Applikationen

01. September 2010 11:31; Akt: 01.09.2010 17:03 Print

«Steve Jobs kann sich gern bei mir melden»

von Henning Steier - Wer Web-Apps auf dem iPhone nutzt, hat viel mehr Freiheit als Nutzer von Apples App Store. Wie sein OpenAppMkt davon profitieren will, erzählt Macher Teck Chia im Interview.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Als im Juni 2007 das erste iPhone in den USA auf den Markt kam, gab es noch keinen App Store. Einige Anwendungen von Drittanbietern waren bereits installiert. Dazu zählten Google Maps und YouTube. Apple rief Entwickler dazu auf, im Browser Safari laufende Anwendungen zu schreiben. Diese präsentiert der IT-Konzern aus Cupertino seitdem auf einer eigens eingerichteten Seite.

Im Juli 2008 startete das Unternehmen den App Store, dessen Angebot mittlerweile mehr als 200 000 Applikationen umfasst. Seitdem fristet das Angebot an Web-Apps vergleichsweise ein Nischendasein. Weil die Applikationen im Browser laufen, benötigen sie in der Regel eine ständige Internetverbindung. Das kann vor allem im Ausland schnell teuer werden. Vorteil des App Stores aus Kundensicht ist überies, dass sie relativ sicher sein können, sich funktionierende Tools herunterzuladen, die ausserdem nicht anstössig sind. Denn Apple hat einen rigiden Aufnahmeprozess, mit dem das Unternehmen allerdings auch immer wieder negative Schlagzeilen produziert, weil er nicht immer gerecht zu sein scheint. Entwickler profitieren dafür von einem relativ guten Schutz vor Piraterie, denn Anwendungen lassen sich nur über den App Store installieren - es sei denn, man unterzieht sein Gerät einem so genannten Jailbreak. Wer es allerdings entsperrt, verliert jegliche Garantieansprüche.

C64 der Branche

Umsatz und Gewinnzahlen veröffentlicht keiner der grossen Anbieter - weder Apple noch Nokia für den Ovi Store oder Google für den Android Market. Daher sind die Zahlen aus einer kürzlich von Booz & Company veröffentlichten Studie allenfalls als Trendwerte zu sehen: Allein Apples Angebot soll in diesem Jahr einen Umsatz von umgerechnet etwa 3,1 Milliarden Franken erzielen. Insgesamt werde der Markt bis 2013 einen Umsatz von etwa 17,5 Milliarden Franken generieren, sagen die Unternehmensberater voraus. Diesen Optimismus wollte Joachim Graf, Verleger und Betreiber des Branchenportals ibusiness.de, Mitte Juli im Interview mit 20 Minuten Online nicht teilen: «Die App ist der neue C64 – ein für kurze Zeit sehr erfolgreiches, aber kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Die meisten Applikationen bieten bloss eine Atomarisierung von Funktionen. Spätestens bei der 500. Anwendung, die er sich runtergeladen hat, denkt sich mancher Nutzer: Brauche ich die wirklich? Oder um es mal anders auszudrücken: Kennen Sie die App, mit der Sie sich über 200 Verlagsprodukte angucken können? Man nennt sie Firefox.»

Es möge zwar heute für Nachrichtenseiten angebracht sein, zu versuchen, ihren Portalen Nutzer über Apps direkt zuzuführen. Mittelfristig würden sich Nutzer aber davon abwenden, für jede Seite eine andere Applikation nutzen zu wollen, prognostizierte Graf. «Mir ist es am eigenen Leib passiert. Ich hatte mir vor einigen Monaten die Xing-App heruntergeladen. Leider funktionierte sie nicht mehr richtig, weil die Entwicklung der Webseite schneller war als die Anpassung an die App. Ich bin also auf die mobile Seite des Business-Netzwerkes gegangen und siehe da: Dort habe ich alle Funktionen gefunden, wegen derer ich mir die Anwendung ursprünglich heruntergeladen hatte. Also habe ich sie umgehend gelöscht und mir einen Bookmark auf den Desktop gelegt. Aber auch für Entwickler ist die heutige Situation unkomfortabel, denn sie müssen für tausende verschiedener Geräte, diverse App Stores sowie Betriebssysteme Anwendungen schreiben.» Das verschlinge nicht nur viel teure Entwicklungsarbeit, auch Marketingkampagnen für die eigenen Applikationen kosteten viel Geld.

Grafs Bruder im Geiste ist Teck Chia, der mit Flora Sun und Tim Wuu seit Ende Juli das US-Start-up OpenAppMkt betreibt, einen Marktplatz für Web-Apps. Im Interview spricht er über sein Geschäftsmodell, mögliche Piraterieprobleme und den Nutzer als Filter.

20 Minuten Online: Wie sind Sie darauf gekommen, ein solches Angebot ins Netz zu stellen?
Teck Chia: Wir waren schon immer überzeugt davon, dass das Internet die beste Plattform für die meisten mobilen Anwendungen ist. Bislang wurde es von den meisten Entwicklern allerdings ignoriert - wegen Distributions- und Monetarisierungsproblemen. Wir dachten, wenn wir diese beiden lösen und auf die Möglichkeiten von HTML5 und CSS3 aufmerksam machen, könnte das Netz als App-Plattform endlich ernst genommen werden.

Wie lange haben Sie an OpenAppMkt.com gearbeitet?
Fast das ganze Jahr waren wir damit beschäftigt. Zuvor hatten wir unter anderem für das Start-up Bitfone gearbeitet, das von HP gekauft wurde und Software für mobile Geräte entwickelte.

Apple präsentiert in seinem Web-Angebot zurzeit rund 4900 Anwendungen. Wie viele bieten Sie?
Zurzeit sind es zirka 580 - davon sind nicht einmal zehn Prozent kostenpflichtig. Bei uns kann man übrigens mit allen gängigen Kreditkarten bezahlen. Dazu muss man sich vorher einen Account anlegen. Die Daten werden selbstverständlich SSL-verschlüsselt übertragen und können für den nächsten Einkauf hinterlegt werden.

Was ist der Hauptunterschied zu Apples Angebot?
Bei uns erhalten die Entwickler 80 Prozent der Einnahmen, von Apple bekanntlich 70. Ausserdem ist unser Marktplatz offen und wird durch die Community kontrolliert, nicht von einem Unternehmen.

Damit verfolgen Sie einen ähnlichen Ansatz wie Google: Apps können nicht nur ohne Android Market genutzt werden, sie werden auch erst überprüft und gegebenenfalls entfernt, wenn sie jemand meldet. Wie verträgt sich das mit Jugendschutz, Sicherheitsrisiken und Raubkopien?
Wir glauben an die Selbstreinigungsfunktion des Systems. Natürlich können wir die von Ihnen erwähnten Probleme nicht vorab lösen, versuchen, dies aber im Einzelfall möglichst schnell zu tun. Wir mussten übrigens bislang noch nicht einschreiten.

In Ihrem Angebot sind unter anderem Applikationen von Facebook und der BBC zu finden. Wurden Sie im Auftrag der Unternehmen eingereicht?
Ganz genau so war es. Im Übrigen denke ich, dass niemand etwas gegen die Verbreitung seiner kostenlosen Anwendung hat - egal, auf welchem Weg. Denn sie führen einem in der Regel neue Nutzer zu.

Wie wollen Sie Ihr Angebot schnell ausbauen?
Durch Interviews wie dieses. Und natürlich rufen wir Entwickler aus aller Welt auf, daran teilzuhaben. Noch in diesem Jahr sollen übrigens auch Android-Geräte unterstützt werden. Wir suchen übrigens gerade nach weiteren Investoren.

Haben Sie schon etwas von Apple gehört?
Steve Jobs kann sich gern bei mir melden.