Soziale Netzwerke

12. Januar 2010 13:37; Akt: 20.09.2010 13:13 Print

Ein Passwort für alle Accounts

von Henning Steier - Ein Interview mit einer Angestellten von Facebook sorgt für Wirbel: Sie wirft dem Unternehmen schwere Datenschutzverletzungen vor. Allerdings wird die Echtheit des Gesprächs von vielen bezweifelt.

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Facebook: Hat eine Mitarbeiterin ausgepackt? Bild: Colourbox/Composing

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Die Webseite therumpus.net hat am Montag ein Interview mit einer anonym bleibenden Angestellten von Facebook veröffentlicht. Im Gespräch erzählt sie unter anderem, dass es einst ein Master-Passwort gab, mit dem sich Mitarbeiter des sozialen Netzwerkes in alle Accounts einloggen konnten. Mindestens zwei seien gefeuert worden, weil sie Profile manipuliert hätten.

Die Mitarbeiterin, welche laut dem Artikel eine gute Freundin des Autors sein soll, war zum Zeitpunkt des Interviews rund zwei Jahre für Facebook tätig. Ihren Angaben zufolge soll es das erwähnte Passwort mittlerweile nicht mehr geben, es habe entfernt an «Chuck Norris» erinnert. Dafür sollen Facebooks Entwickler nach wie vor über ein spezielles Tool Zugang zu Profilen haben, wenn sie einen besonderen Grund nennen, warum ihnen dieser gewährt werden soll. Wer das Vertrauen missbrauche, werde umgehend entlassen.

Zweifel an der Echtheit

In einem E-Mail an Cnet schrieb Facebook-Sprecher Larry Yu: «Dieser Bericht enthält genau die Ungenauigkeiten und Fehlinterpretationen, welche man von einem Artikel erwartet, der auf anonymen Quellen basiert. Und dabei wollen wir es belassen.» Seitdem spekulieren zahlreiche Webseiten darüber, ob das Interview wirklich stattgefunden hat. TechCrunch.com weist darauf hin, dass es sich bei dem Artikel augenscheinlich um den einzigen des Autors Phil Wong auf therumpus.net handelt und spekuliert darüber, ob es Wong wirklich gibt. Auch sei im Artikel die Rede davon, dass er das Facebook-Hauptquartier besucht und dort das Interview geführt habe. Damit müsste das soziale Netzwerk herausfinden können, wer die Gesprächspartnerin gewesen sei. Andererseits schreibt TechCrunch-Autor Jason Kincaid: «Wer zwischen den Zeilen liest, merkt, dass Facebook den Behauptungen im Interview nur indirekt widerspricht, indem man dessen Quelle anzweifelt. Konkrete Fakten, welche falsch sein sollen, werden nicht genannt.»

In einem Kommentar von Jeremy Hatch, Redaktor von therumpus.net, unter dem Artikel heisst es hingegen: «Lange vor der Veröffentlichung konnte ich feststellen, dass das Interview wirklich stattgefunden hat. Ich hätte es niemals publiziert, wenn es den leisesten Zweifel gegeben hätte, dass es sich dabei um einen Scherz handelte.» Warum das Interview im Sommer 2009 stattgefunden hat, der Artikel aber erst gestern gebracht wurde, dazu äusserte sich Hatch nicht.

Cnet-Bloggerin Caroline McCarthy überzeugt das nicht: «Warum um alles in der Welt sollte eine Mitarbeiterin von Facebook derartige Informationen einem Schreiber anvertrauen, wenn ihre Kolleginnen ihn einfach bei Facebook suchen können (laut The Rumpus heisst er Phil Wong und ist Student an der Columbia University) und nachschauen können, mit wem er befreundet ist?» Ein Kurz-Test von 20 Minuten Online zeigt: Wer bei Facebook nach Phil Wong, Philip Wong oder Phillip Wong sucht, erhält zwar einige Treffer. Allerdings haben die jeweiligen User ihre Profile nicht für alle freigegeben. Glaubt man nun doch dem Interview, dürfte es für Facebook-Mitarbeiter kein Problem sein, trotzdem an die Profilinformationen heranzukommen.

Immer wieder Streit um den Datenschutz

Wie 20 Minuten Online berichtete, hat Facebook schon oft mit Datenschutzproblemen Schlagzeilen gemacht. Mitte Dezember hatte Facebook seine Privatsphären-Seite verändert. Auf dieser können Mitglieder der Community einstellen, wer was von ihnen sehen darf. Nun bekommen alle Mitglieder die im obigen Bild zu sehende Meldung angezeigt. Wer seine Einstellungen anpasst, sollte genau hinsehen. Denn als Voreinstellung ist ausgewählt, dass man beispielsweise die Statusmeldungen allen zugänglich macht. Das heisst, sie könnten theoretisch von jedem Surfer über Suchmaschinen gefunden werden. Microsofts bing hat mit Facebook bereits eine Vereinbarung darüber erzielt, solche Beiträge in den Index aufzunehmen. Google zeigt bislang nur Beiträge von Facebook Pages an. Diese werden vor allem von Unternehmen und Institutionen betrieben. Je mehr Inhalte von Facebook öffentlich zugänglich sind, umso attraktiver wird das Netzwerk für Anbieter von Echtzeit-Suchen. Aber auch Facebook selbst wird dadurch populärer, denn jeder Beitrag ist kostenlose Werbung für die Community, die zurzeit bereits rund 350 Millionen Mitglieder hat.

Bei Fotos und Videos, dem Geburtstag sowie religiöse Ansichten und politischer Einstellung ist als Standardeinstellung ausgewählt, dass die Angaben auch Freunde von Freunden sehen können. Es ist durchaus möglich, dass dies Menschen sind, die man nicht persönlich kennt. Auch hier sollten sich Mitglieder also genau überlegen, welche Box sie anklicken. Negative Kritik erntet Facebook unter anderem von Kevin Bankston, Jurist bei der Electronic Frountier Foundation (EFF): «Die neuen Einstellungen haben ganz klar das Ziel, User dazu zu drängen, mehr Inhalte im ganzen Web verfügbar zu machen.» Immerhin habe Facebook es nun allen Nutzern ermöglicht, für jeden Beitrag festzulegen, wer ihn sehen darf, so Bankston weiter, der ausserdem lobte, dass die Einstellungen zur Privatsphäre nun auf einer übersichtlicheren Seite zu finden seien.

In einem Interview mit TechCrunch-Gründer Michael Arrington hatte Facebook-Boss Mark Zuckerberg kürzlich Vorwürfe zurückgewiesen, dass Facebook an der Abschaffung der Privatsphäre arbeite. Man sei nur Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung, dass Menschen immer mehr von sich im Web preisgeben. «Als ich in meiner Studentenbude in Harvard begonnen habe, Facebook zu entwickeln, haben mich viele Freunde gefragt, was denn der Sinn dahinter sei, Privates in Netz zu stellen», erinnerte sich Zuckerberg. Seit etwa sechs Jahren habe das Ganze durch das immer populärere Bloggen einen Schub erfahren. Mitte Dezember war Zuckerberg in die PR-Offensive gegangen. Er hatte Privatfotos in seinem Profil veröffentlicht und geschrieben: «Für alle, die sich wundern, ich habe die meisten meiner Inhalte öffentlich gemacht. Manches ist immer noch privat, aber ich sah keine Notwendigkeit, die Sichtbarkeit von Bildern zu begrenzen, die mich mit meinen Freunden, meiner Familie oder meinem Teddybären zeigen.»

Schutz vor fremden Freundesanfragen

Negativschlagzeilen macht Facebook überdies immer wieder mit Spam-Attacken. Im Herbst 2009 war mit Sanford Wallace einer der bekanntesten Spammer verurteilt worden. Facebook bekam von einem Gericht in San Jose eine Entschädigung von 711 Millionen US-Dollar zugesprochen. Sam O'Rourke aus der Rechtsabteilung des Unternehmens schrieb aber im Firmen-Blog, man rechne allerdings damit, einen Grossteil der Summe nicht zu bekommen. O'Rourke sieht das Urteil vor allem als Abschreckung für Spammer. Denn das Gericht hatte die Staatsanwaltschaft aufgefordert, weiter gegen Wallace zu ermitteln. Am Ende könnte für Wallace eine Gefängnisstrafe herausspringen, so O'Rourke weiter. Wallace und seine Komplizen hatten Nachrichten an Millionen Facebook-User über E-Mail-Adressen verschickt, die sich die Spammer illegalerweise besorgt hatten. Die Mitteilungen enthielten Links zu Webseiten, deren Betreiber die Cyberkriminellen für jeden Klick bezahlten.

Um die Spamflut einzudämmen testet Facebook zurzeit eine neue Funktion. Wer eine Freundesanfrage mit dem Button «Ignore» ablehnt, hat neu die Möglichkeit, diesen Kontakt für immer zu blockieren. Sollte der ungebetene Gast also hartnäckig weitere Freundesanfrage an die eigene Adresse stellen, verpuffen diese im Nichts. Zusätzlich wird Facebook in Form eines Feedbacks darüber informiert: «Unsere Sicherheitsexperten sind darum bemüht, ungebetene Freundesanfragen zu limitieren und Spammer zu blockieren», wird eine Firmensprecherin auf dem Blog insidefacebook.com zitiert. Was die genauen Konsequenzen sind, wurde nicht verraten. Es ist gut möglich, dass Profile oft gemeldeter Personen von Facebook kurzerhand blockiert werden.

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