Schlaue «Smartphones»

12. Oktober 2011 12:13; Akt: 12.10.2011 19:38 Print

Das digitale Vermächtnis von Steve Jobs

von Daniel Schurter - Spracherkennung à la Android ist von gestern. Apple macht das iPhone dank Siri-Technologie zum «intelligenten» Gesprächspartner. Und das ist erst der Anfang.

20 Minuten Online konnte Siri letzte Woche in London testen. Wegen der Hintergrundgeräusche kam es bei der Bedienung zu einigen Missverständnissen. Zudem hat auch das Aktivieren der Funktion seine Tücken.
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Inzwischen sind die ersten aussagekräftigen «Reviews» zum iPhone 4S im Internet aufgetaucht. Den folgenden Dialog hat ein englischsprachiger Tester mit dem digitalen iPhone-Assistenten namens Siri geführt, wie «The Loop» berichtet. Jim: «Ich liebe dich, Siri.» Siri: «Unmöglich.» Jim: «Doch, wirklich, ich liebe dich.» Siri: «Ich hoffe, du sagst das nicht zu den anderen Smartphones, Jim.» (...)

Siri versteht die natürliche Sprache des Menschen und stellt selbstständig Zusammenhänge her. So kann man Anweisungen geben, die von der Formulierung her nichts mit dem zu tun haben, was man vom Smartphone will. Wer etwa den akustischen Alarm des iPhones stellen möchte, um ein Nickerchen zu machen, sagt einfach zu Siri: «Weck mich in 20 Minuten auf.» Oder um zu erfahren, ob am gleichen Tag noch Termine in der Agenda eingetragen sind, genügt ein einfaches «Wie sieht der Rest meines Tages aus?».

«Potenziell revolutionär»

In einem lesenswerten Beitrag geht «Cult of Mac» auf die Siri-Technologie ein, die das Leben der iPhone-4S-Nutzer erleichtern soll. Die Einschätzung: Siri sei kein «Big Deal», sondern bedeutend grösser. Diese Meinung wird inzwischen von immer mehr Leuten geteilt. Wenn der Computer natürliche Sprache verstehe, werde das unseren Umgang mit elektronischen Geräten grundlegend verändern, heisst es.

US-Fachleute bezeichnen Siri als mächtigen Mix aus Spracherkennung, künstlicher Intelligenz und der gelungenen Integration in Apples neues mobiles Betriebssystem iOS 5, das heute veröffentlicht wird. Mit Siri packe Apple ein «potenziell revolutionäres» neues Feature auf das iPhone 4S - und werde die Technologie wohl schon bald auch in andere Hardware integrieren.

Militär-Technologie

An dieser Stelle ist festzuhalten: Siri ist keine Erfindung von Apple. Die Technologie ist dem weltgrössten Projekt für künstliche Intelligenz entsprungen, das 2003 in den USA lanciert wurde. Vor nunmehr acht Jahren rief das Pentagon CALO ins Leben. Das Kürzel steht für «Cognitive Assistant that Learns and Organizes».

Ziel des vom US-Militär finanzierten Forschungsvorhabens war es, einen Computer-basierten Assistenten zu entwickeln. Es sollte eine menschen-ähnliche Maschine werden, die alle natürlich gesprochenen Anweisungen verstand. Damit nicht genug, sollte der digitale Soldaten-Assistent lernfähig sein und sich den Bedürfnissen seines «Meisters» perfekt anpassen.

Von Apple gekauft

Zeitweise arbeiteten mehr als 300 Wissenschaftler von 25 Top-Universitäten und privaten Forschungseinrichtungen am CALO-Projekt mit. 2008 zog das Pentagon wegen Sparmassnahmen den Stecker - doch der Projektleiter Adam Cheyer und seine Mitstreiter hatten längst das kommerzielle Potenzial erkannt. Sie gründeten im kalifornischen Silicon Valley ein Startup namens Siri und konnten so das über die Jahre gewonnene Knowhow mitnehmen.

Vor gut einem Jahr wurde die Hightech-Firma mitsamt den knapp 20 Angestellten von Apple gekauft - gerüchtehalber soll der iPhone-Konzern 200 Millionen US-Dollar hingeblättert haben. Und so leitet Adam Cheyer heute bei Apple die Smartphone-Entwicklungsabteilung.

Googles Spracherkennung

In den vergangenen eineinhalb Jahren ist die Siri-Technologie in Apples mobiles Betriebssystem iOS integriert und für kommerzielle Zwecke weiterentwickelt worden. Mit der herkömmlichen Spracherkennung, wie man sie von Android-Handys kennt, hat Siri wenig gemeinsam. Dazu muss man sich die unterschiedliche Funktionsweise der Technologien vor Augen führen.

Google stellt mit Voice Actions ein leistungsfähiges Spracherkennungs-Tool zur Verfügung. Der Nutzer spricht ins Mikrofon - das Smartphone reagiert. Dabei muss man sich aber an eine begrenzte Zahl von Anweisungen halten, damit das Gerät «versteht». Alle bisher auf dem Markt erhältlichen Spracherkennungs- und Diktier-Programme funktionieren laut «Cult of Mac» nach diesem Prinzip - das habe aber nichts mit künstlicher Intelligenz zu tun.

Warum denn nicht?

Siri versteht bereits verblüffend gut, was der Nutzer von ihm/ihr will. Selbst dann, wenn nicht explizit gesagt wurde, welche Informationen oder Handlungen erforderlich sind. Die passende Anwendung (App) wird automatisch beigezogen. So kann man beispielsweise bequem herausfinden, ob es in Gehdistanz ein gutes italienisches Restaurant gibt und sich zum Lokal seiner Wahl lotsen lassen.

Sollen wir in Zukunft alle mit unseren Handys sprechen? Gegenfrage: Warum denn nicht, wenn es das Leben erleichtert? Bedenken und Skepsis gegenüber neuen Technologien sind normal, das haben frühere innovative Produkt-Vorstellungen von Apple gezeigt. Ausserdem bleibt einem ja die Touchscreen-Steuerung über Fingergesten erhalten - man muss also beispielsweise im Zug oder Tram auch in Zukunft nicht mit seinem iPhone sprechen.

Deutsch, aber kein Dialekt

Vorläufig reagiert Siri auf Englisch, Französisch und Hochdeutsch - weitere Sprachen sollen folgen. 20 Minuten Online war am 4. Oktober auf Einladung von Apple in London und konnte das iPhone 4S knappe zehn Minuten ausprobieren. Die Resultate waren erstaunlich: Siri konnte selbst komplexere Anliegen auf Deutsch und Englisch verstehen. Auf die Frage, ob man zurzeit Apple-Aktien oder Microsoft-Aktien kaufen solle, zeigte Siri die Kursentwicklung der letzten Wochen und gab eine Empfehlung ab.

Noch ist Siri alles andere als perfekt - die Technologie befindet sich gemäss Apple-Ankündigung noch im Beta-Stadium. Im Praxistest kam es zu einigen sprachlichen Missverständnissen, die aber auch mit Umgebungsgeräuschen zu erklären sind (siehe Video oben). Ausserdem interpretierte Siri ein undeutliches «Äh» als «Welt». Und weil das Wort nicht in den Zusammenhang des gesprochen Satzes passte, schlug das iPhone eine Suche im Internet vor.

Wieso ist der Himmel blau?

Je nach Anweisung oder Frage des Nutzers liefert Siri das Resultat einer Internet-Recherche, führt eine bestimmte Aktion aus («SMS an die Frau: Komme später, Liebling») oder greift auf die verschiedenen iPhone-Apps wie den Terminkalender zu und verknüpft die Informationen miteinander.

Der persönliche Assistent kann aber noch mehr, weil auch Wolfram-Alpha integriert ist. Dank diesem Online-Service kann der Nutzer alle möglichen Wissensfragen beantworten lassen. Etwa: «Wie spät ist es jetzt in Timbuktu?» Oder: «Wie viele Oktaven hat ein Klavier?». Aber auch: «Wieso ist der Himmel blau?»

«Mainstream»-Technologie

Das Grossartigste am digitalen Assistenten sei nicht die künstliche Intelligenz als solche, schreibt «Cult of Mac». Aus gesellschaftlicher Perspektive sei entscheidend, dass Apple die künstliche Intelligenz im Alltag verfügbar mache. Dank Siri werde künstliche Intelligenz zum Produkt für die Massen - einfach zu bedienen und vielseitig in der Anwendung. Darum sei davon auszugehen, dass sich Siri als Mainstream-Technologie weltweit durchsetzen werde. Man stehe am Beginn einer neuen Ära - andere IT-Grosskonzerne wie Google würden folgen.

Mit dem TV-Gerät sprechen

Siri vermag zwar noch nicht das zu leisten, was man aus Star Trek und anderen Science-Fiction-Filmen kennt. Doch die Entwicklung scheint nicht aufzuhalten zu sein. Zukünftige Siri-Versionen dürften noch viel mehr verstehen - das wirft auch grundlegende Fragen auf bezüglich der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine.

Zudem bestehen berechtigte Bedenken bezüglich Datenschutz und der Auswertung der persönlichen Sprachdaten. Ein grosser Teil der Nutzer-Inputs wird vom iPhone 4S über das Internet an die Apple-Server weitergeleitet und dort bearbeitet. Apple erhält also umfangreiche Informationen über die Wünsche und Bedürfnisse der Nutzer.

Einen Vorgeschmack liefert 9to5mac.com. Laut dem US-Blog gibt es erste (unbestätigte) Hinweise darauf, dass der persönliche digitale Assistent im Fernseher Einzug halten könnte. Genauer gesagt in der Settop-Box Apple TV. Natürlich wäre es bequem, mündlich nach dem gewünschten Film zu suchen. Aber dadurch werden die Nutzer gläsern.

Steve Jobs wird die Entwicklung der von ihm geförderten Siri-Technologie nicht mehr erleben. Als das iPhone 4S letzte Woche präsentiert wurde, verfolgte er die Apple-Show laut einer gut unterrichteten Quelle zuhause am Grossbildschirm. Zum Reden sei er zu schwach gewesen. Doch habe ihn die Live-Übertragung des Videostreams zufrieden lächeln lassen.


Siri-Werbevideo von Apple

(Quelle: youtube.com/Apple)

Siri-Demo bei YouTube

Auch das englischsprachige Stuff.tv hat die Fähigkeiten von Siri getestet.

(Quelle: youtube.com/stuffmagazine)

Update: 19.30 Uhr

Der persönliche Assistent namens Siri wird (vorläufig) nur auf dem iPhone 4S verfügbar sein. Die entsprechende Software, die einiges abverlangt vom Smartphone-Prozessor, kann nicht mit iOS 5 heruntergeladen werden. Apple hat iOS 5 am Mittwochnachmittag veröffenlicht. Das neue mobile Betriebssystem kann gratis über iTunes bezogen werden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • bennn am 12.10.2011 12:57 Report Diesen Beitrag melden

    Von wegen natürliche Sprache

    Hochdeutsch ist für Schweizer keine natürliche Sprache. Von daher glaube ich auch nicht, dass dies bei Nichtdeutschen wirklich anklang findet. Zudem kann ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, mich mit einem Gerät zu unterhalten. Aber jedem das seine. Mal schauen, wie das die iphonebenutzer bei uns im Geschäft handhaben werden :)

  • hans eggenberger am 13.10.2011 08:31 Report Diesen Beitrag melden

    peinlich..

    Ich kann bei meinem handy auch sms schreiben, navigiern, das web durchsuchen oder per sprachbefehl anrufen. jedoch benutze ich das nicht wie es sonst praktishc keiner tut, da es eifach nur peinlich ist wne man in der öffentlichkeit mit dem smartphone redet und weil jeder weis was du gerade tust...

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  • Thomas D. am 12.10.2011 14:12 Report Diesen Beitrag melden

    Wieso nicht Headliner an Medienkonferenz

    Irgendwie gebreiffe ich das Marketing von Apple diesmal nicht. Die machen eine Medienkonferenz an der alle das iPhone5 erwarten und alle sind enttäuscht. dass nur das Alte aufgemotzt wird. Hätten sie angekündigt, dass das iPhone5 erst nächstes Jahr kommt, aber Anfang Oktober eine andere Revolution eingeläutet werde, hätten die Medien wohl umgehend euphorisch von Siri berichtet, anstatt negative Berichte zu schreiben, weil das vorgestellte iPhone (bis auf Siri, aber das wurde ja kaum erwähnt) dem GalaxyS2 nachhinkt. So stand die Enttäsuchung dem Siri in der Sonne...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Micha l am 27.10.2011 14:09 Report Diesen Beitrag melden

    Danke Steve Jobs !

    Ich weiss ich werde sehr viel spass mit dem iphone 4s haben.

  • Phil am 19.10.2011 18:16 Report Diesen Beitrag melden

    Augen auf!

    Apple ist wieder einmal ein grosser Wurf gelungen! Zum Beispiel das Benachrichtigungscenter, das ist echt was neues, tolles! Nein, gibts seit langem bei Android, fragt sich ob da noch eine Klage folgt. Aber Siri, das ist doch wirklich eine geniale Revolution, für die Android noch lange brauchen wird?!! Ebenfalls falsch, wer die Medienberichte aufmerksam mitverfolgt hat, wird gemerkt haben, dass Siri ein netter, kleiner, 200 Millionen US-Dollar teurer Einkauf Apple's war. Siri ist keine Entwicklung oder gar Erfindung Apple's sondern nur eine Art Add-In, gekauft mit dem Geld der Apple-Freaks.

  • Sali von heiden am 17.10.2011 15:53 Report Diesen Beitrag melden

    apple hat vieles verändert ;)

    das iphone ist einfach immer einen schritt voraus, apple hat die handywelt mit dem iphone komplett verändert!! man ist einfach mobiler und alles!! ich finde apple kann dadurch die hohen preise rechtfertigen ;) alle probieren nachzumachen!! dabei probiert man sogar dir icons gleich zu machen um die kunden zu irritieren!! wie billig ist den das!! windows phone 7 zeigt im gegensatz zu den anderen betriebsystemen mehr würde, es hat ein komplett andere benutzeroberfläche und wirkt für mich besser als android :=)

  • Sandro am 14.10.2011 11:45 Report Diesen Beitrag melden

    apropos Apple kopiert alles..

    Ich weiss ja nicht ob es euch schon aufgefallen ist, aber schaut euch doch mal die ganze Smartphone Generation an. Egal ob Sony, Samsung; Nokia, whatever. Sie sehen alle aus wie Apples iPhone. Und jetzt bitte, wer kopiert hier von wem?

  • manuel am 14.10.2011 11:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hört mal bitte auf zu streiten echt

    echt. sony, htc, apple usw egal was, jeder das wo er will. apple hat mich bis jetzt immer happy gemacht, mir fehlt an nichts. früher war es mal nokia, dann erricson, jetzt apple.. was ist jetzt schlimm? ist samsung daa highlight? ist es apple oder htc, motorola? jedem das seine. steve hat viel bewirkt, bill gates auch. beide zusammen ging viel. also nur einer wären wir nie so weit mit den computern oder? also seit lieb und kauft samsung, dann kann ich gleich mein 4s holen :-)