Cyber-Mobbing

05. Mai 2011 14:03; Akt: 05.05.2011 14:37 Print

«Ich wurde auf Facebook attackiert»

von Oliver Wietlisbach - Mobbing im Netz wird zum Volkssport. «Da sich Täter und Opfer nicht sehen, ist die Hemmschwelle für Drohungen tief», sagt CVP-Nationalrätin und Mobbing-Expertin Barbara Schmid.

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Facebook erlaubt nur ein Konto pro Person. Trotzdem haben manche Nutzer über ein Dutzend Profile erstellt, um Andersdenkende anonym anzuschwärzen. Organisierte Massenmeldungen in teils geheimen Gruppen sollen unliebsame Personen zum Schweigen bringen. Ist eine Person zum Abschuss freigegeben, wird sie von den Gruppenmitgliedern im Akkord gemeldet. Für die Fake-Profile werden oft die Namen und Fotos von Film-Stars missbraucht. Desperate-Housewifes-Star Susan Meyers ruft dazu auf, das Konto von CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer zu melden. Mario S. (Name geändert) sieht sich als Held im Kampf gegen den Islam, als christlicher Fundamentalist und moderner Kreuzritter, der die Schweiz gegen den «Abschaum» verteidigt. Der selbsternannte Kreuzritter drohte einer politischen Gegnerin auf Facebook mit dem Tod: «Du bist die erste, die ich zur Strecke bringe.» Mario S. wurde der Drohung schuldig gesprochen und zur Bezahlung einer bedingten Geldstrafe von 7000 Franken verurteilt. Es gilt eine Probezeit von zwei Jahren. Seine CO2-Waffe wurde beschlagnahmt. Der Verurteilte veröffentlichte das Gerichtsurteil auf seiner Facebook-Pinnwand. Zudem prahlte er mit seiner Strafe und kündigte an, sich wieder eine Waffe zu besorgen. In einem Disput auf Facebook offenbart Mario S. sein Gedankengut. «Ich bin ein moderner Crusader, ein Fundamentalist. Ich bekämpfe den Abschaum, das ist eine Heldentat.» Mario S. ist kein Einzelfall. David H. (Name geändert) droht wegen eines Facebook-Streits mit einer politisch Andersdenkenden mit Vergeltung im realen Leben. David H. tut auf Facebook kund, wie seiner Meinung nach mit Muslimen zu verfahren ist. Seine verbalen Entgleisungen seien eine Reaktion auf die Provokationen der Linken. Diese haben ihn etwa als Sodomist oder ... .. Bettnässer und Cyber-Terrorist bezeichnet. Meldeaufrufe gibt es auch von linker Seite. Laut eigenen Angaben hat Facebook bereits 70 Profile von David H. gesperrt. «Alle an die Wand und Bumm!», empfiehlt ein anderer Facebook-Kreuzritter. Auf Facebook zirkulieren in einschlägigen Gruppen primitive Fotomontagen zur Belustigung der Islam-Gegner. Viel Aufwand, um eine unliebsame Person zu beleidigen. Bildmontage mit Fotos von politischen Gegnern. Auch Jung-EDU-Politiker Matthias Teh war anscheinend in diesen Anti-Islam-Gruppen. Im Namen von Jungpolitiker Matthias Teh wurde dazu aufgerufen, die Administratoren des liberalen Club Helvétique bei Facebook zu melden. Ein Anti-Islam-Aktivist erstellt ein Fake-Profil einer jungen Muslimin, um sich beim feindlichen Lager als Spion einzuschleichen. Mit der falschen Identität werden Muslime ausspioniert und Profilfotos erschlichen. David Hs. (Name geändert) Profilbild in einem Internet-Forum.

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Im Netz wird beleidigt, belästigt und bedroht - ganz wie im realen Leben, nur weit effizienter. Lügenmärchen über die Ex-Freundin lassen sich mit zwei Klicks online stellen und die «lustige» Fotomontage des Chefs ist auf Facebook im Nu mit der halben Welt geteilt.

Umfrage
Sind sie schon Opfer von Internet-Mobbing geworden?
2 %
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3 %
3 %
3 %
84 %
Insgesamt 6304 Teilnehmer

Da sich die Menschen im Internet nicht persönlich begegnen, ist die Hemmschwelle für Cyber-Mobbing ungleich tiefer als am Arbeitsplatz oder auf dem Pausenplatz. Die Folgen: Üble Beschimpfungen oder massive Drohungen werden weitaus schneller ausgesprochen. Mobbing im Internet ist auf dem Vormarsch. 2009 kam es alleine im Kanton Zürich zu 41 Anzeigen. Die meisten Mobbing-Opfer erstatten allerdings keine Anzeige.

Eigene Recherchen zeigen, dass Facebook-Nutzer Pseudo-Profile anlegen, um Mitmenschen anonym zu attackieren oder die Profile von politisch Andersdenkenden anzuschwärzen, auf dass diese bei genügend Meldungen gesperrt werden (siehe obige Bildstrecke). Wer Informationen und Fotos von sich ins Internet stellt und sich politisch exponiert, muss damit rechnen, dass dies für Schmäh-Kampagnen, Drohungen oder Beschimpfungen missbraucht wird. 20 Minuten Online hat Cyber-Mobbing-Expertin Barbara Schmid-Federer nach den Gründen dafür befragt.

Frau Schmid-Federer, Sie setzen sich seit mehreren Jahren als Nationalrätin gegen Cyber-Mobbing ein. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?
Ein schwerer Fall von Cyber-Mobbing besteht beispielsweise, wenn einem Jugendlichen auf Facebook das Profil-Foto ausgewechselt und durch ein pornografisches Bild ersetzt wird. Meist enden solche Vorfälle damit, dass die Familie des Jugendlichen den Wohnort verlassen muss, weil die Leute dem Opfer nicht glauben. Leichtere Formen äussern sich darin, dass andere Menschen auf dem Internet verbal angegriffen werden.

Wird im Internet mehr gemobbt als im echten Leben?
Ja, da bin ich mir sicher. Denn: Da sich Opfer und Täter nicht direkt gegenüberstehen, fehlt die natürliche Hemmschwelle. Kommt hinzu, dass Beleidigungen oder Drohungen im Netz sehr rasch weiterverbreitet und kaum mehr gelöscht werden können. So ist Mobbing im Internet wohl nicht nur häufiger, sondern auch gravierender als in der «realen» Welt.

Wie verbreitet ist Cyber-Mobbing?
Laut einer aktuellen Studie wurden schon 23 Prozent aller Deutschschweizer Jugendlichen im Internet «fertig gemacht». Etwa elf Prozent gaben an, dass Beleidigungen über sie im Internet verbreitet worden sind. Zahlen in Deutschland zeigen, dass mindestens zehn Prozent aller Jugendlichen bereits Opfer von schwerem Cyber-Mobbing wurden.

Hat sich das Phänomen Cyber-Mobbing parallel mit der Verbreitung von sozialen Netzwerken wie Facebook ausgebreitet?
Mobbing im Internet hat bestimmt zugenommen, ob ein direkter Zusammenhang mit sozialen Netzwerken besteht, kann ich nicht beurteilen. Fakt ist, dass heute bereits Kinder das Internet nutzen und sich die Welt oder das Leben grundsätzlich immer mehr ins Netz verlagert. Die Menschen verbringen entsprechend viel mehr Zeit am Computer.

Im Internet gibt es Webseiten, auf denen jeder unkontrolliert schreiben kann, was er will. Sind solche Plattformen ein gutes Ventil, um Dampf abzulassen oder laden sie geradezu zu Mobbing ein?

Solche Seiten sind verwerflich, da besonders jugendliche Mobbing-Opfer sehr grossen Schaden nehmen können. Viele Leute vergessen, dass das Internet ein öffentlicher Raum ist, auf den alle Zugriff haben. Das Netz ist bestimmt nicht der richtige Ort, um Dampf abzulassen.

In der Schweiz wurden schon mehrere Personen auf Facebook mit dem Tod bedroht. Wie soll man sich in einem solchen Fall verhalten?
Das Opfer sollte sofort bei der Polizei Anzeige erstatten. Persönlich wurde ich auch schon auf Facebook attackiert. Ich habe dies bei Facebook gemeldet sowie bei der Schweizerischen Kriminalprävention und den Meldestellen KOBIK und MELANIE vom Bund.

Warum kommt es zu Cyber-Mobbing?
Bei Mobbing geht es oft um die Befriedigung, Macht ausüben zu können. Auch Neid oder Gruppendruck können Motive sein. Oft ist es so, dass Jugendliche, die auf dem Pausenplatz drohen und beleidigen, auch im Internet mobben. Grundsätzlich kann jeder Opfer von Cyber-Mobbing werden – ist man sich der Gefahr bewusst, verhält man sich aber auch anders. In meinem Facebook-Profil findet man daher keine privaten Daten.

Die meisten Facebook-Nutzer verwenden die Plattform aber gerade, um persönliche Informationen oder Fotos auszutauschen.
Viele Jugendliche – aber auch Erwachsene – gehen zu naiv mit persönlichen Daten um und sind sich zu wenig den möglichen Konsequenzen bewusst. Immer mehr Arbeitgeber suchen gezielt in sozialen Netzwerken nach Informationen über die Bewerber. Stossen sie dort auf unvorteilhafte Fotos, die eventuell jemand anders auf einer Party geknipst hat, kann dies das jähe Ende der Jobträume bedeuten. Eine gute Regel wäre, über sich in Facebook nur zu veröffentlichen, was man auch in einem Bewerbungsschreiben aufführen könnte.

Was sollte gegen Cyber-Mobbing unternommen werden?
Cyber-Mobbing hat viel mit Medienerziehung zu tun. Das heisst, Kinder sollten in der Schule lernen, wie man sich im Internet verhält und wie man sich schützen kann. Heute gehört Medienerziehung noch nicht zum Schulstoff; dies sollte unbedingt geändert werden. Ein Lehrmittel gibt es schon. Dieses müsste flächendeckend eingesetzt werden.

Unternehmen die Betreiber von sozialen Netzwerken oder Chat-Seiten genug gegen Cyber-Mobbing?
Sie machen noch längst nicht genug. Einige Anbieter haben inzwischen allerdings verstanden, dass sie sich selbst schaden, wenn sie beim Schutz ihrer Nutzer nicht vorwärts machen. Schweizer Anbieter kann die Politik in die Pflicht nehmen, Facebook steht indes unter US-Recht, insofern sind uns dort die Hände gebunden. Ich verlange aber auch vom Bundesrat, dass er mehr tut, um die Opfer zu schützen.

Hat die Politik das Problem verschlafen?
Wir stehen erst am Anfang eines langen Prozesses. Das Ausmass des Problems ist überhaupt noch nicht erkannt. Der Bundesrat hat zum Thema Cyber-Mobbing einen Bericht verfassen lassen. Werden die Massnahmen nicht umgesetzt, bringt das natürlich nichts. Erst Ende 2010 wurde zum ersten Mal in der Schweiz eine Person wegen einer Beschimpfung auf Facebook verurteilt. Dies zeigt, dass vorher im rechtlichen Bereich wenig bis nichts getan worden ist.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • matrog am 05.05.2011 14:35 Report Diesen Beitrag melden

    Und man sollte eben nie aus dem Auge...

    ...verlieren, dass das Internet, und eben auch Facebook eine virtuelle Welt sind und nicht das Real-Life. Wenn das auch mal der allerletzten Benutzer begriffen hat, dann wird auch diese Pöbelei wieder verschwinden.

  • Michael Kessler am 05.05.2011 14:09 Report Diesen Beitrag melden

    Cyber Mobbing..

    Es ist nicht alzu schwierig solchen Problemen auf Facebook oder alg. im Internet aus dem weg zu gehen. Wer dazu nicht fähig ist und sich darüber ärgert, sollte vieleicht die Finger davon lassen!

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  • grrr am 05.05.2011 17:11 Report Diesen Beitrag melden

    Wieso hat FB wohl 500M Benutzerkonten?

    Wieso hat FB wohl 500M Benutzerkonten? ;-)

Die neusten Leser-Kommentare

  • Judy am 22.08.2011 13:08 Report Diesen Beitrag melden

    Ignorieren...

    Also was ich mich zum teil Frage ist. Warum schenkt man Beleidigungen im Netz überhaupt so viel beachtung? 1. sind diese meist sowieso frei erfunden und 2. kann man sie ja wie z. B. aud Facebook einfach entfernen. Wenn nicht kann man sie sonst irgend wie löschen oder einfach ignorieren. Aber gleiches mit gleichem vergelten finde ich einfach nur blöd, so endet es nämlich niemals und meist kennt man die Leute gar nicht wirklich. Am schluss hat man eine Wut im bauch die man nicht mehr richtig los wird.

  • mrdbase am 07.05.2011 13:05 Report Diesen Beitrag melden

    registrierung

    Bei uns auf unserer Seite ist es wie folgt geregelt. Jeder nutzer muss sich zu beginn registrieren. Dabei ist er verpflichtet seine volle Adresse anzugeben. Sind diese Daten nicht verfizierbar wird der Benutzer gesperrt, so einfach ist das.

    • Heini am 11.05.2011 18:38 Report Diesen Beitrag melden

      Registrierung schön und gut, aber...

      Und wer soll die Adressen der über 650 Millionen Facebook-User überprüfen?

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  • A. Freier am 06.05.2011 16:22 Report Diesen Beitrag melden

    Was mich beunruhigt...

    ist vielmehr die Tatsache, dass viele denken, Beleidigungen, Schmähungen und rassistische Äusserungen sind durch das Recht auf freie Meinungsäusserung legitimiert. Freie Meinungsäusserung darf nicht dazu benutzt werden, Andere zu diskriminieren und zu unterdrücken. Sonst tut man ja dasselbe wie die Unterdrücker der freien Meinungsäusserung.

    • Maggy Ritz am 06.05.2011 20:08 Report Diesen Beitrag melden

      A. Freier

      Bravo!

    • Rolf Tschan am 06.05.2011 22:50 Report Diesen Beitrag melden

      Ich stimme zu

      Das ist tatsächlich beunruhigend. Es geht Hand in Hand mit den Versuchen, Rassismus (wieder) salonfähig zu machen. Zum Beispiel mit dem Begehren, einschlägige Gesetzesartikel abzuschaffen.

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  • A. Berner am 06.05.2011 15:40 Report Diesen Beitrag melden

    Das Internet vergisst nie

    Man sollte sich wirklich gut überlegen, ob man z.B. seine politische Einstellung im Netz publik macht. Und wenn, dann muss man mit Kritik und Schmähungen rechnen und damit umgehen können. Wenn es aber ein gewisses Mass überschreitet, muss strafrechtlich eingegriffen werden können. Man kann zwar seine Daten im Netz löschen, irgendwo sind sie aber immer vorhanden. Deshalb bereits im Vorfeld die was-wäre-wenn-Frage stellen.

    • Rolf Tschan am 06.05.2011 22:48 Report Diesen Beitrag melden

      CH = Freiheitliche Demokratie

      Wir leben doch in einem demokratischen Land mit freiheitlicher Rechtsordnung. Weshalb sollte man seine politische Einstellung nicht öffentlich vertreten dürfen? Solange sie unserer Verfassung nicht widerspricht: Wer hat damit ein Problem? Bekennende Neonazis, hingegen, die sollten sich einen solchen Schritt gut überlegen: Unsere Justizbehörden können nicht auf ewig ihre Augen vor Rechtsbrüchen im Cyberspace verschliessen.

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  • Mario Schelbert am 06.05.2011 15:36 Report Diesen Beitrag melden

    Schwarzebalken und verpixeln

    weshlab werden die Namen und Bilder unkenntlich gemacht. weil wenn jemand so etwas schreibt steht er ja dazu und muss mit konsekuenzen rechnen.