Privatsphäre

12. Oktober 2010 12:53; Akt: 13.10.2010 10:29 Print

«Darüber kann ich nur lachen»

von Henning Steier - Erneut Datenschutzprobleme bei Facebook: Ein Zürcher kann gestohlene Bilder nicht löschen, Fotos werden spät entfernt und ein Blogger gab sich als Google-Boss aus.

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Facebook: So sieht das Profil aus, dessen Besitzer Leser Julio Behnmann Fotos stiehlt.

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Am vergangenen Mittwoch liess es sich Mark Zuckerberg nicht nehmen, Neuerungen des weltgrössten sozialen Netzwerkes persönlich am Firmensitz im kalifornischen Palo Alto vorzustellen. In den neuen Gruppen kann man nun unter anderem mit allen Mitgliedern chatten. Mit wenigen Klicks kann man ab sofort sämtliche Daten des eigenen Facebook-Profils herunterladen. Ein neues Dashboard soll die genutzten Apps übersichtlicher anzeigen und den Nutzer schneller informieren, welche Berechtigungen er den Anwendungen eingeräumt hat. So soll verhindert werden, dass Apps auf Daten zugreifen, ohne dass ein Mitglied es weiss. Darüber hinaus sieht man, wann zuletzt eigene Daten von welcher App abgefragt wurden. Über die Seite können Applikationen direkt gelöscht oder Einstellungen geändert werden. Die beiden letztgenannten Funktionen zielten folglich darauf ab, die Privatsphäre der mehr als 500 Millionen Mitglieder besser zu schützen.

«Facebook und Datenschutz - darüber kann ich nur lachen», schimpft 20-Minuten-Online-Leser Julio Behnmann* aus Zürich. Am vergangenen Montag hatte ihn eine Freundin gefragt, ob er ein zweites Profil habe. Denn sie war auf ein anderes Mitglied gestossen, das sich als seine Schwester ausgab und Fotos von ihr zeigte, die Behnmann gemacht hatte. «Ich habe viele alte und neuere Bilder von mir in seinem Profil entdeckt. Auch Bilder von devianart.com, die ich nicht zur Verwendung freigegeben hatte, wurden hochgeladen», erzählt der 19-Jährige.

Von 50 Mitgliedern gemeldet

Daraufhin schrieb Julio Behnmann seinen Doppelgänger, der ebenfalls Julio mit Vornamen heisst, über Facebook an und fragte ihn, was mit ihm nicht in Ordnung sei. Der Angeschriebene antwortete, es sei ihm egal, Behnmann könne machen, was er wolle. «Fünf Minuten später hat er mein neuestes Profilbild hochgeladen», erinnert sich Behnmann, der Facebook anschliessend über eine entsprechende Schaltfläche am unteren linken Bildschirmrand bat, das Profil zu sperren. «Dies haben auch meine Mitbewohnerin und meine Gastmutter aus den USA gepostet und daraufhin folgten sehr viele Kommentare und Meldungen. «Ich denke, es sind mittlerweile knapp 50 Freunde und Bekannte, die ihn gemeldet haben.»

Er wisse, dass er sich den Bilderdiebstahl zum Teil selbst zuzuschreiben habe, weil er es dem Unbekannten leicht gemacht habe, an die Fotos zu kommen, räumt Behnmann ein. «Aber das ist auch nicht mein wichtigstes Anliegen. Es geht mir darum, dass es seit Montag so viele Leute gemeldet haben und Facebook immer noch nichts unternommen hat.» Denn mindestens wenn man so etwas entdecke, sei man nun selber schuld oder nicht, und es melde, solle Facebook in puncto Sicherheit seiner Nutzer, von denen man schliesslich lebe, eigentlich schneller reagieren und etwas unternehmen.

Fragen bleiben unbeantwortet

Vor fünf Tagen hatte 20 Minuten Online bei Facebook unter anderem angefragt, wie überprüft wird, ob derjenige, der sich beschwert, der ist, der er zu sein angibt, mit wie vielen Fällen dieser oder ähnlicher Art man im Jahr zu tun hat und wie lange es durchschnittlich dauert, bis sie bearbeitet werden. Das weltgrösste soziale Netzwerk hat allerdings noch keinen Sprecher, der sich um Medienanfragen aus der Schweiz kümmert. Zuständig ist eine Hamburger PR-Agentur, die nur allgemeine Antworten wie diese liefern kann: «Ein eigenes Team kümmert sich darum, Inhalte, die gegen die Nutzungsbedingungen verstossen, schnellstmöglich zu löschen. Darüber hinaus hat Facebook ebenfalls technische Lösungen entwickelt (zum Beispiel, dass man bestimmte Namen/Schlagwörter nicht verwenden kann), die die Arbeit des Teams unterstützen.» Am 13. April habe Facebook ausserdem seinen neuen Sicherheitsbereich vorgestellt, in dem Strafverfolgungsbehörden, Eltern, Lehrer, Organisationen alle wichtigen Informationen finden.

Julio Behnmann hat hier allerdings keine Lösung für sein Problem gefunden. Dafür konnte er das Profil seines Vornamensvetters vor zwei Tagen erneut melden. Zwischenzeitlich hatte er die Meldung erhalten, dass er dies schon einmal getan hätte und dass es daher nicht mehr möglich sei. «Ich habe noch einmal meine Freunde dazu aufgerufen, ihn zu melden, vielleicht reagiert Facebook dann endlich.»

Blogger wird zum Google-Boss

Gestern hatte Facebook überdies mit zwei anderen Datenschutzthemen Negativschlagzeilen produziert. TechCruch-Boss Michael Arrington hatte im Namen Eric Schmidts ein Facebook-Profil angelegt und dazu die ihm bekannte E-Mail-Adresse des Google-Chefs verwendet. Der Manager ist nicht auf dem sozialen Netzwerk vertreten. Es schlug Arrington sogleich prominente Mitglieder aus der IT-Welt als Freunde vor - darunter YouTube-Gründer Chad Hurley und Facebooks Vize-Boss Elliot Schrage. Wie Arrington vermutete, hatten die vorgeschlagenen Mitglieder Schmidts E-Mail-Adresse in ihrem Account gespeichert. Als der TechCrunch-Macher die ersten namhaften Freunde gewonnen hatte, erhielt er nach eigenen Angaben zahlreiche weitere Anfragen. Arrington kritisierte, dass die eingegebene E-Mail-Adresse zwar verifiziert werden müsse, man aber zahlreiche Funktionen von der Community nutzen könne, ohne die Adresse bestätigt zu haben. Einen Kommentar von Facebook erhielt er bislang nicht.

Dafür äusserte sich Sprecher Simon Axten zu einem Bericht von arstechnica.com, in dem auf Sicherheitsmängel bei gelöschten Fotos aufmerksam gemacht wurde. Die Seite hatte bereits vor 16 Monaten darüber berichtet, dass Bilder auch nach der Entfernung im Cache bleiben und von jedem angesehen werden können, der die URL kennt. Autorin Jacqui Cheng hatte ein Bild am 21. Mai 2009 gelöscht, das immer noch über die URL erreichbar war, als der Artikel gestern veröffentlicht wurde. Mittlerweile hat es Facebook aber entfernt. Axten kommentierte dies so: «Wir arbeiten daran, dass die Bilder schneller entfernt werden, so dass sie von niemandem mehr aufgerufen werden können.»


*Name geändert