutet, dass ich ständig dehydriert bin, keine Nährstoffe und Medikamente aufnehmen kann.

- Medikamente bekomme ich durch den Hickmann-Katheder, was mir hilft, aber eine Arterie in der Leber verstopfte.

- Ich habe Arthrose in meinen Knien, die Muskulatur meines Magens funktioniert nicht mehr, weil ich ihn so lange nicht mehr nutzen konnte, ich habe chronische Schmerzen und Angstzustände, weil ich so viel Zeit im Spital verbringen musste. Ich war die letzten 18 Monate nur vier Wochen zuhause.

Dies sind nur einige der Probleme, die meine Krankheit mit sich bringt. Das nächste Mal, wenn ihr euch fragt: ‹Warum blockiert er den Behindertenparkplatz, der ist doch ganz normal›, haltet inne und macht euch bewusst, dass ich gern normal wäre. Fragt euch, wie anstrengend es für mich war, aus dem Bett zu steigen, mich anzuziehen und ‹normal› auszusehen.»

Sein Post wurde bis Donnerstag über 20'000-mal geteilt und Zehntausende lobten in den Kommentaren seinen Mut oder teilten ihre eigene Geschichte.

«30 Sekunden bis zum nächsten WC»

In der Schweiz leiden rund 10'000 Menschen unter Morbus Crohn – unter Colitis Ulcerosa, der sogenannten «kleinen Schwester» von Morbus Crohn, etwa 6'000. Nur wenige von ihnen sind so schwer betroffen wie Ste Walker und dennoch können diese Krankheiten das Leben sehr einschränken.

Ein prominentes Schweizer Beispiel ist der Virus-Moderator und Vlogger Robin Rehmann. Er leidet unter Colitis Ulcerosa und informiert in seinem Vlog über sein Leben mit der Autoimmunkrankheit. Im Gespräch mit tilllate.com erzählt Rehmann, dass er bis zu 30-mal mit blutigem Durchfall aufs WC müsse und auch er hat einen Schlüssel für Behindertentoiletten. In seinem Vlog berichtet er von komischen Blicken: «Wenn man Colitis Ulcerosa hat und vom Behinderten-WC kommt, wird man blöd angeschaut. Weil man keinen Rollstuhl hat. Die Leute schütteln den Kopf und fragen, warum benutzt der nicht das normale Klo, der ist doch nicht behindert. Aber ich bin behindert, man sieht es nur nicht.»

Sehen auch Sie vermeintlich normal aus, leiden aber an einer Krankheit? Wenn Sie uns von den Problemen, die das mit sich bringt, erzählen wollen, dann melden Sie sich auf: community@20minuten.ch

(bsg)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jemand am 05.11.2015 23:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tapferer junger Mann

    Oje, das ist ja schrecklich. Zum Glück hat dieser junge Mann eine, offensichtlich sehr tolle und verständnisvolle Frau, an seiner Seite und seine Hunde, welche ihm bestimmt viel Freude bereiten. Ich wünsche ihm auf jeden Fall nur das Allerbeste. Solche Schicksale sollten uns Gesunden, eigentlich wieder einmal zeigen, wie gut es uns doch geht und wir das Leben vielleicht auch ein bisschen mehr schätzen sollten.

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  • Sarawak am 05.11.2015 22:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tut mir so leid

    Tragisch das sich solche Leute gegen die vielen " Hilfspolizisten" wehren müssen. Tragisch wie die Öffentlichkeit beobachtet und wertet.

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  • Leser_1 am 05.11.2015 23:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Respekt!

    Ich bewundere solche Menschen täglich aufs neue... Es braucht so viel Kraft! Ich denke viele von uns "normalen" könnten sich noch eine Scheibe abschneiden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Siria am 06.11.2015 11:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Respekt

    Respekt wenn ein Mensch mit solchen Einschränkungen die Freude am Leben nicht verliert. Und schön in einer solchen Situation jemanden an der Seite zu haben, der zu einem steht. Leider ist der Mensch schnell im urteilen und noch schneller im verurteilen.

  • GP am 06.11.2015 11:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    muss dass leben immer so schwer sein

    ahh:( ich wünschte alle menschen wären gesund aber nein der junge sit so toll aus und hat bestimt eine tolle freundin wo in seine seite steht egall was andre gesagt haben darf ich jezt was wünschen danke bitt got alle die in edwas leiden mach sie gesund..

  • QonoS am 06.11.2015 10:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nichts Neues

    Jeder Mensch der eine schwere psychische Erkrankung hat sieht auch gesund aus, doch innerlich sind es oftmals Fracks die keinen Ausweg mehr sehen. Diesen Menschen wird oft sehr viel Unrecht getan, da eine psychische Erkrankung nicht "messbar" ist. Auf der anderen Seite wird so etwas oft auch ausgenutzt

  • Ausländer am 06.11.2015 10:22 Report Diesen Beitrag melden

    Keiner von denen!

    Habe noch nie einen der auf dem Behindertenparkplatz schief angeschaut sei es Jung oder Alt. Leute, hat Euch nichts zu interessieren wer wo was parkiert! Arme Schweiz!

  • Eine Frau am 06.11.2015 10:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gehörlos

    Er hat es schwer, viel schwerer als ich. Ich bin Gehörlos, also auch Behindert, und sehe völlig normal aus. Jedoch ist das Leben mit der "unsichtbaren" Behinderung nicht besonders angenehm. Da fragen sich Menschen, wieso darf er/sie jetzt vergünstigt ins Konzert od. Kino. Sie sehen es uns nicht an, dass wir IV-Bezüger sind.

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