Software

06. Juli 2010 11:10; Akt: 28.07.2010 12:44 Print

«Missmanagement im Android Market»

von Henning Steier - Googles App-Angebot hat zwar den höchsten Anteil an Gratis-Apps. Mit der wachsenden Popularität des freien Betriebssystems dürfte sich das aber bald ändern. Entwickler äussern unterdessen scharfe Kritik.

storybild

App-Angebote: Die meisten Gratis-Applikationen gibt es im Android Market.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Was profitorientierte Entwickler ärgert, dürfte sparfreudige Nutzer freuen: Laut Analysten von Distimo waren im Mai in den USA 57 Prozent der im Android Market verfügbaren Apps kostenlos. Apples Angebot für iPhone, iPod touch und iPad kam im Schnitt auf 28 Prozent. Nokias Ovi Store und die BlackBerry App World boten demnach jeweils 26 Prozent ihrer Applikationen kostenlos an, der Windows Marketplace 22 Prozent.

Als Gründe für den grossen Unterschied zwischen den Platzhirschen Google und Apple nannte Distimo, dass nur Entwickler aus Ländern, in denen Android verfügbar ist, kostenpflichtige Applikationen anbieten dürfen und nur User dieser Länder sie kaufen dürfen. Ausserdem müssen sich Nutzer einen Account für Googles Bezahlsystem Checkout anlegen, für Apples App Store reicht ein iTunes-Zugang, den viele Kunden bereits haben dürften, weil sie Apple Musik abgekauft haben. Google hatte unlängst eine Erweiterung für seinen Browser Chrome präsentiert, dank der US-Besitzer von Android-Geräten das Bezahlsystem leichter nutzen können sollen.

Nur Trendwerte

Im Dezember 2009 waren noch 62,2 Prozent aller Apps im amerikanischen Android Market gratis gewesen, wie eine Studie der Analysten von androlib ergeben hatte. Allerdings schweigen sie sich zu ihren Methoden ebenso aus wie Distimo, daher sind die Zahlen allenfalls als Trendwerte zu sehen, die aber dadurch bestätigt werden, dass Android immer populärer wird. Laut einer Studie der Marktforscher von Quantcast legte Android beispielsweise in den USA im Zeitraum Oktober 2009 bis Mai 2010 von neun auf 19,9 Prozent Markanteil zu. Apples iPhone OS kam auf 58,8 Prozent - nach 69 Prozent zu Beginn des Vergleichszeitraums. Google gibt allerdings keine offiziellen Zahlen zum Markanteil bekannt.Daher sind auch die Zahlen von Quantcast als Näherungswerte anzusehen.

Negative Kritik erntet der Suchmaschinist unterdessen von Jon Lech Johansen. Der Hacker wurde als DVD-Jon bekannt, der diverse Kopierschutzmechanismen aushebelte. In seinem Blog bemängelt er, dass der Android Market in 46 Ländern verfügbar sei, Entwickler jedoch nur in 13 davon überhaupt kostenpflichtige Anwendungen anbieten könnten. Die Preise werden nicht in der jeweiligen Landeswährung des Nutzers, sondern in der des Anbieters angezeigt. Entwickler könnten ausserdem keine ans jeweilige Land angepassten Preise verlangen. Auch eine Bezahlmöglichkeit in einer App, die beispielsweise das Umsteigen von einer Test- auf eine Vollversion ermöglicht, vermisste Johansen. Nicht zuletzt vermisst er eine Möglichkeit, Kunden im Changelog über Änderungen in der neuen Version einer Applikation informieren zu können.

Auch in Googles Support-Forum für den Android Market wird das Unternehmen scharf kritisiert. Unter anderem wird bemängelt, dass die Internetversion des Angebots nicht genügend erhältliche Anwendungen präsentiere. Ausserdem seien Googles Umtauschbedingungen zu kulant. Im Unterschied zur Konkurrenz kann man gekaufte Android-Apps binnen 24 Stunden zurückgeben und erhält den Kaufpreis erstattet. Überdies beklagen sich Entwickler über einen zu hohen Anteil an Spam-Kommentaren sowie rechtlich problematischen Apps im Android Market. Als Beispiel für letztere nannte Johansen 144 Klingelton-Apps, von denen viele Urheberrechte verletzten und die überdies die Multimedia-Sektion verstopfen. Er verwies ausserdem auf die Gratis-App Tunee, mit der man nach Musik suchen und geschützte Songs herunterladen könne. Ob Google die Kritik berücksichtigen und etwas ändern wird, gab das Unternehmen bislang nicht bekannt. Johansen machte zuletzt mit seiner Software doubleTwist Schlagzeilen. Die Konkurrenz für iTunes synchronisiert Mediendateien mit diversen mobilen Geräten.

Beliebt bei Raubkopierern

Wie 20 Minuten Online zeigte, ist Android aber in jedem Fall für Piraten erste Wahl, denn kostenpflichtige Apps lassen sich in zahlreichen Quellen finden und Smartphones müssen nicht entsperrt werden, um sie nutzen zu können. Besitzer von iPhones müssen ihre Geräte einem so genannte Jailbreak unterziehen, um Applikationen aus fremden Quellen installieren zu können, verlieren aber jegliche Garantieansprüche, wenn sie ihre Geräte knacken. Auch erotische Apps lassen sich für Android-Geräte problemlos finden. Denn im Gegensatz zu Apples rigidem Aufnahmeprozess kontrolliert Google Anwendungen erst, wenn sie von Nutzern gemeldet werden.