Social Inbox

15. November 2010 19:30; Akt: 17.11.2010 13:39 Print

«Dies ist kein Gmail-Killer»

von Henning Steier - Mark Zuckerberg hat das neue Messaging-System vorgestellt. Es vereint SMS, Instant Messages und E-Mails. Wichtige Fragen liess der Facebook-Boss aber unbeantwortet.

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«Ich habe kürzlich mit Schülern gesprochen, die sich darüber beschwert haben, dass E-Mails zu langsam sind», sagte Facebook-CEO zu Mark Zuckerberg zu Beginn seiner Präsentation in San Francisco. Elektronische Post sei zu förmlich, man brauche Betreffzeilen, Begrüssung, Abschiedsformel und Ähnliches. Daher seien SMS und Instant Messages bei Jugendlichen beliebter.

«350 Millionen Mitglieder nutzen Facebooks Messaging-System», sagte Zuckerberg, mehr als vier Milliarden Nachrichten würden täglich verschickt. «Unsere Neuigkeit ist nicht nur ein E-Mail-Angebot», betonte Zuckerberg. Man habe eine Gesamtlösung entwickelt. Sie basiere auf drei Prinzipien: Nahtlose Kommunikation, die nicht nur E-Mails beinhalte, sondern auch SMS, Facebook-Nachrichten und Instant Messages. VoiP-Telefonate werden bislang nicht unterstützt, sollen aber ebenso bald folgen wie IMAP-Support.

Erinnerung an HTC Sense

Die zweite wesentliche Funktion laut Zuckerberg: Es sollen alle Konversationen mit allen Freunden archiviert werden. Drittes Feature ist der so genannte soziale Posteingang. «Nutzer hätten keine Lust, Listen mit erwünschten Nutzern anzulegen, von denen sie Nachrichten erhalten», sagte Zuckerberg. Standardmässig seien nur Nachrichten von Facebook-Freunden im Posteingang zu finden. Wer beispielsweise seine Grossmutter hinzufügen möchte, die nicht auf Facebook ist, aber trotzdem E-Mails schreibt, muss dies bewusst tun. Alle Instant Messages, SMS, Facebook-Nachrichten und E-Mails eines Freundes werden dem Nutzer gesammelt angezeigt - ein Prinzip, wie man es beispielsweise von Smartphones mit der HTC-Oberfläche Sense kennt.

Und dann kündigte Facebooks Produktmanager Andrew Bosworth E-Mail-Adressen für die Mitglieder an. Sie sollen aus ihren Namen und der Domain facebook.com bestehen und nur auf Wunsch des jeweiligen Nutzers eingerichtet werden. Dass Cyberkriminelle sich leicht als Facebook-Angestellte ausgeben können, indem sie potenzielle Opfer über @facebook.com-Adressen anschreiben, will das Unternehmen verhindern, indem Angestellte nun @fb.com-Adressen erhalten. Das soziale Netzwerk hatte diese Domain unlängst vom US-Bauernverband American Farm Bureau gekauft.

Bosworth zeigte unter anderem dieses Anwendungsbeispiel für Facebooks neues Angebot: Ein Mitglied des sozialen Netzwerkes sendet einem Freund eine E-Mail, in der er zum Pizza-Essen eingeladen wird. Der Empfänger kann über das Chat-Fenster direkt im Verlauf nachschauen, welches Restaurant der Absender wohl meinte und schickt diesem eine Antwort, ehe es losgeht. Der Initiator des Treffens sendet eine weitere Nachricht, weil ihm noch etwas eingefallen ist, diese geht per Push Notification aufs Smartphone des Freundes. Diese muss dazu natürlich die Facebook-App installiert haben. «Dies ist kein E-Mail-Killer», sagte Mark Zuckerberg. «Wir erwarten nicht, dass die Leute morgen ihre Yahoo-Accounts kündigen.» Das neue Messaging-System werde in den kommenden Monaten für alle Nutzer zur Verfügung stehen – zunächst nur auf Einladung.

Frische E-Mail-Adressen für Facebooks Datenbank

«Gmail ist ein gutes Produkt, unser Angebot ist kein Gmail-Killer, der Vorläufer unseres Produkts war Gigabox. Allenfalls ist es also ein Gigabox-Killer», sagte Zuckerberg als Reaktion auf Berichte, man wolle vor allem Google Konkurrenz machen. Er räumte ein, dass Facebook auch E-Mail-Adressen von Nutzern speichere, die nicht Mitglied des sozialen Netzwerkes sind. «Wenn sie eine E-Mail von ihrer Frau bekommen und ihre Adresse zu ihren Favoriten hinzufügen, müssen wir sie speichern, um damit arbeiten zu können», begründete der Unternehmenschef dies. Wie viel Speicher Anwender jeweils zur Verfügung haben, wollten weder Zuckerberg noch Bosworth verraten. «Wer unser Angebot nicht missbraucht, wird keine Platzprobleme bekommen», war das Einzige, was sich Letztgenannter dazu entlocken liess.

Fazit

Kein anderes Web-Unternehmen ist für Werbekunden so attraktiv wie Facebook. Denn Nutzer verraten dem sozialen Netzwerk freiwillig, wer sie sind und was sie mögen. Das macht es leicht, ihnen passende Reklame zu präsentieren. Auch wenn Zuckerberg Gmail lobte - Facebook dürfte sich mit seinen 500 Millionen Mitgliedern schnell zu einem ernsthaften Konkurrenten für Google, Microsoft und Yahoo aufschwingen. Laut den Marktforschern von comScore hatte Windows Live Hotmail im August 364 Millionen, Yahoo Mail 280 Millionen und Gmail 191 Millionen Nutzer. Da die Unternehmen offizielle Zahlen nicht kommunizieren, sind diese nur als Trendwerte zu sehen, die aber trotzdem das Potenzial von Facebook-E-Mail-Adressen veranschaulichen. Im Juni hatten die Analysten von Hitwise mitgeteilt, Facebook verzeichne in den USA 10,41 Prozent aller Visits, Google kam als zweitplatzierte Seite auf 7,18 Prozent. Laut comScore hatte Facebook Google zudem im August erstmals bei der Use Time überholt: Mit 41,1 Millionen Minuten täglicher Nutzung durch US-Mitglieder lag das soziale Netzwerk 1,3 Millionen Minuten vor Google. Mit einem E-Mail-Angebot könnte Facebook diese Zahlen weiter steigern.

Nach der Keynote stellte Zuckberg in seiner Antwort auf eine Journalistenfrage klar, dass Facebook nicht die Inhalte von E-Mails filtern will, um Mitgliedern passende Werbung zu präsentieren. Offen blieb allerdings, wie das soziale Netzwerk verhindern will, dass man Spam-Mails von Freunden bekommt, die man auf die eigene White List gesetzt hat. Ausserdem ist nicht bekannt, wie Facebook Dateianhänge von E-Mails auf Malware scannt und welche Maximalgrösse Attachments haben dürfen. Auch zur etwaigen SSL-Veschlüsselung gab es bislang keine Informationen.