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20. Dezember 2010 10:06; Akt: 20.12.2010 18:33 Print

«Nicht kaufen»

von Henning Steier - Hint Solutions bietet seit kurzem eine kostenpflichtige WikiLeaks-App an. Die Entwickler sind nicht die Ersten, die im Fahrwasser der Enthüllungsplattform Geld verdienen möchte.

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Seit kurzem steht die erste inoffizielle iPhone-Applikation für WikeLeaks bereit. Sie stammt von der russischen Firma Hint Solutions, kostet 2,50 Franken und läuft auch auf dem iPad. Entwickelt wurde sie von Igor Barinov, der in einem Tweet betonte, die Hälfte des erzielten Umsatzes gehe direkt an die Macher der Whistleblower-Website. Nach eigenen Angaben sollen seit Samstag bereits über 1000 US-Dollar weitergeleitet worden sein - wohl über eine der verbliebenen Spendenmöglichkeiten.

In der Beschreibung der Anwendung heisst es: «Diese WikiLeaks-App bietet sofortigen Zugriff auf die bekanntesten publizierten Geheimmemos und -dokumente.» Ein Kurz-Test von 20 Minuten Online zeigt allerdings, dass Nutzer Murdock1450 richtig liegt, wenn er in einem Kommentar schreibt: «Diese App ist nur eine Hülle für die mobile Website der Plattform. Einen wirklichen Zugang zu den Dokumenten gibt es über die Applikation nicht. Und ein Twitter-Feed zählt nicht als aktuelle Information.» Fazit des Anwenders Patrick Hurd: «Nicht kaufen.»

In der App selbst sind die über 2000 Mirror-Server aufgelistet, auf denen Unterstützer die WikiLeaks-Dokumente ins Netz gestellt haben. Nutzer können also in der Tat einfach eine der Websites mit dem Browser ihres Apple-Geräts ansteuern beziehungsweise Twitter aufrufen - und so gratis über WikiLeaks auf dem Laufenden bleiben. Denn seit Anfang Dezember rufen die Betreiber Sympathisanten dazu auf, Mirror-Server einzurichten, auf denen Kopien von Geheimdokumenten publiziert werden können. Wer einen übers Internet ansteuerbaren Unix-Server betreibt, kann diesen im Rahmen des Projekts Mass-Mirroring WikiLeaks zur Verfügung stellen, in dem er WikiLeaks das Hochladen von Daten per RSYNC+SSH oder FTP ermöglicht. Die Macher der Whistleblower-Website haben dazu einen öffentlichen Schlüssel ins Netz gestellt, über den WikiLeaks mit dem passenden privaten Schlüssel Daten auf die Server kopieren kann.

Entwickler schweigt, Apple auch

Ob Barinov seine App als einen indirekten Spendenaufruf sieht, warum er nicht alle Erlöse spendet und ob trotz des bisher überwiegend negativen Feedbacks auch eine Version für Android geplant ist, wurde bislang nicht bekannt. Denn der Entwickler liess entsprechende Fragen von 20 Minuten Online unbeantwortet. Auch Apple schwieg auf die Anfrage, ob man die Applikation aus dem App Store entfernen werde. Dass der Anbieter keine gewaltverherrlichenden oder pornographischen Apps zulässt, ist bekannt. In den Richtlinien für Entwickler gibt es aber keinen Absatz zu brisanten Inhalten, wie sie WikiLeaks anbietet. Mit diesem vagen Satz lässt sich das Apfel-Unternehmen aber alle Optionen offen: Man behalte sich vor, Apps zu entfernen, die eine Grenze überschreiten. Welche? Wie es ein Richter des US-Bundesgerichts einst formuliert habe: «Ich weiss es, wenn ich sie sehe.» Apple sei überzeugt, dass Entwickler wissen, wann sie überschritten werde. Unter anderem hatten bislang Mastercard, Visa, Moneybookers und Postfinance Accounts von WikiLeaks gesperrt. Amazon hatte Dokumente der Enthüllungs-Website von seinen Servern verbannt.

Daher entbehrt es nicht einer gewissen Komik, dass vorvergangene Woche bekannt wurde, dass auf der britischen Seite des weltgrössten Versandhändlers ein gewisser Heinz Duthel WikiLeaks-Dokumente als eBook für Amazons Reader Kindle verkauft. 7,37 Pfund verlangt er. Wie es in der Buchbeschreibung heisst, sollen 5000 Depeschen von US-Diplomaten in dem Werk enthalten sein. WikiLeaks veröffentlicht seit Ende November Nachrichten der Repräsentanten, aus denen deutlich wird, dass sie viele Länder der Welt in nicht besonders schmeichelhafter Weise sehen. Amazon hat sich bislang nicht zum dem eBook geäussert, dass über die eigene Plattform des Unternehmens publiziert wurde. Autor Heinz Duthel ist bislang unter anderem mit Titeln wie «The Concise Duthel Encyclopedia of Anarchism IV» bei Amazon vertreten.

WikiLeaks hat die Regierungen der USA und vieler anderer Staaten gegen sich aufgebracht, weil die Macher um Julian Assange unter anderem fast eine halbe Million als vertraulich oder geheim eingestufte Dokumente über die Kriege der USA im Irak und in Afghanistan und zuletzt tausende Mitteilungen von US-Diplomaten veröffentlichten. Die wichtigsten Erkenntnisse aus diesen sind in der obigen Bilderstrecke zu sehen.