«Viral» aus der Schweiz

20. August 2012 13:56; Akt: 20.08.2012 17:40 Print

Google-Car-Crash - Zürcher Jux verkohlt die Welt

von Daniel Schurter - Seit Wochen geistern Bilder eines Street-View-Wracks durchs Web. Nun ist klar: Es ist ein Werbe-Viral aus der Schweiz. 20 Minuten Online weiss, wer dahinter steckt.

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Ein Rucksack-Tourist posiert vor einem Autowrack. Am 23. Juli 2012 wurden die Bilder eines gestrandeten Street-View-Fahrzeugs in der Wüste bei Leh in Indien auf der Online-Fotoseite Flickr gestellt. Die mit den Fotos gespeicherten Metadaten wurden gefälscht, so dass der Standort, das Aufnahmedatum etc. auf die Echtheit der Bilder schliessen lassen. Die Aufnahmen wurden in der Nähe von Las Vegas, beim Red Rock Canyon gemacht. Nebst den Bildern tauchte auch noch ein Amateurvideo im Internet auf. Hochgeladen wurde der Film von Gisela Treichler, der Gründerin und Geschäftsführerin des vor kurzem noch von der Schliessung bedrohten kleinen Reisebuchladens Travel Book Shop in Zürich. Das Video sorgte für beträchtlichen Wirbel. Der bekannte US-Blog Gizmodo titelte: «Google Street View ging ein bisschen zu weit und landete im Graben» Nun ging Geschichte um die Welt. Rund 3000 Online-Portale haben laut der PR-Agentur hinter dem Viral-Video über den vermeintlichen Unfall berichtet. Auto-Blogs und Tech-Portale trugen zur Verbreitung der Story bei. Bis nach Australien ... Die Internet-Nutzer reagierten teils skeptisch. Auch in Japan sorgten die Bilder für Aufsehen. Mit Schadenfreude wurde über einen Navigationsfehler des Google-Autos berichtet. Das bekannte US-Tech-Portal «The Verge» rief die Leser auf, das Street-View-Auto mithilfe eines Bildbearbeitungs-Programmes an möglichst verrückten Orten zu zeigen. Das britische Online-Medium «The Register» hakte bei Google nach und berichtete in einer weiteren Story, dass es sich um einen Hoax (Scherz) handeln müsse. Tatsächlich handelt es sich um eine aufwändig gemachte Werbekampagne für einen Schweizer Reisebuchladen. Das Autowrack wurde von CGI-Spezialisten am Computer generiert. Der Rucksack-Tourist trägt ein T-Shirt mit dem Logo des Travel Book Shop. Das virtuelle Street-View-Fahrzeug basiert auf einem schlichten Gerüst in der Wüste. Die Bilder auf der populären Foto-Seite Flickr haben bis heute über 50 000 Views erreicht. Die Botschaft: Informationen aus dem Internet sind mit grösster Vorsicht zu geniessen.

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Die Meldung verbreitete sich in Windeseile im Internet. Kein Wunder, hatte der mysteriöse Zwischenfall doch das Potenzial zum richtigen Knüller. Auf den ersten Blick zumindest.

Im indischen Hinterland, in einer menschenleeren Gegend, sei ein verunfalltes Street-View-Fahrzeug entdeckt worden, hiess es bei Twitter und Co. Von dem Unfall zeugten Bilder, die beim Fotodienst Flickr veröffentlicht wurden. Sie zeigten einen Rucksack-Touristen, der vor dem Wüstenwrack posierte.

Einige Tage später tauchte bei YouTube auch noch ein Amateurvideo auf. Das verwackelte Filmchen trägt den Titel «Google Car Fail». Darin ist ein junger Mann zu sehen, der das verlassene Kamera-Auto mit Steinen bewirft und offenbar grossen Spass hat.

(Quelle: youtube.com/Gisela Treichler)

Die Bilder schafften es bis nach Japan und Australien. News-Portale und Internet-Blogs rund um den Globus griffen die Geschichte vom angeblich gestrandeten Google-Auto auf. Der bei YouTube hochgeladene Film wurde innert weniger Tage über 90 000 Mal angeklickt. Die Internet-Welt diskutierte intensiv, ob es sich um einen echten Crash oder einen gut gemachten Fake handle. Natürlich traten auch Verschwörungstheoretiker auf den Plan und stellten alle möglichen Vermutungen an.

Aufnahmeort der Fotos gefälscht

Knapp einen Monat nach Bekanntwerden des Falles ist das Rätsel offiziell gelöst. Die spektakuläre Szenerie ist gestellt. Es handelt sich um eine Werbekampagne für einen Reisebuchladen in Zürich. Dies bestätigt der Art Director der Schweizer Werbeagentur Wirz exklusiv gegenüber 20 Minuten Online.

«Am 23. Juli haben wir die Bilder eines gestrandeten Street-View-Autos in der Wüste bei Leh in Indien auf Flickr gestellt», erzählt Rob Hartmann, Art Director von Wirz. «Das auf den Bildern zu sehende Google-Auto wurde von uns in 3D gebaut und in die Bilder integriert.» Die mit den Fotos gespeicherten Metadaten seien so manipuliert worden, dass alles auf die Echtheit der Bilder schliessen liess. Die Pointe liegt im Detail: Auf dem T-Shirt des vor dem Wrack posierenden Mannes prangt gut zu erkennen das Logo des Travel Book Shop.

20 Minuten Online hat auch Google um eine Stellungnahme gebeten. Die Antwort steht aus.

Kleiner Buchladen mit bewegter Geschichte

Der 1975 gegründete Travel Book Shop hat auch in der jüngeren Vergangenheit für Schlagzeilen gesorgt. Im Januar dieses Jahres wandte sich die 69-Jährige Eigentümerin Gisela Treichler mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit. Die «Neue Zürcher Zeitung» berichtete, dass der Reisebuchladen trotz einer treuen Stammkundschaft in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecke. Wenn nicht in letzter Minute ein «weisser Ritter kommt und den Laden rettet», sei sie endgültig am Ende, sagte Treichler.

Daraufhin meldeten sich mehrere Personen und die passionierte Globetrotterin holte schliesslich eine neue Geschäftspartnerin an Bord. Als Buchhändlerin verstehe sie sich auch als Kulturvermittlerin, sagte Treichler. Das Internet könne nie dieselbe Beratung bieten wie eine Buchhandlung, und schön gebundene Bücher könnten nie und nimmer durch den Bildschirm eines E-Books ersetzt werden. Reiseinformationen im Internet zu sammeln sei zwar bequem, aber die Quellen oft unzuverlässig, die Recherchen unqualifiziert und selten professionell aufbereitet. «Das Internet kann einem alles weismachen.» Dies wollte sie auch mit dem Film zeigen, der das Web «mit seinen eigenen Waffen» schlägt, wie Treichler sagt.

Die zuständige PR-Agentur nimmt Stellung: «Die Bilder lösten auch Schadenfreude aus»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chris am 21.08.2012 08:33 Report Diesen Beitrag melden

    Haha... wers glaubt...

    Und weil der Shop kurz vor der Schliessung stand, hat man 50000 Franken investiert... schlechter Witz...

  • Peter S. am 20.08.2012 19:02 Report Diesen Beitrag melden

    Milchmädchenrechnung

    Schon interessant, wie Werber rechnen. Ok - ich bin selbst Werber seit 18 Jahren mit eigener Agentur. Aber diese Milchmädchenrechnung geht nicht auf. 50'000 für die Kampagne in echtem Geld bezahlt. Gegenwert mehrere Hunderttausend virtuelle Medienresonanz-Fränkli. Würde der Buchladen diese Buchhaltung der Hausbank vorlagen würde der Kredithahn sofort zugedreht. Virtuelle Fränkli sind buchhalterisch keinen Rappen wert. Letztlich zählen Umsatz und Ertrag. Und Mehrertrag muss höher sein als die Kampagnenkosten, sonst war sie unternehmerisch ein Flopp. Für die Buchhandlung zumindest.

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  • M.Gmür am 20.08.2012 22:42 Report Diesen Beitrag melden

    WERBER

    Hoffe die hatten wenigstens eine schöne Woche in Las Vegas! Aber von den 50'000.-- sollte ja noch was übrig geblieben sein.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kay N. Google am 21.08.2012 16:06 Report Diesen Beitrag melden

    90

    Das sind aber nicht wirklich viele Aufrufe. Und warum gerade ein Google-Auto ist mir auch nicht gerade schlüssig.

  • S. Schönenberger am 21.08.2012 11:02 Report Diesen Beitrag melden

    Ist Geiz denn immer geil?

    Tolle Ideen kann man unmöglich immer mit Franken und Rappen aufwägen. Das ist der Grund, warum der Travel Book Store Probleme bekommen hat. Ich freue mich an der wunderbaren Story, die es ohne weitere Werbekosten in die Schlagzeilen geschafft hat. Und ausserdem lasse ich mich für Reisebücher gerne im Travelbookstore beraten.

  • Tina am 21.08.2012 08:42 Report Diesen Beitrag melden

    Also das stinkt

    Einen auf "wirtschaftlich" vor dem Aus stehen machen aber dann Riesensummen für so einen Schwachsinn ausgeben?

  • Chris am 21.08.2012 08:33 Report Diesen Beitrag melden

    Haha... wers glaubt...

    Und weil der Shop kurz vor der Schliessung stand, hat man 50000 Franken investiert... schlechter Witz...

  • Kurt Wyss am 20.08.2012 23:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wirz

    Sollte das stimmen das die Werbeagentur Wirz für 50.000 Fr. den Auftrag übernommen hat, die Bilder ins Interner gestellt hat, haben sie sich strafbar gemacht. Es fehlt dann bei den Bildern ein bestimmter Untertitel.