Applikationen

19. Januar 2011 10:12; Akt: 19.01.2011 15:28 Print

«Bei mir hat sich noch keiner gemeldet»

von Henning Steier - In der App Reeder kann man Artikel leicht in Gänze und werbefrei lesen. Sie könnte Newsseiten Reichweite und Erlöse nehmen. Betreiber reagieren gelassen.

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«Reeder wagt den Tabubruch» ist der Blogpost auf netzwertig.com betitelt. Die iPhone-App ist seit September 2009 rund 130 000 Mal heruntergeladen worden, die Variante fürs iPad seit Juni 2010 etwa 120 000 Mal. Seit vergangener Woche hat sie eine neue Lesemöglichkeit zu bieten. Autor Martin Weigert schreibt dazu: «Die überaus populäre RSS-Applikation für iPhone und iPad, hat eine Funktion integriert, um bei gekürzten RSS-Feeds den gesamten Text anzuzeigen – ein brisanter Schritt.» Was er meint: Nutzer können in Reeder den gesamten Artikel lesen - werbefrei und ohne auf die eigentliche Website gehen zu müssen. Das bringt beispielsweise Nachrichtenseiten um Reichweite und Werbeeinahmen, kostet den Nutzer aber einmalig 3,30 Franken - Geld, das zwischen Apple und dem Entwickler aufgeteilt wird.

Diese Kritik findet der Zürcher Entwickler des Tools überzogen: «Reeder ist nicht die einzige App, welche eine solche Funktion integriert hat, man nehme beispielsweise Pulp for iPad und dessen Tool namens Magic Reader. Bei mir hat sich noch niemand gemeldet», betonte Reeder-Entwickler Silvio Rizzi im Gespräch mit 20 Minuten Online. Falls sich das ändern sollte, sei er bereit, die Funktion für einzelne Seiten zu deaktivieren. «Ich habe kein Interesse daran, den Verlagsseiten das Wasser abzugraben, indem Reeder dafür sorgt, dass weniger Nutzer Werbung sehen müssen», stellte Rizzi klar. Die Funktion sei vor allem dazu gedacht, Performanceprobleme des Mobilfunknetzes zu lösen, weil man nun ganze Artikel schneller lesen kann. Noch in diesem Jahr soll die Reeder-Version für den Mac im App Store bereit stehen.

Lösungen für Browser und Google Reader

Im Übrigen gibt es nicht nur Apps, die entsprechende Funktionen bieten. So hat beispielsweise Apples Browser Safari 5 seit Sommer 2010 einen Modus im Angebot, dank dem man auf mehrere Seiten verteilte Artikel auf einer lesen kann. Und für Googles RSS-Tool steht mit Super Google Reader eine entsprechende Erweiterung bereit. Apple und Super-Google-Reader-Entwickler Paul Leitmanis liessen Fragen von 20 Minuten Online bislang unbeantwortet.

Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien bei der NZZ, betrachtet Apps wie Reeder mit gemischten Gefühlen: «Einer meiner Vorsätze für 2011 war, keine Artikel bei Spiegel Online mehr zu lesen, die grundlos auf mehrere Seiten verteilt sind - ich habe leider nur bis gestern durchgehalten», sagte er auf Anfrage. Hat man die Nutzerfreundlichkeit im Hinterkopf, sei eine Readability-Funktion, wie sie Reeder anbietet, also wünschenswert. Doch man müsse auch die Vermarktung von Nachrichtenseiten im Blick behalten. «Und dann sind Tools wie dieses, aber auch Erweiterungen für Browser und den Google Reader abzulehnen, wobei Page Impressions bekanntlich überbewertet sind und zu hoffen ist, dass hier mittelfristig eine Korrektur stattfindet. Solange Page Impressions natürlich noch das Mass für die Zahl vermarktbarer Seiten sind, fühle ich mich selbst hin- und hergerissen. Ich hoffe, dass das Problem mittelfristig entschärft wird, wenn ein Teil der Seiten von NZZ Online zahlungspflichtig wird, denn dann werden RSS-Reader sowieso keinen Zugriff mehr auf diese Bereiche haben.»

Blick und Newsnetz warten ab

«Blick ist eine starke Marke und wir setzen bislang darauf, dass sich unsere Leser in deren Umfeld bewegen möchten – ob über die App oder die Homepage, weil dort Zusatzinhalte wie Videos, Infoboxen und archivierte Artikel zum selben Thema angeboten werden», sagte Ringier-Sprecher Edi Estermann zu 20 Minuten Online, «falls wir bemerken sollten, dass Apps wie Reeder nennenswerten Traffic von unseren Plattformen fernhalten, beziehungsweise illegal - also ohne Quellennachweis - Inhalte absaugen, würden wir rechtliche Schritte gegen den Anbieter prüfen.»

Auch das Newsnetz wird sich vorerst nicht bei Rizzi melden und setzt auf seine eigenen Anwendungen. «Wer seine Inhalte gratis ins Netz stellt, muss damit rechnen, dass solche Tools entwickelt werden. Natürlich beobachten wir genau, wie sich diese Angebote entwickeln. Sollten sie beispielsweise eines Tages für massive Trafficeinbrüche bei unseren Apps sorgen, würden wir uns natürlich entsprechende Schritte vorbehalten, denn letztendlich verkauft unsere Marketingabteilung Reichweite und ist daher nicht bereit, diese durch Fremdanbieter verkleinern zu lassen», erläuterte ein Sprecher des wie 20 Minuten Online zu Tamedia gehörenden Nachrichtennetzwerkes auf Anfrage.