Selbsttest

14. Juni 2018 17:50; Akt: 14.06.2018 17:50 Print

So fühlt es sich an, im Ramadan zu fasten

von Albina Muhtari - Ramadan ist vorüber – rund 17 Stunden täglich haben praktizierende Muslime in der Schweiz gefastet. Hat es auch unsere Redaktorin geschafft?

Unsere Redaktorin scheut weder Hunger noch Durst und erzählt, wie es ist, im Ramadan zu fasten. (Video: A. Muhtari / M. Temel)
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Von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang fasten – dieser Herausforderung haben sich praktizierende Muslime während des Fastenmonats Ramadan gestellt. In der Schweiz bedeutete dies rund 17 Stunden täglich auf Nahrungsmittel, Getränke, Sex oder böse Worte zu verzichten. Stattdessen sollten die Fastenden bewusster leben, sich in Selbstbeherrschung üben und ihren Mitmenschen Gutes tun. Dieser Herausforderung hat sich auch unsere Redaktorin gestellt – ein Tagebuch.

Tag 1:

Ramadan beginn dieses Jahr an einem Samstag, praktisch, so kann ich ausschlafen und bin nicht allzu müde vom «Suhur» von letzter Nacht (so heisst die Mahlzeit, die man vor der Morgendämmerung noch einnehmen kann).

Mein Ziel ist es, heute produktiv zu sein! Ich putze die Wohnung, erledige Papierkram, mache die Wäsche. Gegen Mittag meldet sich der erste Hunger, viel unangenehmer ist aber mein trockener Mund. Neben Hunger und Durst habe ich vor allem eins: viel Zeit. Ist das wirklich die Zeit, die sonst fürs Einkaufen, Zubereiten und Verspeisen von Essen draufgeht?

Als am Abend kurz nach 21 Uhr die Sonne untergeht, darf ich endlich das Fasten brechen – traditionell mit einer Dattel und einem Glas Wasser oder Milch. Ich spüre die kalte Milch meinen Rachen hinunterfliessen und möchte am liebsten darin baden. Danach würde ich mich zwar gern auf meine mit Käse überbackenen Nachos stürzen, doch mein Magen ist schon zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Die verdrückte Portion fällt deshalb eher klein aus.

Tag 2:

Zweiter Ramadan-Tag. Sonntag. Das Aufstehen zum «Suhur» ist mir schwergefallen, doch zum Glück konnte ich auch heute ausschlafen. Ich treffe mich später mit einer Freundin, allerdings nicht wie üblich in einem Café, sondern bei ihr zu Hause. Als ich uns beim Lästern ertappe, schaltet sich kurz das schlechte Gewissen ein. Lästern soll man nicht. Zumindest nicht während des Ramadans. Doch wir sind schon zu tief drin, um noch damit aufzuhören.

Danach besuche ich meine Eltern am anderen Ende der Stadt. Ich bringe meiner Mutter einen Blumenstrauss – Ramadan ist ja die Zeit, in der man Gutes tun und nett sein soll. Blumen sind gut und nett. Und vielleicht machen sie das Lästern wett.

Tag 3:

Das erste Mal fasten im Büro. Viele Fragen: Hast du keinen Hunger oder Durst? Auch kein Wasser? Ist das nicht anstrengend? Gell, du musst jetzt wahrscheinlich auch nicht aufs WC? Und ist das nicht total ungesund, fragt ein weiterer Mitarbeiter, während er genüsslich an seiner Zigarette zieht. Ich antworte, so gut es geht: Nein, ich habe noch keinen Hunger oder Durst (es ist erst 8 Uhr). Nein, auch kein Wasser. Ja, gegen Nachmittag wird es anstrengend. Und doch, ich muss trotzdem aufs WC, denn ich bin immer noch ein Mensch. Bei der Frage des besorgten Rauchers muss ich herzhaft lachen.

Gegen 10 Uhr holt sich jemand aus dem Social-Media-Team einen Snack aus der Kantine. Er fragt, ob er mir was mitbringen soll. «Danke, aber ich faste.» Während der Mittagspause ist ausnahmsweise eine Sitzung angesagt. Meine Mitarbeiter holen sich Angus Beef Burger aus der Kantine. Hätte ich Wasser im Mund, würde es mir spätestens jetzt zusammenlaufen. Trotzdem bleibe ich stark und gönne mir später zum «Iftar» (Fastenbrechen am Abend) einen Burger von McDonald's – der bei meinem Appetit mindestens so gut wie der Angus Burger schmeckt.

Tag 4:

Ich lese mir die Leser-Kommentare zur Ankündigung meiner Ramadan-Challenge durch. Es sind viele positive Kommentare darunter. Einige Leser beklagen sich jedoch, Muslime seien während des Fastens nicht leistungsfähig, mürrisch oder gar aggressiv. Dass ich mürrisch oder aggressiv sein soll, kann ich an mir nicht beobachten. Doch was sagen meine Mitarbeiter dazu? Ich sei etwas ruhiger als sonst, meint einer. Ein anderer gibt ihm recht, aber eigentlich sei ich genau gleich.

Dass ich weniger spreche, kann schon sein. Wahrscheinlich spare ich mir einfach das bisschen Spucke auf, das ich noch im Mund habe. An meiner Leistungsfähigkeit bemerke ich keinen Unterschied. Die Trägheit, die ich normalerweise nach dem Mittagessen verspüre, ist einem leichten Ich-laufe-auf-Sparflammen-Modus-Gefühl gewichen, das jetzt am Nachmittag aufkommt. Also nicht wirklich ein Unterschied.

Tag 5:

Der dritte Fasten-Tag auf der Arbeit. Das Hungergefühl ist fast weg. Während die anderen in die Mittagspause verschwinden, gönne ich mir ein Schläfchen im Ruheraum. Danach fühle ich mich frisch wie ein Baby. Am Abend organisieren muslimische Studenten an der Uni Bern ein gemeinsames Fastenbrechen, bei dem ich reinschauen möchte.

Rund eine Stunde zuvor zeigt ein Besuch auf der Toilette: Ich habe meine Tage gekriegt. Ich breche mein Fasten ab, denn Frauen sind während der Periode von der Fastenpflicht befreit. Den Ramadan-Apéro lasse ich mir aber trotzdem nicht entgehen.

Tag 6:

Nach rund einer Woche Pause nehme ich das Fasten wieder auf. Obwohl ich während der Mens normal essen konnte, hatte ich tagsüber nicht wirklich Hunger. Der erneute Beginn des Fastens fällt mir deshalb nicht allzu schwer.

Doch wie hat mein Körper aufs Fasten reagiert? Ich stehe auf die Waage – sie zeigt zwei Kilo weniger an. Trotzdem: Fasten im Ramadan ist keine Diät. Viele Muslime nehmen während des Ramadans sogar noch zu, weil sie abends so richtig zulangen – was eigentlich nicht der Sinn des Fastenmonats wäre.

Tag 7:

Zum Ramadan gehört auch Gutes tun. Ich hole mir Verstärkung von meiner Freundin Yasemin und wir überlegen, Geld an Bedürftige am Bahnhof zu verteilen. «Und was, wenn die sich Drogen davon kaufen, haben wir dann immer noch was ‹Gutes› getan?», fragt Yasemin. Wir beschliessen, auf mehr Eigeninitiative und somit Fresspäckli zu setzen, die wir mit Weggli, Wasser, Schoggi und Bananen füllen.

Es ist ein heisser Tag. Wir laufen durch den Bahnhof, die Fresspäckli im Gepäck. Keine Bettler in Sicht. Niemand, der nach Geld fragt. Niemand, der sich für unsere Päckli und die guten Taten darin interessiert. «Die haben sich bestimmt einen schattigen Ort gesucht», meint Yasemin. Einige Male sind wir uns auch nicht einig. «Da sitzt einer», sagt Yasemin und meint einen Typen im Schmuddellook. «Nein, der hat nur komische Kleider an», sage ich durch die Zähne. Nach anderthalb Stunden werden wir müde und beschliessen, unsere Päckli einfach an irgendwelche Passanten zu verteilen. Die freuen sich. Gute Tat vollbracht!

Mein angekündigter Selbsttest ist nach sieben Tagen Fasten bereits vorbei. Meine Perioden-Pause mit eingeschlossen, befinden wir uns jetzt ungefähr in der Mitte des Fastenmonats. Mich hat aber der Flow gepackt – ich faste weiter.

Fazit:

Ramadan war anstrengend. Vor allem am Anfang. Aber es war auch ein bisschen wie Ferien. Ferien vom Alltag. Du bist zwar am selben Ort wie immer. Du tust dieselben Dinge wie immer. Und doch ist alles ganz anders. Du selbst tickst anders.

Ich habe hier von meinen persönlichen Erfahrungen berichtet. Und so verschieden wie Menschen sind, so verschieden ist auch ihr Fasten. Manchen fällt das Nicht-Essen schwer. Andere haben Mühe, tagsüber aufs Trinken zu verzichten. Lästertanten werden beim Nicht-Lästern auf die Probe gestellt. Und wiederum anderen wird es schwerfallen, sich mitten in der Nacht aus dem Bett zu quälen oder die viele freie Zeit nicht mit Netflix zu überbrücken. Irgendwie ist es aber auch schön, all diese Herausforderungen anzunehmen (man ist nicht allein), und sich abends mit einem leckeren Essen zu belohnen. Denn plötzlich fällt der ganze Druck des Tages von einem ab.

Ein bisschen Philosophie

Ich habe das Fasten für mich als eine Art Pyramide interpretiert. Ganz unten steht der Verzicht von Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken und Sex (keine Sorge, nur tagsüber). Je weiter oben, desto subtiler werden die Aufgaben. Gut sein. Geduldig sein. Grosszügig. All diese Dinge könnte man sich eigentlich auch so vornehmen, ohne das ganze Gehungere. Nur erinnert einen der knurrende Magen eben schon ständig daran, dass man sich in einem Zustand des Fastens befindet. Das Ziel wäre es wahrscheinlich, die Pyramide so weit wie möglich hinaufzuklettern. Vorerst bin ich aber einfach nur froh, mich wieder ein wenig fallen zu lassen.

Der Beitrag unserer Redaktorin ist während des Ramadans 2017 entstanden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • CarpeDiem am 14.06.2018 18:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Völlig daneben

    Völlig daneben schiessen die, welche ihr Fasten mit einer Königsmalzeit brechen. Was ist daran bitte schön demütig und diszipliniert wenn man den ganzen Tag sich genervt den Magen leer hungert und dann Nachts alles raus (also rein) lässt? Richtiges Fasten im Ramadan hat mehr zu tun als nur zu hungern und auf Essen zu verzichten.

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  • Haakon am 14.06.2018 18:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zweck

    Und was bringt uns das Ganze?

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  • SueR am 14.06.2018 19:04 Report Diesen Beitrag melden

    Wasser?

    Ich frage mich ernsthaft, weshalb diese Fastenden nicht wenigstens stilles Mineralwasser konsumieren dürften. Dann hätte es auch einen gesundheitlichen Effekt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bebbi am 15.06.2018 10:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kommt auf Job an

    Mit Bürojob zu Fasten ist wohl gut möglich. Bei 30 Grad als Bausrbeiter sollte wenigstens Wasser getrunken werden.

  • Hui Bu am 15.06.2018 09:43 Report Diesen Beitrag melden

    Gesund?

    Und wieso genau muss sie lachen, wenn einer fragt, ob das nicht total ungesund wäre? Bin kein Arzt oder Ernährungsberater und "total" ungesund ist wohl ein bisschen übertrieben, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es gesund ist, so zu leben, auch wenns nur für einen Monat ist.

    • Amina am 15.06.2018 10:50 Report Diesen Beitrag melden

      Hinter den Zeilen lesen.

      Sie musste wahrscheinlich lachen, weil ausgerechnet ein Raucher sie wegen des Gesundseins von Ramadan gefragt hat. Kann ich absolut nachvollziehen. Ich weiss zwar nicht, wie viele Menschen jährlich aufgrund des Rauchens sterben, von Ramadan-Fasten-Toten habe ich aber noch nichts gehört.

    • Pasukaru am 15.06.2018 11:39 Report Diesen Beitrag melden

      @Amina

      Dürfen Raucher keine Fragen dazu stellen? Weil sie rauchen? Absurd!

    • Rebekka Wild am 15.06.2018 12:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Hui Bu

      Nun, es wird ganz ähnlich wie Intervall-Fasten (16/8-Diät) sein. . .

    • Kiki am 16.06.2018 18:32 Report Diesen Beitrag melden

      @Pasukaru

      Klar dürfen Raucher die Frage nach dem Gesundseins des Fastens stellen. Es stellt sich dann aber die Gegenfrage, weshalb sie nicht auf ihre eigene Gesundheit schauen und mit dem Rauchen aufhören.

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  • Leon am 15.06.2018 09:02 Report Diesen Beitrag melden

    Gott existiert nicht

    Wozu noch einer Religion angehören, wenn man doch inzwischen weiss, dass es sowieso keinen Gott gibt und die Erde keine Schöpfung hinter sich hat sondern eine Evolution und Expansion. Klar, vor ein paar hundert Jahren, als man noch fast gar nichts wusste und deshalb alles glauben musste und sich natürliche Dinge nur durch unnatürliche Ursachen erklären liessen, da war das ja noch okay. Aber inzwischen wissen wir, dass Fluten nicht von Gott gesendet werden sondern klimatisch bedingt sind.

    • qwertz am 15.06.2018 12:42 Report Diesen Beitrag melden

      kann man nicht beweisen oder widerlegen

      es konnte bisher niemand die Nichtexistenz oder Existenz Gottes stichhaltig beweisen.

    • Vorname Name am 15.06.2018 14:14 Report Diesen Beitrag melden

      Und selbst wenn... ?

      ich glaube auch nicht an Gott aber wenn andere Leute einer Religion folgen, ist das doch ihre Sache. Ich meine, wenn du in einem gläubigen Haushalt aufwächst und von Tag 1 an Teil einer Religion bist, ist es verständlich, dass es viele Leute gibt, die wirklich an einen Gott glauben. Natürlich hat Religion Nachteile, für viele ist es aber auch eine Stütze im Leben, die sie davon abhält zu "sündigen" und dank der sie probieren gute Menschen zu sein. Ich sehe keinen Sinn darin, den Glauben aus Menschen rausreden zu wollen.

    • Ernesto am 15.06.2018 22:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Leon

      Wir wissen? Also ich bin nicht wir und ich glaube an Jesus. Sie mögen darüber den Kopf schütteln, aber Sie werden auch noch einmal die Wahrheit erkennen, hoffe für Sie dass es dann nicht zu spät ist.

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  • Mela am 15.06.2018 08:50 Report Diesen Beitrag melden

    Selbstbeherrschung/Selbstreflexion

    Ich bin selber zwar keine Muslimin, habe dieses Jahr jedoch auch einige Tage während Ramadan gefastet:-) Ich weiss, es gibt einige Leute, die dies nicht gerne lesen... aber mir gefällt der tiefere Sinn dahinter (besonders der Aspekt der Selbstbeherrschung und der Selbstreflexion). Sich nicht gleich jedem Trieb hingeben... sich selber weiter zu entwickeln... Gutes tun für diejenigen, die Hilfe brauchen...

    • Pasukaru am 15.06.2018 11:44 Report Diesen Beitrag melden

      @Mela

      Und warum machen sie das nicht bei "unserem" Fasten nach der Fastnacht? Da geht es um genau das Gleiche, nur das Fasten ist halt richtiges Fasten. Warum ur ist das "Eigene" so verpönt, aber das "Fremde" so beliebt? Verstehe ich nicht.

    • Kiki am 16.06.2018 18:35 Report Diesen Beitrag melden

      @pasukaru

      Und weshalb ist es für dich so wichtig, bei "wessen" Fasten man an sich selbst arbeitet? Ist das so wichtig? Ausserdem wird "unser" Fasten nicht so oft praktiziert, da sind wir selbst schuld, und ich habe auch noch nie von einem Schweizer gehört, dass man bei "unserem" Fasten Gutes tun soll.

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  • Teutates am 15.06.2018 07:41 Report Diesen Beitrag melden

    Muslime Fasten ja gar nicht wirklich!

    Die Essen und Trinken einfach zu anderen Zeiten. Das ist alles Leute! Ich halte es für bescheuert, aber warum so ein Brimorium daraus machen? Sollen sie doch!

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