Flexibilität vs. Stress

05. Juni 2012 13:10; Akt: 05.06.2012 16:39 Print

Trotz Feierabend - die Arbeit ruft

von Olaf Kunz - 57 Prozent der Arbeitnehmer erledigen in der Freizeit immer öfter Geschäftliches. Gleichzeitig ist der Mehrheit wichtig, Privat- und Berufsleben strikt zu trennen. Wie passt das zusammen?

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Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer ist auch in den Ferien für berufliche Belange erreichbar. (Quelle: Swisscom Lifebalance-Studie/Grafik: Olaf Kunz)

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Während die Ausdehnung der Ladenöffnungszeiten in der Schweiz höchst umstritten ist, ist eine 24/7-Mentalität in anderen Bereichen längst Realität. So sind 57 Prozent der Angestellten auch nach Feierabend - beim Apéro mit Freunden, beim Fussball-Gucken oder in der Badi - häufig für geschäftliche Belange erreichbar. Am Wochenende schielt immerhin knapp mehr als die Hälfte oft aufs Smartphone, um zu checken, ob etwas Dringendes im Geschäft anliegt. Sogar in den Ferien ist eine totale Job-Abstinenz für viele nicht mehr denkbar. Ob am Strand auf Bali oder während einer Rundreise mit dem Rucksack - insgesamt 32 Prozent der Angestellten sind selbst da noch für den Job oft im Stand-by-Modus.

Was dabei erstaunt: 86 Prozent der befragten Arbeitnehmer sind der Ansicht, dass ihnen die Trennung von Beruf und Freizeit trotz allem sehr gut gelingt. Das ist das Ergebnis der repräsentativen Swisscom Lifebalance-Studie, bei der 1977 Menschen in der Deutsch- und der Westschweiz in Kooperation mit 20 Minuten Online befragt wurden.

Job geht vor Sex

Ein detaillierter Blick auf die Zahlen zeigt, wie hoch die Toleranzschwelle für geschäftliche Störungen in der Freizeit tatsächlich schon liegt. Selbst beim wilden Liebesspiel oder beim Kuscheln mit dem Partner stehen 38 Prozent stramm, wenn die Firma ruft. Und sogar das stille Örtchen hat längst seinen meditativen Charakter verloren. Rund die Hälfte aller befragten Angestellten nimmt das «Geschäft machen» wörtlich und zögert auch zuhause keinen Augenblick, auf der Schüssel wichtige geschäftliche Anrufe entgegenzunehmen. Dagegen mutet es fast schon völlig normal an, dass viele in den Ferien gelegentlich geschäftliche Mails lesen, um auf wichtige Anliegen einigermassen zeitnah reagieren zu können.

Dabei bekunden 73 Prozent der Erwerbstätigen in der Deutschschweiz, dass es ihnen wichtig ist, Arbeit und Freizeit zeitlich zu trennen. In der Westschweiz sind es gar 79 Prozent, die darauf grossen Wert legen. Wieso also akzeptieren viele Angestellte offenbar klaglos, dass sich ihr Job mehr und mehr ins Privatleben ausdehnt? Die Antwort ist in einem Plus an Flexibilität zu finden, ist Miriam Nido vom Institut für Arbeitsforschung und Organisationsberatung in Zürich überzeugt: «Flexible Arbeitszeitmodelle, Möglichkeit von Home Office und mobile Kommunikationstechniken führen zu einer besseren Vereinbarkeit von Arbeitszeit und sozialen Verpflichtungen.»

Tatsächlich wird diese These von den Umfragewerten gestützt. So sagen in der Deutschschweiz beachtliche 89 Prozent, ihre Arbeitszeiten mit familiären und anderen sozialen Verpflichtungen gut oder gar sehr gut in Einklang bringen zu können. In der Romandie ist dieser Wert sogar noch um zwei Prozentpunkte höher. Interessanterweise ist dort auch der Anteil derer, die flexible Arbeitszeiten haben, leicht höher – 66 Prozent gegenüber 61 Prozent in der Deutschschweiz.

Mehr Stress trotz mehr Freiheit

Die Flexibilität hat auch ihren Preis: Insgesamt waren im vergangenen Jahr mehr Romands (55 Prozent) sehr häufig oder eher häufig gestresst im Job als diesseits des Röstigrabens (47 Prozent). Das überrascht die Organisationsberaterin nicht: «Verschiedene Studien zeigen, dass gerade wegen moderner Kommunikationsmethoden, flexiblerer Arbeitszeiten und einer zunehmenden Anzahl von Teilzeitpensen Stress tendenziell zunimmt unter Angestellten.» Die Gründe sind vielfältiger Art – unter anderem geht die erhöhte Flexibilität mit einem erhöhten Tempo sowie einer hohen Erwartungshaltung von Arbeitgebern einher, etwa für wichtige Belange stets erreichbar zu sein.»

Doch Stress hin und hohes Arbeitstempo her – was die Genussfähigkeit angeht, sind die Romands den Deutschschweizern auch in der hektischen Arbeitswelt um Nasenlängen voraus. Das zeigt sich unter anderem an der Mittagspause. So nehmen sich 31 Prozent der Romands zwischen einer und eineinhalb Stunden Zeit für das Mittagessen, Erholung und Austausch mit Kollegen. Bei den Deutschschweizern gönnen sich lediglich 17 Prozent diesen Luxus. Das Gros der Arbeitnehmer indes nimmt sich in beiden Sprachregionen zwischen 30 und 60 Minuten Zeit für die Mittagspause.

Anrufe nerven am meisten

Was die Swisscom-Lifebalance-Studie auch zeigt: In der Freizeit werden vor allem Anrufe aus dem Geschäft als besonders stressig empfunden. Etwas weniger nervig werden SMS eingestuft, gefolgt von E-Mails. Auch während der regulären Arbeitszeit nerven Anrufe am meisten. Daneben wird vor allem das persönliche Auftauchen von Kollegen, Vorgesetzten und Kunden als sehr störend empfunden, dicht gefolgt von Telefon-/Videokonferenzen und Meetings.

Eine regionale Besonderheit, die ins Auge sticht bei den Umfragewerten, ist das am häufigsten verwendete Kommunikationsmittel. Während in der Deutschschweiz noch immer die meisten Kontakte übers Telefon laufen, belegen in der Romandie E-Mails den ersten Platz in Sachen Kontakthäufigkeit. Nicht ganz von ungefähr, denn im frankophonen Landesteil der Schweiz werden E-Mails als erheblich weniger stressig empfunden. Dort sagen 73 Prozent, dass sie sich während der Arbeitszeit nicht von E-Mails gestresst fühlen. Im deutschsprachigen Teil sind es lediglich 48 Prozent, die sich absolut nicht über die digitale Post nerven. Allerdings werden während eines Arbeitstages Deutschschweizer auch häufiger kontaktiert.

Fast jeder Fünfte ist psychisch angeschlagen

Fast die Hälfte aller Erwerbstätigen in der Westschweiz und etwas mehr als ein Drittel der Deutschschweizer sind mit ihrer aktuellen Arbeitsstelle sehr zufrieden. Weitere 38 respektive 48 Prozent sind eher zufrieden. Der Anteil der komplett Unzufriedenen ist diesseits wie jenseits des Mittagspausengrabens mit 11 und 12 Prozent quasi gleich hoch. Trotz allem scheint der Stress im Berufsleben an vielen Angestellten nicht spurlos vorüberzugehen. So stufen 18 Prozent der Deutschschweizer und 16 Prozent der Westschweizer ihren psychischen Gesamtzustand als sehr schlecht oder schlecht ein.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Regi am 06.06.2012 11:45 Report Diesen Beitrag melden

    Lebensinhalt?

    In unserer Firma werden Feierabend/Ferien der Mitarbeiter auch also solches gehandhabt, die Vorgesetzten halten es selbst auch so, also keine Störung während diesen Zeiten. Das ist sicher auch branchenabhängig und nicht überall gleich gut möglich, doch bei optimaler Personaleinteilung inkl. Stv. sollte es überall möglich sein, Störungen in der Freizeit auf ein Minimum zu beschränken. Bei manchen Angestellten kommt mir aber auch oft der Gedanke, dass sie gar nicht (mehr) wissen, was sie mit ihrer Freizeit anfangen sollen, isoliert sind und deshalb froh darüber sind, keinen Feierabend zu haben.

  • Luigi Filacchione am 05.06.2012 15:22 Report Diesen Beitrag melden

    Ohne Stress nach den Ferien ins Büro

    Telefonisch erreichbar kann ich mir auch nicht vorstellen, jedoch checke ich nach den Ferien am Wochenende, bevor der Alltag wieder ansteht sehr oft meine Mails. Das verbessert dann den "Montag-Morgen-Kater" erheblich, da ich weiss, dass ich nicht noch 200 Mails durchlesen muss. Spam und unwichtige Mails am Sonntagabend löschen, damit man am Montag schwungvoll starten kann. Das rate ich jedem! :)

  • Martin Müller am 05.06.2012 13:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anrufe in der Freizeit

    Mein Mitarbeiter hatte auch die Mode, mich in meiner Freizeit zu belästigen mit Anrufen, wegen Nonsens. Ich arbeite Teilzeit, aus dem Grund, dass ich leider bereits ein Burn-Out hatte. Ein Gespräch mit Chef und Mitarbeiter und die klare Grenzsetzung, dass ich in meiner Freizeit nicht genervt werden will, sondern frei habe, hat Wirkung gezeigt. Man muss sich durchsetzen und halt auch nicht immer Mails checken und jeden Anruf annehmen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • R. Hess am 09.06.2012 23:47 Report Diesen Beitrag melden

    Moderne Sklaverei !!!

    Zum Glück bin ich nicht Sklave einer Firma !!! Freiheit und Zeit haben ist halt schon ein schönes Gefühl :-) Tun und lassen was man will.

  • marina am 09.06.2012 20:58 Report Diesen Beitrag melden

    ..............................

    Kein Wunder gibt es immer mehr Menschen mit einem Burnout!

  • Thomas R. am 09.06.2012 17:09 Report Diesen Beitrag melden

    Gegen und Nehmen

    Für mich ist es ein Geben und ein Nehmen... Ich bin privat auch erreichbar und bin dafür auch mal am PC im Geschäft und arbeite etwas privates (z.B. diverse Rechnungen via ebanking zahlen). Solange meine Vorgesetzten auf mich zählen und mich am Wochenende und in meiner Freizeit erreichen wollen, mache ich das auch so. Wichtig ist einfach, dass das Geschäft dies auch zu würdigen und schätzen weiss, sonst geht es nicht. Ein Grund, weshalb ich bei meinem letzten Arbeitgeber gegangen bin - musste permanent erreichbar sein, was als selbstverständlich angeschaut und nicht entschädigt wurde.

  • mim am 08.06.2012 22:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    soso...

    meine firma verlangt nicht von mir in den ferien erreichbar zu sein. sondern ich schaue jeden 2ten tag nach den mails, um vorzu; weiterzuleiten/delegieren/löschen! wenn ich das nicht mache, habe ich nach 2 wochen ca 1000 emails und mind. 2 adrenalinschübe, meine erholung ist nach dem ersten tag hin. so checke ich freiwillig, damit ruhig und entspannt wieder loslegen kann. die art zu arbeiten hat sich verändert.früher hatte ich auch nicht 1000 briefe auf dem tisch nach 2 wochen ferien. denn man hat nicht wegen jedem gugus einen brief geschrieben und 20 leute eine kopie davon geschickt! :-)

  • Leser am 08.06.2012 21:38 Report Diesen Beitrag melden

    Frage des Blickwinkels

    In der Freizeit mehr arbeiten gibt mehr Freiheiten - für das Management, wenn der Angestellte ihnen mehr von seiner Zeit schenkt. Für den Angestellten bringt es nicht Freiheiten, es ist lediglich eine Frechheit. - So wie es neue Ideen gibt wie: über den Mittag wird ein Projekt vorgestellt - natürlich wird das nicht als Arbeitszeit angerechnet. Jeder anständige Mitarbeiter schenkt doch seine Freizeit auch noch der Firma... - Das Gesetz schreibt eine halbe Stunde Mittagspause vor - aber wenn man dafür nicht bezahlt wird, kann die Chefetage sogar die Mittagspause der Mitarbeiter einsparen.

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